Busmannkapelle in Dresden erhält Nagelkreuz
Bildrechte: Xcitepress/Christian Essler

Symbolhaftes Geschenk aus Coventry Englisches Nagelkreuz für Busmannkapelle in Dresden

Die Sophienkirche in Dresden brannte bei den Bombenangriffen im Februar 1945 aus, 1962/63 wurde sie abgerissen. In einem nachgebauten Teil der Busmannkapelle steht jetzt ein Nagelkreuz aus der Partnerstadt Coventry.

von Wolfram Nagel

Busmannkapelle in Dresden erhält Nagelkreuz
Bildrechte: Xcitepress/Christian Essler

Glas umhüllt die Busmannkapelle in einem Zwischenhof am Postplatz. Von zwei Pfeilern schauen die Konsolbüsten der Stifter herab, Bürgermeister Lorenz Busmann und seine Gattin um 1400. Sie gehören zu den wenigen originalen Bauteilen, die von der spätmittelalterlichen Sophienkirche erhalten geblieben sind. Die in den Neubau integrierten Steine und die angedeuteten Umrisse der gotischen Kapelle sollen die Versehrtheit des Gedenkortes zeigen, sagt Peter Schumann von der Dresdner Bürgerstiftung.

Die Kapelle erinnert an die im Zweiten Weltkrieg ausgebrannte und 1963 endgültig zerstörte Sophienkirche. Die ehemalige Franziskaner-Klosterkirche war nicht nur der älteste Sakralbau Dresdens, sondern auch evangelische Hof- und Bischofskirche. Deren Abriss gegen den Willen von Denkmalpflegern wie Hans Nadler gilt als politischer Willkürakt, wie die Sprengung der Leipziger Universitätskirche. Die Stelle des gotischen Baudenkmals nahm jahrzehntelang die "Gaststätte am Zwinger" ein, im Volksmund "Fresswürfel" genannt.

Dresdens Kriegsnarben verschwinden zunehmend

Plakat einer Wanderausstellung zur Friedensbewegung - Schwerter zu Pflugscharen - in der DDR.
Eine Wanderausstellung informiert über die Friedensbewegung in der DDR. Bildrechte: Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage e.V. Werdau

Peter Schumann hebt die Symbolhaftigkeit und große Bedeutung der Gedenkstätte hervor, denn: "Es ist eine Stelle, wo die Schüler dieser Stadt, die Kinder dieser Stadt die Ruinenhaftigkeit sehen und erkennen können: Das bleibt übrig, wenn man einen Krieg macht." Denn die Kriegsruinen sind längst aus dem Dresdner Stadtbild verschwunden. Selbst die neuen Sandsteine der wiederaufgebauten Frauenkirche beginnen inzwischen eine natürliche Patina anzunehmen.

Die Busmannkapelle werde eine "offene Wunde" bleiben, sagt der pensionierte Theologe Harald Bretschneider. Der Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" wurde durch ihn Anfang der 1980er-Jahre zum Symbol der christlichen Friedensbewegung in der DDR. Damals bereits erhielt die Dresdner Kreuzkirche das Nagelkreuz von Coventry verliehen.

60 Jahre Städtepartnerschaft

Coventry in Mittelengland und Dresden haben eines gemeinsam: Beide wurden im Krieg durch schwere Luftangriffe zerstört. Mit der am 13. Februar 1959 geschlossenen Städtepartnerschaft begann ein Versöhnungswerk, das bis heute Früchte trägt. Am 14. November 1940 bombardierte die deutsche Luftwaffe nicht nur das Industriegebiet von Coventry, sondern auch die Altstadt mit der Kathedrale aus dem 15. Jahrhundert. Propst Richard Howard überlebte den Angriff. Unmittelbar nach dem Angriff soll er gesagt haben: "Lasst uns auf Rache verzichten." Er barg ein paar Nägel aus den verbrannten Balken und setzte sie zu einem Kreuz zusammen. Daraus wurde das Nagelkreuz von Coventry. Und er schrieb darunter die letzten Worte Jesu am Kreuz: "Vater vergib!" Das Nagelkreuz wurde Zeichen der Versöhnungsarbeit, zunächst zwischen England und Deutschland, dann weltweit.

Nicht das erste Nagelkreuz in Dresden

Die Busmannkapelle ist nach der Diakonissenhauskirche, der Kreuzkirche, der Kirche Maria am Wasser und der Frauenkirche der fünfte Ort in Dresden, an dem ein Nagelkreuz auf die enge Verbindung zwischen Coventry und Dresden hinweist. Die Verleihung an die Busmannkapelle sei deshalb ein besonderes Ereignis, weil die Gedenkstätte eben keine geweihte Kirche ist, sagt Harald Bretschneider.

Weil hinter diesem ganzen Bau der Gedenkstätte [...] der Gedanke der Versöhnungs- und Friedensarbeit in einer Weise steht, die kaum an einem anderen Ort in Dresden so erfolgt ist.

Harald Bretschneider Theologe

Bretschneider, geboren 1942, hat als Kleinkind den Bombenangriff auf Dresden überlebt. Seine Mutter, so erzählt er, habe ihn aus den Trümmern gezogen. Das Bild von brennendem Asphalt habe sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Dieses Trauma sei Impuls für sein lebenslanges Engagement für Frieden und Versöhnung gewesen.

Der Schmerzensmann

Ursprünglich sollte kein Kreuz in der Busmannkapelle hängen. Doch die Verleihung des Nagelkreuzes durch Bischof Christopher Cocksworth aus Coventry verleiht der Gedenkstätte doch eine sakrale Aura, verstärkt durch den gegeißelten Christus aus dem 17. Jahrhundert. Die etwa lebensgroße Sandsteinfigur wurde während des Zweiten Weltkriegs in der Frauenkirche eingelagert und dort verschüttet. Nach der Bergung aus den Trümmern fand sie für zwanzig Jahre einen Platz in der Kreuzkirche am Altmarkt. Nun steht sie in der Busmannkapelle, direkt unter dem Nagelkreuz. Der gegeißelte Christus charakterisiere, wofür die Busmannkapelle überhaupt rekonstruiert wird, meint Bretschneider.

Der Theologe Harald Bretschneider
Bildrechte: Dietrich Flechtner

Sie (die Busmannkapelle – Anm. d. Red.) ist Ausdruck für das Leid aller Kriege und kriegerischen Auseinandersetzungen und aller Bekriegungen von Menschen untereinander […] gerichtet gegen den Missbrauch aller Macht [...] von den Mächtigen und Ohnmächtigen […] Es ist ja auch zu sagen, dass häufig ein Volk auch verdummt, wenn es nicht verantwortlich geleitet und geführt wird.

Harald Bretschneider Theologe

Gott lacht

Noch ist die Busmannkapelle nicht vollendet, auch wenn bei der Übergabe des Nagelkreuzes erstmals überhaupt eine Veranstaltung in der Gedenkstätte stattgefunden hat. Noch fehlen die Fußböden. Auch der Keller ist nicht ausgebaut. Doch anders als in den vergangenen 20 Jahren, in denen für jeden Bauabschnitt Geld gesammelt werden musste, ist die Finanzierung der Gesamtsumme von 3,5 Millionen Euro jetzt gesichert.

Die Restsumme ist 870. 000 Euro. Geld aus den sog. SED-Mitteln. Das heißt, es ist auch ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Ich sage immer, der liebe Gott hat gelacht, dass Gelder, die von politisch Verantwortlichen ins kapitalistische Ausland geschafft wurden, dass die nun wieder zurückgeführt werden, um die Kirche, die sie abgetragen haben, zumindest als Gedenkstätte wieder erstehen zu lassen.

Harald Bretschneider Theologe

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.02.2019 | ab 11:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 09:31 Uhr

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1 Kommentar

14.02.2019 04:34 CDU Wählerin 1

sehr kluge und der Lebenserfahrung wegen richtig und wertvolle Worte des Theologen Harald Bretschneider - dem ich voll zustimme!

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