01.07.2020 | 22:05 Uhr | Update Gedenkstättenleiter Reiprich nach NS-Vergleich unter Druck

Siegfried Reiprich
Bildrechte: MDR/Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Steffen Giersch

Nach Twitter-Äußerungen des Geschäftsführers der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, wird die Kritik gegen ihn lauter. Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch distanzierte sich "scharf von den jüngsten Äußerungen, die der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Siegfried Reiprich über die Plattform Twitter verbreitet hat".

Der angedeutete Vergleich zwischen den jüngsten Krawallen in Stuttgart und den NS-Pogromen 1938 verkennt die Wesensmerkmale von politischer Gewaltherrschaft. Das widerspricht klar dem Sinn der Gedenkstättenarbeit.

Kulturministerin Barbara Klepsch, CDU

Weiße als bedrohte Minderheit dargestellt

Reiprich hatte am Montag mit Blick auf die Ausschreitungen gegen Polizisten und Plünderungen in Stuttgart am vorletzten Wochenende getwittert: "War da nun eine Bundeskristallnacht oder 'nur' ein südwestdeutsches Scherbennächtle?" Tags darauf sorgte er auf derselben Plattform mit einer weiteren Äußerung für Irritationen, in der er weiße Menschen als bedrohte Minderheit darstellte.

Linke, Grüne und SPD fordern Konsequenzen

Politiker von Linken, Grünen und der SPD forderten schnelle Konsequenzen. Franz Sodann von den Linken sagte: "Es würde weiteren Schaden von der Stiftung und dem Freistaat abwenden, wenn Siegfried Reiprich schon vor Jahresende aus dem Amt schiede." Er habe der Erinnerungskultur in Sachsen "schweren Schaden" zugefügt.

Damit habe er die gewalttätigen Vorfälle mit systematischen, gewaltsamen Übergriffen auf jüdisches Leben 1938 gleichgesetzt, erklärte Sodann. Reiprich diskreditiere damit die NS-Aufarbeitung, erklärte die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Claudia Maicher.

Reiprich schon 2016 in der Kritik

Siegfried Reiprich
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er habe jegliche Akzeptanz verloren. "Bewusst, willentlich und öffentlich" spiele Reiprich mit Vergleichen aus der NS-Zeit und gebe sich als Anhänger rechten Gedankenguts zu erkennen, erklärte SPD-Abgeordneter und Theologe Frank Richter. Damit verletze er "genau diese Opfergruppen, für die er eine besondere Verantwortung an prominenter Stelle wahrzunehmen hätte".

Richter hatte den Fall Reiprich 2016 schon mal auf dem Tisch. Als damaliger Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen arbeitete Richter in einer Arbeitsgemeinschaft, die eine Evaluierung der Gedenkstättenstiftung durchführen sollte. Reiprich wurde damals unter anderem wegen seiner autoritären Amtsführung kritisiert. Opferverbände monierten zudem, dass sich die stiftung mehr um die Verbrechen der DDR-Diktatur als um die NS-Zeit kümmere.

Sitzung des Stiftungsrates angekündigt

Barbara Klepsch, sächsiche Staatsministerin für Kultur und Tourismus
Ministerin Barbara Klepsch ist Vorsitzende des Stiftungsrats der Sächsischen Gedenkstätten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reiprich hatte vor einigen Tagen bekannt gegeben, dass er seinen Dienstvertrag zum 30. November aus gesundheitlichen Gründen beenden will. Ministerin Klepsch kündigte am Mittwoch eine kurzfristige Sitzung des Stiftungsrates an, der sich mit der Angelegenheit beschäftigten soll.

Dieses Thema im Programm des MDR 24.06.2020 | 20:15 Uhr | MDR AKTUELL

Quelle: MDR/epd/lam

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