09.10.2019 | 10:50 Uhr Damals vor 30 Jahren: Michael Kretschmer erinnert sich

Vor 30 Jahren sind tausende Menschen auf die Straße gegangen, um friedlich zu demonstrieren - und damit das Ende der DDR einzuläuten. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer war damals 14 Jahre alt und bei den Friedensgebeten in Görlitz dabei. MDR SACHSEN-Moderator Silvio Zschage hat ihn nach seinen Erinnerungen gefragt, wann er sich nach dem Mauerfall sein Begrüßungsgeld abgeholt und was er sich dafür gekauft hat.

Wie haben Sie damals die Zeit vor 30 Jahren erlebt?

Michael Kretschmer: Wir waren als Schulfreunde bei den Friedensgebeten in Görlitz dabei. Wir waren auch mit auf der Straße bei den Umzügen und Demonstrationen. Das ist etwas, was mir sehr in Erinnerung bleibt, dieser Aufbruch. Auch die Wochen danach mit der Unsicherheit. Wir hatten immer die Hoffnung, dass jetzt etwas Neues entsteht, dass ein Durchbruch kommt.

Am Ende ist es auch ein Wunder. Es waren ganz wenige Wochen, die die DDR-Diktatur zum Einsturz gebracht haben.

Michael Kretschmer | Ministerpräsident in Sachsen

Sie waren noch sehr jung. Hatten Sie nach den Umbrüchen andere Ziele? Es war plötzlich alles offen und freier.

Im Herbst 1989 stehen im Anschluss an ein Friedensgebet Teilnehmer mit Kerzen in der Hand vor der Nikolaikirche in Leipzig.
An die Friedengebete vor 30 Jahren hat Michael Kretschmer bleibende Erinnerungen. Bildrechte: dpa

Ich habe auch als Jugendlicher die Unsicherheit gespürt. Bis dahin war klar, welche Lehrstelle ich bekommen könnte, wie das weitergeht und dann brach das in gewisser Weise zusammen. Ich habe auch verstanden, wie Ältere, die sich neu orientieren mussten, in Sorge sind. Aber auch für diejenigen muss man sagen, die haben dann Großartiges geleistet. Es hat nicht jeder einen optimalen Start gefunden, aber für uns alle gilt: Wir haben ein viel besseres Leben als noch vor 30 Jahren. Und das ist gut so.

Haben Sie gleich das Begrüßungsgeld damals abgeholt, diese 100 Mark?

Nein, unsere Eltern sind vorsichtige Menschen. Die Großeltern sind Vertriebene. Sie hatten mit der DDR nie was zu tun gehabt. Ihre Kritik haben sie immer hinter vorgehaltener Hand geäußert. Viele sind nicht zu den Pionieren oder zur Jugendweihe gegangen. Ich selber auch nicht, ich bin konfirmiert worden, habe keine Jugendweihe gemacht. Als dann die Mauer offen war und man fahren konnte, haben sie doch erstmal einige Tage gewartet, bevor sie mit uns rübergefahren sind. Wir sind eine Familie mit drei Kindern und meinen Eltern war das alles erstmal etwas ungeheuerlich.

Wohin sind sie zuerst gefahren?

Nach Berlin, Warschauer Straße. Dort sind wir über die Grenze gegangen, von Ostberlin nach Kreuzberg. Ich weiß noch wie heute, wie enttäuscht ich war. Weil dieses Kreuzberg sah genauso furchtbar aus wie auf der anderen Seite. Ich habe erst später gemerkt, dass es auch noch andere Ecken gibt.

Wissen Sie noch, was Sie von dem Begrüßungsgeld gekauft haben?

Wir haben an diesem Wochenende, das war ein Samstag, überhaupt nichts gekauft. Wir sind durch die Stadt gelaufen. Wir haben nette Menschen getroffen, die uns zum Essen eingeladen haben. Wir haben darüber gestaunt. Aber ich war von meinem ersten Besuch ein Stück weit ernüchtert, weil es eben Berlin war …

War der goldene Westen für Sie gar nicht so golden?

Es war eben nicht Bayern, ein bayrisches Dorf, wo alles in Ordnung ist, sondern es war Kreuzberg.

Quelle: MDR/in/sz

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.10.2019 | 5-10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 10:50 Uhr

12 Kommentare

Uwezi vor 1 Wochen

Lieber MDR, vor richterlicher Willkür ist auch im "Rechtsstaat" niemand geschützt. Richter haben nämlich die Narrenfreiheit, das sie in ihren Entscheidungen völlig frei sind. Und da kommt es dann auch schon mal vor, daß z. B. ein Richter, der von den beiden mit gesundem Menschenverstand urteilenden Schöffen überstimmt wurde, wahrscheinlich aus gekränkter Eitelkeit Lügen in die Urteilsbegründung schreibt um eine Revision zu erzwingen. Nach Einschätzung von Anwälten sind das keine Einzeifälle, das habe ich auch schwarz auf weiß. Und ansonsten gibt es genügend Literatur zu Justizwillkür, teils mild als Fehlurteil bezeichnet. So auch ein Buch von Norbert Blüm, dem wohl keiner Unseriösität unterstellt. Ein Rechtsstaat ist noch lange nicht wer das auf Papier stehen hat und von sich behauptet. Dazu gehört dann immer noch die entsprechende Umsetzung in der Praxis. Können kann man laut Gesetz viel, auch Richter wegen Rechtsbeugung anzeigen. Gebracht hat das in der Praxis bisher wenig.

der_Silvio vor 1 Wochen

Von hören kann keine Rede sein.
Ich durfte mit erleben, wie in der Schule wöchentlich Appell abgehalten wurde, wo politisch unbequeme Schüler vor der ganzen Schule bloßgestellt wurden.
Aus der Familie war jemand im gelben Elend inhaftiert, weil er etwas gesagt haben soll, was er
a) nicht getan hat und
b) nie nachgewiesen wurde.
Dieser Umstand sollte ausgenutzt werden um den privaten Besitz zu verstaatlichen. Die Firma wurde verstaatlicht.
Als Erwachsener habe ich die DDR nicht erlebt, wohl aber die Erinnerungen nicht verdrängt.
Die Tatsachen das Inrecht des DDR–Regimes habe ich von direkt Betroffenen, nicht von Dritten.

Bautzener vor 1 Wochen

Lieber MDR,

auf dem Papier mögen die Menschen in der Bundesrepublik vor Willkür geschützt sein. Das waren die Menschen in der DDR auf dem Papier auch. Auf dem Papier ist meistens alles gut. Aber was verhindert Willkür durch Behörden oder die Polizei in der BRD? Kaum etwas. Was verhindert die Willkür vor Gericht in der BRD? Vor Gericht laut ehemaligen Richtern nichts. Laut ehemaligen Richtern ist der Bürger gegen Rechtsbeugungen durch Richter praktisch wehrlos. Das musste ich leidvoll selbst erfahren. Ich glaube nicht, dass man bei der Bundesrepublik von einem astreinen Rechtsstaat sprechen kann, wenn der Staat eine Unrechtsjustiz duldet.

Mehr aus Dresden und Radebeul

Mehr aus Sachsen