28.01.2020 | 17:11 Uhr Semperopernball-Orden: Rakers und Kaiser "irritiert", Frey rudert zurück

Die Vergabe des St. Georgs-Orden des Dresdner Semperopernballs an den ägyptischen Präsidenten al-Sisi schlägt weiter hohe Wellen. Das Moderatorenpaar Judith Rakers und Roland Kaiser zeigte sich irritiert. Beide wollen über Konsequenzen nachdenken, erklärten sie in Sozialen Medien. Der MDR als der Sender, der den Ballabend überträgt, hält die Ehrung al-Sisis für falsch und distanziert sich davon. Einfluss auf die Entscheidungen des Ballvereins hat der MDR aber nicht.

Semperopernball
Judith Rakers und Roland Kaiser sind irritiert darüber, dass al-Sisi mit dem St. Georgs-Orden des Semperopernballs geehrt wurde. Bildrechte: xcitePRESS

Für Judith Rakers, Moderatorin des diesjährigen Dresdner Semperopernballs, ist dieser mit der Verleihung eines Ordens an Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi zum politischen Ereignis geworden. Die Tagesschau-Sprecherin soll neben Sänger Roland Kaiser durch den Abend führen. Rakers schrieb auf Twitter: "Mich irritiert diese Verleihung sehr und ich bin seitdem in Gesprächen über die Konsequenzen, die ich als Moderatorin des Balls ziehen möchte."

Roland Kaiser pflichtet Judith Rakers bei

Auch Schlagersänger Roland Kaiser denkt über seine Teilnahme am Semperopernball nach. "Ich hatte mich sehr darauf gefreut, den Semperopernball an der Seite von Judith Rakers zu moderieren", erklärt er auf Facebook. "Durch die Verleihung des St. Georgs-Ordens an den ägyptischen Machthaber Abdel Fattah al-Sisi ist aus dem rauschenden kulturellen Ereignis ein politisches geworden", findet auch Kaiser. "Ich bin - ebenso wie Judith Rakers - irritiert über die Ordensvergabe und deshalb seit Bekanntwerden dieser Verleihung in Gesprächen über die Konsequenzen, die ich voraussichtlich ziehen werde." Erst nach den Gesprächen wolle er sich konkret äußern.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) behält nach Angaben der Staatskanzlei die Schirmherrschaft und wird den Ball wie geplant eröffnen.

MDR: Keinen Einfluss auf Gästelisten und Ordensträger

MDR-Unterhaltungschef Peter Dreckmann sagte, dem MDR obliege die redaktionelle Hoheit für die Ausstrahlung. "Das heißt: Wir entscheiden, welche Teile des Programms wir übertragen und welche Teile nicht. Sicher ist, dass wir die Ehrung von Herrn al-Sisi, sollte sich der Veranstalter entscheiden, diese im Rahmen des Semperopernballs zu thematisieren, nicht ausstrahlen werden."

Wir halten diese Ehrung für falsch und distanzieren uns ausdrücklich davon. Der MDR steht für freien und unabhängigen Journalismus, Meinungsfreiheit und Toleranz. Leider steht Herr al-Sisi genau dafür nicht.

MDR-Unterhaltungschef Peter Dreckmann


Einfluss auf die Gästeliste des Balls oder die Preisträger des St. Georgs-Ordens habe der MDR hingegen nicht. Erst durch Presseanfragen am Wochenende habe der MDR von der Preisvergabe an al-Sisi erfahren. Am Montagmorgen habe der Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi dem Vorsitzenden des Semperopernballvereins Frey in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass der MDR über diese Preisträgerentscheidung sehr irritiert sei und eine mögliche Preisverleihung an Abd al-Fattah as-Sisi im Rahmen des Semperopernballs nicht übertragen würde, sollte es dazu kommen.

Opernballverein distanziert sich von Preisverleihung

Der Opernball-Verein erklärte unterdessen, er distanziere sich von der Preisverleihung und entschuldige sich dafür. "Als Semper Opernball e.V. nehmen wir die Kritik und die vorgebrachten Argumente sehr ernst", wird Ballchef Hans-Joachim Frey zitiert. Die entstandenen Irritationen seien den Verantwortlichen bewusst. Man werde dies mit Freunden und Partnern auswerten. Frey hatte den Orden am Wochenende in Kairo persönlich mit einer Delegation an al-Sisi in Kairo überreicht.

Kairo: Hans-Joachim Frey (l), künstlerischer Leiter des Semperopernballes aus Deutschland, gibt Abdel Fattah Al-Sisi, Präsident von Ägypten, die Hand nach der Übergabe des St.-Georgs-Orden im Präsidentenpalast
Hans-Joachim Frey hat den Preis bereits am vergangenen Wochenende überreicht. Bildrechte: dpa

Wortlaut des Statements des Semper Opernball e.V. "Die Debatte um die Verleihung des St. Georgs Orden an den ägyptischen Präsidenten El-Sisi bewegt die Öffentlichkeit. Als Semper Opernball e.V. nehmen wir die Kritik und die vorgebrachten Argumente sehr ernst. Uns sind die entstandenen Irritationen bewusst und wir bedauern sie von Herzen. Wir möchten uns für diese Preisverleihung entschuldigen und davon distanzieren. Die Verleihung war ein Fehler.
Wir nehmen die Debatte zum Anlass, über unser Selbstverständnis als Kulturbotschafter und wie man dieses ausgestaltet und lebt nachzudenken und werden dazu auch das Gespräch mit unseren Freunden und Partnern suchen. Es steht außer Zweifel, dass der SemperOpernball für kulturelle Vielfalt genauso steht wie für Meinungs- und Pressefreiheit. Für den kommenden Ball bestätigen wir noch einmal, dass die Preisverleihung keinerlei Rolle auf dem 15. SemperOpernball spielen wird. Sie wird weder in Wort noch im Bild im Programm des SemperOpernballs oder im Fernsehen stattfinden.
Wir werden alles dafür tun, damit der SemperOpernball das bleibt, was er 15 Jahre lang war – ein wunderbares Fest für Kulturfreunde von überall her und ein einmaliges Ballerlebnis für tausende Besucher in und vor der Semperoper, das von Dresden weit ins Land hinaus strahlt und weiter strahlen soll." Hans-Joachim Frey, Leiter des Semperopernballs

Der ehemalige General und Armeechef war 2013 nach einem Militärputsch an die Macht gekommen und 2014 als Präsident vereidigt worden. Seitdem geht er mit harter Hand gegen Oppositionelle und Kritiker vor, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind stark eingeschränkt.

So wird der Semperopernball

Quelle: MDR/lam/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28.01.2020 | 17:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus Dresden

41 Kommentare

Rafa vor 37 Wochen

Lieber MDR, warum steht Herr Sisi nicht für Toleranz?
Zwar toleriert er keine Muslimbrüder und "Islamisten", doch dies ist auch gut so. Die Muslimbrüder sind offiziell eine terroristische Organisation und alle Anhänger müssen vor Gericht oder das Land verlassen. Nennt man dies, gegen Oppositionelle vorgehen? NEIN. Genauso wenig tolerieren wir hier in Deutschland Linksextremisten und Rechtsextremisten.
Zudem bitte ich um eine Verbesserung der nicht korrekten Bezeichnung "militärsicher Putsch". Die Tageschau als Referent zu nehmen ist wenig hilfreich, da man offenbar sieht inwieweit die westliche Medienlage beeinflusst wird.

Al-Sisi hat mit der ägyptischen Armee nur das Volk beschützt. In der Tat, ist das ganze ägyptische Volk auf die Straße gegangen und Mursi zum Sturz gebracht! Das Militär hat nur das Volk bei diesen Mega Demonstrationen beschützt, die rechtens waren: Mursi hat das ganze Land praktisch zum Untergang gezwungen (Wirtschaftliche Lage, Unterdrückung von Minderheiten).

Anita L. vor 37 Wochen

"Umstritten bei wem ?"
Zum Beispiel bei Menschenrechtsorganisationen, dem Europäischen Parlament, den Angehörigen der trotz unzureichender Beweislage hingerichteten Menschen, den erschossenen Demonstranten und hingerichteten Regierungsgegnern, dem deutschen Bundestag, dessen Präsident 2015 deswegen sogar einen Besuch abgesagt hat, den vom ägyptischen Geheimdienst zur Präsidentschaftswahl unter Druck gesetzten Gegenkandidaten (meist durch Gefängnis, teils vorher noch überfallen und verprügelt), den im Gefängnis sitzenden Kritikern der ägyptischen Regierung,..
Umstritten bei all jenen und die Liste ist bestimmt nicht vollständig.

Anita L. vor 37 Wochen

"Jetzt ist Ruhe ,was Europa nur rechts sein kann."

Es kann Europa gerade nicht "rechts" (interessanter Rechtschreibfehler in diesem Zusammenhang) sein, wenn der Preis für angebliche Stabilität die Verletzung der Menschenrechte ist.

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