Präventionskampagne Bunt statt blau: Schüler in Dresden informieren sich über Folgen von Alkohol

Einen Kräuter auf Opas Gesundheit, Sektchen zum Anstoßen auf die Beförderung, Bier zum Abendbrot: Alkohol ist für viele Erwachsene Alltag. Damit sind sie oft genug schlechte Vorbilder für Kinder. Das hat Folgen für die Heranwachsenden, sagen Experten. Ein Bewusstsein für die Folgen von Alkoholkonsum will die Krankenkasse DAK mit der Kampagne "bunt statt blau" schaffen. Dazu gehören ein Kinofilm, ein Plakatwettbewerb und Diskussionen mit Schülern und Jugendärzten.

Ein Jugendlicher sitzt in Schwerin hinter Flaschen mit Alkohol.
Alltagssorgen mit Alkopops und Schnaps wegspülen? Im Präventionsfilm "Komasaufen" versucht ein 15-Jähriger genau das. Wie dramatisch so etwas enden kann, sahen am Mittwoch mehr als 300 Schülerinnen und Schüler im Kino in Dresden. Bildrechte: dpa

Mittwoch 10 Uhr: 319 Schülerinnern und Schüler drängen sich in den UFA Kristallpalast. Ihre Schulstunde findet heute in Kinosaal 8 statt. Thema: Prävention gegen Komasaufen. Aufgaben: den Film "Komasaufen" über das Alltagsleben eines 15-Jährigen und seiner Clique ansehen und danach Fragen stellen. In der Pause können die 12- bis 15-Jährigen mit einer Rauschbrille ihr Reaktionsvermögen testen und spüren, wie es ist, sich berauscht zu bewegen. Zudem können sie Shots ohne Alkohol probieren und mit Notfallärzten und Rettungsasisstenten sprechen. Dieses Programm gehört zur DAK-Kampagne "bunt statt blau", die seit zehn Jahren über die Folgen von Alkoholmissbrauch bei Kinder und Jugendlichen aufklärt. Nach Angaben der Krankenkasse DAK haben daran mehr als 95.000 Schüler bundesweit teilgenommen.

Bei Familienfeiern haben Verwandte schon manchmal zu viel getrunken und sich dann seltsam benommen. Ich find' Alkohol nicht so gut.

Lilly Pinter Schülerin aus Radeberg

Eine Teilnehmerin ist am Mittwoch die Oberschülerin Lilly Pinter. "Man muss mehr darüber kennenlernen, was passiert, wenn man zu viel Alkohol trinkt." Die Schulstunde im Kinosaal findet die Zwölfjährige gut und hofft, dass die Inhalte bei möglichst vielen Gleichaltrigen ankommen. Manche hätten zwischendurch immer mal gelacht oder Witze gemacht, aber: "Die wollen nur cool wirken. Sie hören auch zu."

Wenn man sieht, wie die Leute auch austicken können, das ist schon krass. Und dann machen die anderen Fotos, posten die und machen sich darüber lustig. So etwas verbreitet sich doch überall.

Thea Heine 14 Jahre alte Schülerin
Zwei Schülerinnen stehen auf einer Treppe und blicken in die Kamera. Es sind zwei Besucherinnen einer Präventionskampagne gegen Alkohol am 6.2.2019 im UFA Kristallpalast in dresden aus Radeberg: Lilly Pinter (li.) und Thea Heine (re.)
Wie sich berauschte Erwachsene benehmen, haben die Oberschülerinnen Lilly (li.) und Thea schon bei Familienfeiern erlebt und fanden das seltsam. Bildrechte: MDR/Kathrin König

"Wir wollen Euch nicht die Party vermiesen oder es besser wissen. Leider sind auch nicht alle Erwachsenen ein gutes Vorbild", sagt Christine Enenkel, die Leiterin der DAK-Landesvertretung Sachsen. Sie spricht als Mutter einer 16-Jährigen aus Erfahrung über die Folgen übermäßigen Alkohols: "Es macht mich betroffen, wenn Fotos von Jugendlichen mit hochprozentigem Alkohol in der Hand in sozialen Netzwerken die Runde machen und sich viele darüber lustig machen." Torkeln, Lallen und Bewusstseinsverlust seien aber noch harmlos im Vergleich zu den Folgen einer Alkoholvergiftung.

Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes mussten 2017 insgesamt 1.130 Kinder und Jugendliche nach dem Rausch in sächsischen Krankenhäusern behandelt werden - davon 157 in Dresden. Sachsenweit lautete bei 200 Kindern im Alter von zehn bis 15 Jahren die Diagnose: schwere Alkoholvergiftung. Während bundesweit gesehen junge Leute immer weniger Alkohol konsumieren, steigt in Sachsen die Zahl derer an, die sehr jung sehr viel Hochprozentiges trinken.

Es gilt als selbstverständlich, zu jeder Feier und zu jedem Anlass Alkohol auszureichen. Dabei kann man Geburtstage auch ohne Alkohol gut feiern.

Barbara Klepsch Gesundheitsministerin Sachsen
Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch sitzt auf einem blauen Kinosessel und blickt auf die Leinwand. Rechts neben ihr sitzt ein Mann im dunklen Anzug, es ist Ralf Berger, Präsident Landesamt für Schule und Bildung in Sachsen.
Gesundheitsministerin Barbara Klepsch vor Beginn des Kampagnenfilms "Komasaufen". Rechts neben ihr im blauen Sessel: der Präsident des Landesamts für Schule und Bildung, Ralf Berger. Bildrechte: MDR/Kathrin König

"Ganz klar, die Opferzahlen sind viel zu hoch. Hier müssen wir eingreifen und aufklären", meint Barbara Klepsch. Die sächsische Gesundheitsministerin hat die Schirmherrschaft der DAK-Präventionskampagne inne. Alkohol-Aufklärung müsse frühzeitig in den Schulen und auf Schulhöfen beginnen.

Allerdings: "Die Eltern sind bei dem Thema zuerst gefragt, denn in den Elternhäusern kommen Kinder als erstes in Kontakt mit Alkohol." Erwachsene seien oft genug keine guten Vorbilder im Umgang mit Alkohol. Über Elternabende, in Gesprächen mit Ärzten und mit Info-Kampagnen müssten Eltern für dieses wichtige Thema gewonnen werden. Weshalb in Sachsen gegen den bundesweiten Trend mehr junge Rauschtrinker registriert werden, kann die Ministerin nicht begründen. Das müsse detailliert analysiert werden.

Wenn man Alkohol ablehnt, wird man immer sofort gefragt, ob man krank oder schwanger ist.

Jonas Lohmann DRK-Rettungssanitäter

Jonas Lohmann bemerkt bei seinen Einsätzen als Rettungssanitäter fürs DRK in Freital, dass tatsächlich immer häufiger sehr junge Kinder mit lebensbedrohlichen Alkoholvergiftungen in die Kliniken gefahren werden müssen. Dabei erlebt er betrunkene Minderjährige in allen Zustandsformen des Komasaufens: Von Weinkrämpfen, Ausrastern bis Bewusstlosigkeit ist alles dabei. "Oft fahren wir Kinder, die aus Elternhäusern kommen, in denen viel getrunken wird. Sie kennen Rauschtrinken von den Eltern und Geschwistern", sagt Jonas Lohmann. Daher findet es der Sanitäter wichtig, wenn in Schulen, Cliquen und Vereinen darüber gesprochen wird, "ab wann Alkohol gefährlich wird".

Das sagt MDR-Online-Nutzer Torsten Böhm, 50, aus Coswig dazu: "Ich erzähle meinen Kindern, dass Alkohol für den Körper schädlich ist. Wer weiß, was Alkohol mit dem Körper anstellt, meidet diesen und zeigt das seinen Kindern. Man vermisst ihn nicht. Alkohol ist Deutschlands Droge Nummer 1 und die meisten Menschen wissen es nicht. "

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 06.02.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 12:05 Uhr

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2 Kommentare

07.02.2019 10:04 maheba 2

Ab und zu mal einen hinter die Binde kippen kann nicht schaden.
War so und wird immer so bleiben.
Wenn der persönliche Charakter dieses "ab und zu" aber nicht akzeptiert oder das Handeln negativ beeinflusst, wird es eng.
Jeder ist persönlich verantwortlich. Um richtig mit dem Problem Alkohol umgehen zu können sind charakterliche Stärke, Wille und Verantwortung eine Voraussetzung und diese sind nicht angeboren sondern erlernbar.

07.02.2019 08:58 Heiner Medler 1

Bunt statt Blau...
Klingt wie ein populistisches Motto gegen eine AfD Veranstaltung...

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