Gegen das Gesetz? Schüler in Sachsen klagt gegen Kopfnoten im Zeugnis

Ein Oberschüler in Sachsen ist mit den Kopfnoten in seinem Zeugnis der 9. Klasse nicht zufrieden. Er klagt darauf, dass man ihm ein Zeugnis ohne Fleiß-, Betragens-, Mitarbeit- und Ordnungsnoten ausstellt. Und er bekommt im ersten Schritt Recht vom Verwaltungsgericht Dresden. Auch der Landesschülerrat Sachsens verlangt die Abschaffung der Kopfnoten.

Bewerbung
Ein Schüler in Sachsen will sich auch als Fachinformatiker bewerben. In seine Bewerbungspmappe will er das Zeugnis der 9. Klasse legen - aber ohne Kopfnoten. Die sind bei ihm nur befriedigend ausgefallen und vermitteln angeblich ein schlechtes Bild von ihm. Bildrechte: imago/blickwinkel

Ein Oberschüler in Sachsen kann zu Recht ein Zeugnis der 9. Klasse ohne Kopfnoten verlangen, wenn er sich damit um eine Lehrstelle bewirbt. Denn für Kopfnoten in Zeugnissen von Schülern, die sich um Ausbildungsplätze bewerben, fehle die Rechtsgrundlage, hat jetzt das Verwaltungsgericht Dresden entschieden. Das Argument: In so einem Dokument, das auch für spätere Chefs wichtig sei, stellten Kopfnoten einen Eingriff in die Freiheit der Berufswahl eines Schülers dar. Über solch wesentliche Eingriffe in Grundrechte müsse der Gesetzgeber entscheiden. Im Sächsischen Schulgesetz fehle aber eine entsprechende Norm, die Kopfnoten ausdrücklich erwähne. Im Klartext: Der Schüler bekommt nun vorläufig sein Jahreszeugnis der 9. Klasse ohne Kopfnoten ausgestellt. Über seine Klage wird noch im Hauptverfahren entschieden. Gegen den Beschluss im Eilverfahren kann das Land Sachsen beim Oberverwaltungsgericht Beschwerde einlegen.

Verwunderung im Kultusministerium und bei Arbeitgebern

"Der Gerichtsbeschluss hat uns sehr verwundert. Wir sind der Auffassung, dass im Sächsischen Schulgesetz auch die Kopfnoten geregelt sind", sagte der Sprecher des sächsischen Kultusministeriums, Dirk Reelfs. Man werde sorgfältig prüfen, was das Verwaltungsgericht entschieden hat und "weitere Schritte abwägen", so Reelfs im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Der Fall im Detail Ein Schüler wurde sonderpädagogisch gefördert (Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung) als Integrationsschüler in einem Realschulbildungsgang an einer Oberschule.

Am Ende der 9. Klasse bekam er auf seinem Jahreszeugnis in den Kopfnoten Betragen, Fleiß und Mitarbeit jeweils die Note 3 und im Bereich Ordnung die Note 2. So hatte es die Klassenkonferenz seiner Schule entschieden.

Weil er sich mit dem 9.-Klasse-Zeugnis bei verschiedenen Firmen bewerben will, klagte er im Sommer darauf, sein Zeugnis ohne Kopfnoten ausgestellt zu bekommen. Begründung: Die Kopfnoten würden einen falschen Eindruck von ihm hinterlassen, Mitbewerber mit besseren Kopfnoten würden ihm vorgezogen. Außerdem seien Kopfnoten diskriminierend, verfassungswidrig und nicht im Schulgesetz normiert.

Statt Zensuren Persönlichkeit immer wichtiger

Die Zeugnisnoten ausreichend und gut
Bildrechte: Colourbox

Verwunderung über den Beschluss herrschte auch bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Dresden. "Kopfnoten diese Bedeutung beizumessen, ist nach unseren Erfahrungen weltfremd. Kopfnoten sind für Betriebe nicht das Wichtigste bei einer Bewerbung", meinte der IHK-Sprecher Lars Fiehler. Heutzutage würden Chefinnen und Chefs zuerst auf Fehltage in Zeugnissen achten. Danach stünden Fachnoten im Fokus, ob das Anschreiben ordentlich geschrieben wurde und ob der Bewerber Lust auf die Arbeit vermittle. "Die Persönlichkeit des jungen Bewerbers ist heute viel wichtiger als Zensuren auf dem Papier. Persönlichkeit kann man am besten in einem Gespräch oder während eines Praktikums kennenlernen." Fiehlers Fazit zur Kopfnoten-Klage: "Das passt gar nicht mehr in heutige Zeiten, wo sich Betriebe darum bewerben müssen, Nachwuchs zu finden."

Landesschülerrat für Abschaffung der Kopfnoten

Der Landesschülerrat verlangt die Abschaffung der Kopfnoten insgesamt, denn sie seien für Außenstehende kaum nachvollziehbar. Die Noten berücksichtigten "in keiner Weise" Charakter und Persönlichkeit, familiäre Situation und außerschulische Lebensumstände, sagte der Landesschülersprecher Noah Wehn. Das beeinflusse aber Lernverhalten, soziale Fähigkeiten, Arbeitsbereitschaft und -einsatz und das Verhalten in der Klasse stark. Eine Einschätzung in Form einer Zahl zeichne ein falsches Bild.

Quelle: MDR/kk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.11.2018 | 15:30 Uhr in den Nachrichten aus dem Regionalstudio Dresden

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Zuletzt aktualisiert: 28. November 2018, 09:33 Uhr

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58 Kommentare

29.11.2018 06:44 Hempel U. Sofa 58

Ob nun durch Noten auf dem Schulzeugnis oder später in einem schriftlichen Arbeitszeugnis, man kommt wohl um diese Bewertung nicht drumherum.
Richtig gerecht kann es da sowieso nicht zu gehen, da gerade im Bereich der Mitarbeit es bei Kindern wie Erwachsenen introvertierte und extrovertierte Charaktäre gibt. (@54 kann ich Ihnen guten Gewissens recht geben)

@Karl Winter : Früher war eben alles Besser, soviel zum Thema "Mann von Welt" und provinziales Denken der Sachsen und anderer Südstaatler.

28.11.2018 22:20 DER Beobachter 57

Aufgrund der Nachfragen über die Bewertungskriterien für Kopfnoten weise ich für Oerschulen auf die SOMIA § 23, Abschnitt 7 ff. hin. In der SOGYA ist es für Gymnasiasten ähnlich geregelt. Kann MDR ja mal verlinken. Wie schon geschrieben, sollte die Klassenkonferenz (alle Fachlehrer einer Klasse) die Note erörtern und tut dies i.d.R. Vllt. sollte man hier einen Passus einfügen, der das verbindlich macht. Auch der Sonderfall des betroffenen Schülers mit Integrationsstatus ist in der SOMIA § 23, (8)-(11) geregelt. Von daher hat er ganz gute Chancen und vermutlich gerechtfertigt. Nur darf das eben hier nicht zur Grundsatzdebatte verkommen...

28.11.2018 21:56 DER Beobachter @ Hopfmeier 48 56

Ihr Kommentar ist ein Schlag ins Gesicht aller, die mit Fleiß und Anstand an ihren Leistungen arbeiten und trotzdem, weil es ihnen nicht zufällt, nicht über z.B. eine 4 in Mathe hinauskommen...

28.11.2018 21:40 Karl Winter 55

Ist das die Frage aller Fragen, ob wir Kopfnoten oder Kopfnüsse bekommen sollen?
Habt Ihr alle keinen Frisör?
Wie tief soll das Niveau hier noch sinken?
Ich bin jetzt 94 Jahre alt. Zu unserer Zeit gab es was mit den Rohrstock,
da fällt einen wieder alles sofort ein.

28.11.2018 19:29 Normal 54

Kopfnoten sind sehr subjektiv. Etwas objektivieren kann man sie wenn die Klassenkonferenz (alle Lehrer der Klasse) diese festlegen. Betragen und Ordnung finde ich ok. Aber Mitarbeit? Es gibt Oft-Melder und Stillarbeiter. Das muss unbedingt berücksichtigt werden. Fleiß? Wozu denn? Fleiß kann in der Fachnote aufgehen, da können Lehrer Kriterien festlegen. Aber vielleicht geschieht das ja so, man müsste das in einem gut recherchierten Artikel eigentlich erfahren.
@ 51 Wo steht denn im Artikel dass sich "die Politik" damit beschäftigt. Vorderhand sind der Schüler und ein Gericht damit befasst. "Politik" und Arbeitgeber (!!!) haben Kommentare abgegeben. Das wird wohl nicht viel Zeit beansprucht haben :-)

28.11.2018 19:00 Klara Morgenrot 53

Wer braucht Zensuren und Noten?
Ich habe einen Notenschlüssel!!!!
Danke für die Antworten auf meine Bemerkungen.
Kopfnoten? Immer die Note 8.
Ich kann aber lesen und schreiben, das reich vollkommen aus. Der Rest ist die Praxis und die Natur.

28.11.2018 17:03 MuellerF 52

@50: Verstehe durchaus, was Sie meinen: ich zB musste für Deutsch & Englisch nie viel tun..lag aber daran, dass das auch außerschulisch meine Steckenpferde waren & ich es nie als Anstrengung oder Fleißleistung empfunden habe. "Technisch gesehen" war es aber doch Fleiß/ Lerneifer.

Die Vergabe von Kopfnoten ist für mich intransparent: gibt es überhaupt objektive Kriterien & Maßstäbe? Fließen Beurteilungen aller Lehrer ein, oder nur die mancher?

28.11.2018 15:40 peter 51

Womit beschäftigt sich eigentlich die Politik? Es gibt wahrlich Wichtigeres in diesem Land!!! Es nervt gewaltig!

28.11.2018 13:43 Freiheit 50

28.11.2018 11:25 Hopfmeier Und was machst du mit denen, die nicht lernen müssen und trotzdem gute Noten haben? Sind die dann nach der Logik fleißig, oder nicht?

28.11.2018 13:39 Freiheit 49

>>Lieber Paul, wir sind immer offen für sachliche Meinungsäußerungen, solange diese im Rahmen der Netiquette bleiben. Das Grundrecht der Meinungsfreiheit gemäß Art. 5 Abs. 1 S. 1 GG für die Bürgerinnen und Bürger begründet allerdings keinen Rechtsanspruch darauf, bestimmte Medien für die Verbreitung ihrer Ansichten in Anspruch nehmen zu können. Vielmehr ist und bleibt es Sache der Medien, selbst darüber zu entscheiden, ob und ggf. unter welchen Voraussetzungen Leser-, Zuschauer oder Nutzermeinungen veröffentlicht und verbreitet werden. Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion<<---Also doch Zensur, wenn der MDR nach Lust und Laune veröffentlicht, bzw. nicht.

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