18.01.2020 | 08:00 Uhr Psychologen fordern langfristige Trauma-Betreuung für Geflüchtete

Geflüchtete verlieren Kinder, Partner und Freunde. Sie haben Hunger und frieren oder können nicht schlafen. Sie werden Zeugen von Gewalt und Folter, wenn sie nicht selbst sterben oder gefoltert werden. Laut einer Studie der AOK machen etwa 75 Prozent aller Flüchtlinge traumatische Erfahrungen. Traumata lassen sich nur behandeln, wenn nötige Therapien langfristig gesichert sind. Doch bislang gibt es keine festen Strukturen für die psychosoziale Behandlung von Migranten. Das muss sich ändern, fordern Psychologen aus Dresden.

von Katrin Tominski

Flüchtlingskind
Besonders Frauen, Kinder und unbegleitete Minderjährige haben das Risiko, psychische Störungen zu entwickeln. Laut der Vereinten Nationen gilt ihnen eine "besondere Schutzbedürftigkeit". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Psychosoziale Hilfe nach Krieg und Folter muss langfristig gesichert werden", sagt Katja Eisenkolb, Leiterin des Psychosozialen Zentrums Dresden (PSZ, Das Boot gGmbH). Zwar gebe es engagierte Leute, Initiativen, Einrichtungen, doch vieles hätte noch "Projektcharakter". Das reiche für eine erfolgreiche Behandlung von Trauma-Folgen jedoch nicht aus.

Traumata Flüchtlinge Tominski
Bildrechte: Katrin Tominski

Die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten muss in regulären Strukturen nachhaltig verankert werden.

Katja Eisenkolb Leiterin des Psychosozialen Zentrums Dresden für Migranten

Mangel an Dolmetschern

Rückendeckung bekommt PSZ-Chefin Eisenkolb von Friedrike Engst, Psychologin und Mitbegründerin des Runden Tisches zur Versorgung traumatisierter Geflüchteter in Dresden. "Die Nachfrage nach Therapieplätzen ist groß, die Wartelisten sind sehr lang", erklärt Engst. Hinzu kämen viel Bürokratie, ungeklärte Finanzierung sowie ein Mangel an Dolmetschern.

Traumata Flüchtlinge Tominski
Bildrechte: Katrin Tominski

Wir erleben viel Engagement, das muss in festen Strukturen verstetigt werden. Wenn wir nichts tun, brennen Engagierte und Ehrenamtliche aus.

Friederike Engst Psychologin und Mitbegründerin des Runden Tisches zur Versorgung traumatisierter Geflüchteter in Dresden

Mehr als jeder Dritte leidet an Folgen eines Traumas  

Therapie funktioniert nicht in Sprachbrocken. Die innersten Gedanken brauchen die Muttersprache. Doch für einen gut ausgebildeten Dolmetscher fehlen oft die Mittel. Albträume, Angstzustände, Depressionen. Knapp 35 Prozent der Asylbewerber in Erstaufnahmeeinrichtungen leiden an klinisch relevanten Traumafolgen. Das geht aus einer Studie der Universität Leipzig hervor.

Einigen könne schon mit "niedrigschwelligen Unterstützungs- und Beratungsangeboten" geholfen werden. "Für die anderen ist professionelle therapeutische Hilfe dringend notwendig."

Wenn die Probleme ausbrechen

Luise Pabel betreut die Krisensprechstunde in der Erstaufnahmeeinrichtung Dresden. "Wir wollen Missstände in der Versorgung aufzeigen", sagt sie.

Traumata Flüchtlinge Tominski
Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Wenn die Menschen zur Ruhe kommen und sich die Strukturen langsam ordnen, brechen psychische Probleme häufig erst richtig aus. Viele Betroffene ziehen sich zurück. Doch Isolation befördert psychische Probleme.

Luise Pabel Psychologin Krisensprechstunde in den Dresdner Erstaufnahmeeinrichtungen

Regelmäßig sind Psychologen und Therapeuten in den Aufnahmeeinrichtungen in der Hamburger Straße in Dresden und in Grillenburg bei Tharandt. Träger der Krisensprechstunde ist der Verein "Traumanetz Sachsen", der therapeutische Angebote für alle Menschen - auch für Missbrauchsopfer und Soldaten - macht.

"Was machen wir mit den Jugendlichen, die uns vielleicht entgleiten?", fragt Pabel. "Darüber müssen wir reden." Geflüchtete Frauen, Kinder und unbegleitete Minderjährige haben das größte Risiko, psychische Störungen zu entwickeln. Laut der Vereinten Nationen gilt ihnen eine "besondere Schutzbedürftigkeit."

Zwei Menschen betreten die Einrichtung
Wenn die Angst nicht verschwindet - beim PSZ Dresden erhalten Geflüchtete Hilfe. Bildrechte: Katja Eisenkolb

Warum ist die psychotherapeutische Versorgung von Asylsuchenden so schwer? Geflüchteten steht in den ersten 15 Monaten – solange ihr Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist – nach Asylbewerberleistungsgesetz nur eine Behandlung von "akuter Erkrankung oder Schmerzzuständen" zu. "In diesem Rahmen ist Psychotherapie nur begrenzt möglich", sagt Engst. Nach den ersten 15 Monaten erhalten die Migranten zwar eine Gesundheitskarte, sind damit aber nicht an die Regelversorgung angeschlossen. Behandlungen könnten nur mit einer speziellen Zulassung, einer sogenannten "Ermächtigung" durchgeführt werden. 

"Ändert sich der Status des Geflüchteten durch den Abschluss des Asylverfahrens oder der Aufnahme von Arbeit, erlischt der gesamte Anspruch", erklärt Engst. "Für eine Fortführung der Behandlung brauchen wir bundesweite Übergangsregelungen mit den Krankenkassen", fordert die Psychologin.

Kosten für Dolmetscher selbst tragen

Das ist jedoch nur eines von vielen Problemen. Selbst wenn die Krankenkasse die Therapie übernimmt, müssen die Geflüchteten die Kosten für einen Dolmetscher selbst übernehmen. Hohe Kosten, unübersichtliche Bürokratie, unklare Sachlage – für Eisenkolb, Engst und Pabel ist die Liste der Defizite lang. Hinzu kommen fachliche und interkulturelle Fragen. "Der Aufwand ist enorm", sagt Ernst. "Nur wenige niedergelassene Therapeuten widmen sich dem komplizierten Konstrukt."

Traumata Flüchtlinge Tominski
Bildrechte: Katrin Tominski

Die Hürden müssen abgebaut werden. Wir brauchen eine Vernetzung mit psychosozialen Strukturen und der Sozialarbeit.

Katja Eisenkolb Leiterin des Psychosozialen Zentrums Dresden für Migranten

Psychosoziales Zentrum für Migranten

Eisenkolb kümmert sich mit ihren Kollegen am PSZ Dresden um seelisch belastete Migranten. In Deutschland werden Migranten in 43 dieser Zentren betreut, in Sachsen gibt es Beratungsstellen in Chemnitz, Leipzig und Dresden. "Wir sind oft mit die Ersten, die mit Betroffenen in persönlichen Kontakt treten", erklärt Eisenkolb.

Die Menschen haben traumatische, von Menschenhand gemachte Erfahrungen erlebt. Das erschüttert die Menschen in ihrem grundsätzlichen Vertrauen zu anderen Menschen. Diese 'Entmenschlichung' ist die massivste Form der Erschütterung. Für solche Heilungsprozesse bedarf es Raum und Zeit.

Katja Eisenkolb

Die langfristigen Förderungen vieler Betreuungsangebote fehlten jedoch. "Während die kommunale Finanzierung für die PSZ in Leipzig und Chemnitz als gesichert gilt, geht Dresden noch immer leer aus", moniert Eisenkolb.

Psychotherapeutenkammer: Versorgung verbesserungswürdig

Die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer (OPK) bestätigt den Engpass in der Versorgung. "Um die psychotherapeutische Versorgung von Migranten ist es sehr ruhig geworden. Außer in Großstädten wie Leipzig, Dresden, Chemnitz dürfte es keine geben", erklärte eine Sprecherin. "Schwierigkeit ist, dass die Kosten für die Dolmetscherproblematik nicht von Kassen getragen werden". Genaue Daten habe die Kammer nicht. Die Versorgung sei aber "mit Sicherheit verbesserungswürdig".

Balkendiagramm
Angst und Schlafstörungen - diese Beschwerden haben die Therapeuten im PSZ bei den meisten Hilfesuchenden festgestellt. Bildrechte: PSZ Dresden - das Boot gGmbH

Wie verarbeiten Therapeuten die Berichte über den Krieg?

Doch abseits aller Finanzierung müssen auch die Therapeuten bereit sein, sich den Erlebnissen ihrer Patienten zu stellen. Sie müssen die Kraft haben und den Abstand, das Gehörte von sich abzugrenzen. "Die Konfrontation mit dem persönlichen Leid stellt für uns Therapeuten eine emotionale Herausforderung dar", sagt Eisenkolb. Hilfreich sei der der kollegiale Austausch sowie Supervision und Fortbildung.

"Das Schlimmste für mich ist die Hilflosigkeit", erklärt Engst. "Wenn die Umstände außen so kompliziert sind, dass die Seele sich eigentlich gar nicht erleichtern kann."

Ist das alles überhaupt wichtig?

Doch warum muss sich überhaupt jemand um die psychischen Probleme der Migranten kümmern? Kann man es nicht auch einfach lassen? "Dann werden die Probleme nicht geringer", erklärt Pabel knapp. Sie erlebt die Menschen jede Woche, wie sie unter Schlafmangel leiden, die Nerven blank liegen, die Ängste hochkriechen – und dann muss das alles auch noch irgendwie raus.

Durch psychische Belastung kann der Integrationsprozess und die Teilhabe am Arbeitsleben gestört werden.

Luise Pabel Psychologin, Krisensprechstunde, Erstaufnahmeeinrichtung Dresden und Grillenburg
Drei Menschen bei einem Tischgespräch
Im PSZ helfen Therapeuten Migranten nach Flucht und Vertreibung bei Albträumen, Angstzuständen und anderen Problemen. Bildrechte: Katja Eisenkolb

"Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Migranten ein selbstständiges  Leben zu ermöglichen", erklärt Eisenkolb. Dabei gehe es um zwei Fragen: Erstens: Wie geht eine Gesellschaft mit schwachen Menschen um? Zweitens handle es sich auch um einen schlichtweg ökonomischen Faktor. "Es lohnt sich, in diese Menschen zu investieren. Viele von ihnen wollen der Gesellschaft ja auch etwas zurückgeben", sagt Eisenkolb. "Wenn wir die Augen verschließen, können die Folgen von Traumata chronisch werden", erklärt Engst.

Stigma Psyche

Doch wollen sich Geflüchtete überhaupt behandeln lassen? Wie groß ist das Stigma einer psychischen Krankheit in Afghanistan oder Syrien? "Viele bekommen in den Aufnahmeeinrichtungen einen Lagerkoller“, sagt Pabel. "Sie leiden an Schlafstörungen, Magenschmerzen, Appetitlosigkeit und deuten das als körperliche Erkrankung." Wir sensibilisieren dann für psychosomatische Zusammenhänge". Auch konsultierte Ärzte leiten an psychosomatische Ambulanzen und das PSZ Dresden weiter. "Die Leute kommen, weil sie sehr dankbar sind."

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2020, 08:00 Uhr

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