15.01.2020 | 12:38 Uhr Polarforscher Arved Fuchs sprachlos über jahrzehntelange Ignoranz des Klimawandels

An den Küsten Grönlands und Islands hat Polarforscher Arved Fuchs mit Wissenschaftlern im Herbst 2019 die Folgen der Erderwärmung ausführlich dokumentiert. Nun kommt er zum Forum für Internationale Politik nach Dresden, um über die Folgen des Klimawandels zu sprechen. Im Interview mit MDR SACHSEN erklärt der 66-Jährige, warum der Klimawandel jeden Sachsen betrifft und warnt vor weiterer Ignoranz. Zugleich macht er auch Mut und verweist auf Erfolge bei erneuerbaren Energien.

Der Polarforscher Arved Fuchs steht kurz vor Beginn seiner neusten Expedition an Bord seines Segelschiffes "Dagmar Aaen".
Der Polarforscher Arved Fuchs ist einer der Teilnehmer des Forums für Internationale Politik in Dresden. Das befasst sich ab 23. Januar mit Folgen der Klimaerwärmung. Bildrechte: dpa

Frage: Gab es auf Ihrer Grönland-Expedition ein ganz besonderes Erlebnis für Sie?

Arved Fuchs: Ich unternehme solche Expeditionen seit über 40 Jahren. Insofern erlebe ich die Veränderungen im arktischen Raum über viele Jahre hinweg. Für mich ist das nicht überraschend, wie sich die Entwicklung jetzt fortgesetzt hat. Auf der Grönlandexpedition haben wir erlebt, dass beispielsweise an der Ostküste, wo sonst eigentlich immer dichte Packeisgürtel vorliegen und man mit dem Schiff große Schwierigkeiten hat, die Küste zu erreichen, dass das mit einem Mal eisfrei war. Es gibt zwar Gletschereis. Aber das Meereis, das Salzwassereis ist weitgehend verschwunden. Das ist höchst ungewöhnlich.

Sie wissen, was die Klimaveränderungen bewirken. Erschreckt es Sie trotzdem, wenn Sie die Folgen sehen?

Naja, mich erschreckt vor allen Dingen und macht mich sprachlos, dass man über Jahrzehnte hinweg dieses Problem erkannt hat, aber verwaltet, ausgesessen und nichts gemacht hat. Jetzt scheint man plötzlich überrascht, dass die Zeit drängt. Dass man jetzt wirklich handeln muss. Es ist ein lange bekanntes Problem. Man hat bloß nie etwas getan. Und jetzt muss man etwas machen, wenn man diesen Prozess noch irgendwie stoppen oder Einhalt gebieten will.

Kann man aus Ihrer Sicht noch etwas machen?

Ein kleines Schiff zwischen Eisschollen, im Hintergrund ein Berg mit Schnee.
Bei einer Expedition 2006 kämpfte sich Arved Fuchs Schiff noch durch Meereis in der Arktis. Bei seiner letzten Reise nach Grönland war Eis auf dem Wasser "weitgehend verschwunden", sagt er. Bildrechte: dpa

Ja. Man kann etwas machen. Da gibt es entsprechende wissenschaftlichen Expertisen, die sagen, wir müssen die Treibhausemissionen drastisch einschränken. Das wird mittlerweile auch getan. Man muss auch die positiven Ansätze sehen. Es gibt aber auch nach wie vor großen Handlungsbedarf. Wir müssen aus der Kohleverstromung raus. So bitter das für einige sein mag. Aber die Folgen, die aus diesem Klimawandel heraus resultieren, sind für alle beteiligten Menschen viel, viel dramatischer, als wenn man jetzt nichts macht.

Das gängigste Argument der Kritiker hier ist: Deutschland kann sich weit aus dem Fenster hängen, es bringt am Ende in der Klimabilanz aber nichts. Was sagen Sie dazu?

Das stimmt aber nicht. Jeder Deutsche emittiert pro Jahr etwa zehn Tonnen CO2. Es wird dann immer mit dem Blick auf China verwiesen nach dem Motto: Die emittieren ja viel mehr. Natürlich, dort sind viel mehr Menschen, aber pro Kopf emittiert ein Chinese etwa sieben Tonnen CO2 und nicht zehn Tonnen wie wir. Die reichen Industrienationen haben eine Verantwortung, weil wir es ja gewesen sind, die diese Entwicklung vor Jahren in Gang gesetzt haben. Es ist auch unsere Verantwortung hier gegenzusteuern, natürlich nicht Deutschland alleine. Es gibt auch andere Nationen, die gegensteuern. Wenn wir als Hochtechnologiestandort Technologien entwickeln, dann lässt sich mit dieser Umweltschutztechnologie auch Geld verdienen, Arbeitsplätze schaffen.

Sie haben gesagt, wenn wir jetzt nicht die nötigen Maßnahmen ergreifen, dann wird es noch viel schlimmer werden. Was meinen Sie damit?

In Wissenschaftsreports, die den Politikern in die Hände gegeben werden, wird gesagt, dass das Klima, wenn das weltweite Klima im Mittel auf über zwei Grad steigt, außer Kontrolle gerät. Es dreht sich nicht darum, dass wir an der Ostsee ein bisschen wärmere Temperaturen haben. Alles hängt mit allem zusammen. Wir haben Auswirkungen und Extremwettererlebnisse, wenn Sie sich nach Australien orientieren, mit diesen furchtbaren Bränden. Da hat selbst der Premierminister eingeräumt, dass das mit dem Klimawandel zusammenhängt. Extremwettergeschehnisse, wie wir sie erleben, werden zunehmen. Das kostet die Volkswirtschaften enormes Geld. Insofern stehen Vermögenswerte in unvorstellbaren Höhen zur Disposition. Es ist nicht in unserem Sinne, das Klima zu verändern. Wir dürfen nach Möglichkeit nicht die 1,5-Grad-Marke - und schon gar nicht die 2-Grad-Marke - überschreiten.

Warum kommt Arved Fuchs nach Dresden? - In Dresden findet am 23. und 24. Januar das 3. Dresdner Forum für Internationale Politik statt.
- Organisiert wird es von der Sächsischen Staatskanzlei, der Stiftung Entwicklung und Frieden sowie der Stiftung Frauenkirche Dresden.
- Die Fachkonferenz hat den Titel "Rohstoffe für den Klimaschutz: Strategien zur Konfliktprävention".
- Konkret diskutieren internationale Fachleute und Experten aus Sachsen über den dramatisch hohen Ressourcenverbrauch der Menschen, daraus resultierende Konflikte, Präventionsstrategien und die Rolle der Politik.
- Am Abend des 23. Januar hält Polarforscher und Abenteurer Arved Fuchs den Hauptvortrag in der Frauenkirche und nimmt an einer Podiumsdiskussion teil.

Sie kommen nach Dresden. Eröffnet wir die Tagung von Ministerpräsident Michael Kretschmer. Werden Sie sich den mal packen und mit ihm über Kohleverstromung sprechen?

Ich bin ein streitbarer Mensch. Ich werde mich gerne auch mit Herrn Kretschmer streiten. Konstruktiver Streit - das ist das, was wir brauchen, um weiter zu kommen. Wir müssen aus der Kohleverstromung raus. So schnell, wie es geht! Es gibt keine Alternative aus meiner Sicht. Der Klimawandel hat globale Auswirkungen, nicht nur regionale. Er birgt ein unglaubliches Konfliktpotenzial. Auch das Migrationsproblem, was wir haben. Was sollen Menschen denn tun, wenn beispielsweise in Afrika Landstriche veröden, verdörren? Sie wandern. Diese Migrationsproblematik hängt mit dem Klimawandel zusammen. Wir müssen Lösungen finden.

Es ist einfach zu sagen, ja, ja, die Politik muss handeln. Was kann man selbst machen? Oder was haben Sie über die Jahre persönlich geändert bei Ihren Lebensgewohnheiten?

Meine Frau und ich haben Energiesparmaßnahmen am Haus durchgeführt, was immer möglich ist. Ich fliege im Inland so gut wie gar nicht mehr, sondern fahre mit der Bahn. Ich lasse auch das Auto häufiger stehen und esse nicht mehr so viel Fleisch wie früher. Es gibt sehr viele Stellschrauben, die der Einzelne hat, um seinen CO2-Abdruck zu reduzieren. Das alleine wird es aber alles nicht regeln. Wir müssen in größeren Dimensionen denken, sprich wir müssen erneuerbare Energien weiter vorantreiben. Wir sind da auf einem guten Weg. Das muss man doch mal sagen: Wir haben über 40 Prozent Stromanteil durch erneuerbare Energien. Das hätten Sie mal jemandem in den frühen 1990er Jahren erzählen sollen. Da wären sie ausgelacht worden. Es geht. Wir haben die Technologien. Wir müssen sie nur wirklich umsetzen und wollen.

Das Interview führte Elena Pelzer.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.01.2020 | ab 05:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 12:38 Uhr

Mehr aus Dresden und Radebeul

Mehr aus Sachsen