10.10.2019 | 10:56 Uhr Nora Goldenbogen: "Wir werden die Sicherheitsmaßnahmen überdenken"

In Halle sind am Mittwoch zwei Menschen erschossen worden. Der mutmaßliche Täter, offenbar ein antisemitisch eingestellter Mann aus Eisleben, wollte offenbar ein Blutbad in der Synagoge anrichten - am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Die Ereignisse in Halle wirken sich auch auf das jüdische Leben in Sachsen aus. MDR SACHSEN ist dazu im Gespräch mit der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Dresden, Nora Goldenbogen.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie jetzt wieder in Ihren Arbeitsalltag?

Nora Goldenbogen: Mit keinem guten Gefühl, muss ich sagen. Das war für uns und für alle, die das in Halle um die Gemeinde herum erlebt haben, ein ganz schlimmes Erlebnis und ein großes Erschrecken.

Am Anfang wusste man noch nicht, wer dahinter steckt, ob es ein Einzeltäter ist. Hatten Sie auch in Dresden Angst?

Natürlich. Es hieß ja auch noch erst, die Täter seien weitergefahren. Wir hatten schon große Besorgnis. Als es klar war, dass es nicht so ist, ist die Besorgnis trotzdem geblieben.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so einen beabsichtigten Anschlag auf eine Jüdische Gemeinde schon einmal hatten.

Nora Goldenbogen

An der Dresdner Synagoge ist am Mittwochnachmittag die Polizeipräsenz erhöht worden. Ein ungewohntes Bild: Polizisten mit Maschinengewehren. Wie geht es weiter, bleiben die Sicherheitsmaßnahmen?

Zwei Polizisten mit Maschienengewehren stehen vor der synagoge Dresden am 9.10.2019. Sie sind in alarmbereitschaft, nachdem am Mittwochmittag vor der Synagoge in Halle/Saale zwei Menschen erschossen worden sind.
Aufgrund der Sicherheitslage sichern Polizisten die Synogoge am Mittwochnachmittag in der Dresdner Altstadt ab Bildrechte: Tino Plunert

Das stimmt, das war gestern nicht so vorgesehen. Wir werden in der Gemeinde darüber reden, wie es weitergeht. Wir müssen darüber auf jeden Fall nachdenken, dass wir unsere Sicherheitsmaßnahmen erhöhen müssen. Die Dresdner Gemeinde war bisher, trotz allem, immer eine sehr offene Gemeinde gewesen. Maßnahmen waren bisher, dass die Tür immer zu ist und man klingeln musste, wenn man hinein möchte. Wir haben Führungen, wir haben Veranstaltungen. Wir haben viele Gäste, die zu kleineren Zusammentreffen kommen. Das haben wir bisher immer alles allein gemanagt, so ähnlich wie in Halle.

Wird von der Offenheit der Gemeinde jetzt etwas verloren gehen?

Ich hoffe nicht. Das Problem ist, wenn so etwas passiert, was soll man dann machen? Jetzt schauen wir anders hin als vorher. Mit so einem Anschlag hatte trotz allem niemand gerechnet.

Bildergalerie Polizei in Alarmbereitschaft - jüdische Einrichtungen abgesichert

Ein Polizist läuft eine Straße entlang
Ein Polizist läuft am Mittwochmittag in Halle zum Einsatz, nachdem Schüsse vor der Synagoge im Paulusviertel abgegeben wurden. Bildrechte: dpa
Ein Polizist läuft eine Straße entlang
Ein Polizist läuft am Mittwochmittag in Halle zum Einsatz, nachdem Schüsse vor der Synagoge im Paulusviertel abgegeben wurden. Bildrechte: dpa
Polizeifahrzeug
Nach Schüssen und einem Angriff auf eine Synagoge in Halle floh ein mutmaßlicher Täter. Die Polizei fuhr mit schwerem Gerät vor. Bildrechte: MDR/Jörg Wagner
Zwei Polizisten mit Maschienengewehren stehen vor der synagoge Dresden am 9.10.2019. Sie sind in alarmbereitschaft, nachdem am Mittwochmittag vor der Synagoge in Halle/Saale zwei Menschen erschossen worden sind.
Aufgrund der Sicherheitslage sichern Polizisten in Dresden die Synogoge in der Altstadt ab. Bildrechte: Tino Plunert
Polizeischutz für jüdischen Friedhof in Dresden am 9.10.2019 nach der Schießerei in Halle/Saale vor der Synagoge.
Polizisten stehen nun auch vor dem jüdischen Friedhof in Dresden. Bildrechte: Roland Halkasch
Polizeibeamte bewachen am 9.10.2019 die Synagoge in Chemnitz.
Auch vor der Synagoge in Chemnitz fuhren Polizisten vor. "Dass nun jüdische Einrichtungen von zusätzlichen Polizeikräften gesichert werden ist zwar richtig und notwendig, es ist allerdings auch das Zeichen eines Ausnahmezustandes, der schnellstens beendet werden muss", sagte der sächsische Bauftragte für das Jüdische Leben, Thomas Feist. Bildrechte: Harry Härtel
Ein Polizeiauto steht am 9.10.2019 vor dem jüfischen Friedhof in Zittau.
Normalerweise ist der jüdische Freidhof in Zittau abgeschlossen. Am Mittwochnachmittag fuhr ein Polizeiauto vor zum besonderen Schutz der Einrichtung. Bildrechte: LausitzNews/Erik-Holm Langhof
Eine Polizeistreife sichert die Neue Synagoge in Erfurt
In Sachsens Nachbarland Thüringen verstärkte die Polizei ebenfalls ihre Präsenz vor jüdischen Einrichtungen wie hier in Erfurt vor der Synagoge. Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt
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Quelle: MDR/in/sz

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 10.10.2019 | 5-10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 10:56 Uhr

2 Kommentare

Dynamo vor 8 Wochen

"Mit so einem Anschlag hat trotz allem niemand gerechnet". Wer ist bei Ihnen, Frau Goldenbogen, "niemand" ? Ich erinnere nur an die NSU -Gewalttaten, die Geschichte auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, an die wir jedes Jahr im Dezember mit den Betonsperren in den Innenstädten erinnert werden. Wer sind die Regierenden, die immer von sich behaupten, "wir haben alles im Griff ?". Wer versucht, die Hinterbliebenden mit Ausreden zu trösten, wir werden die Sicherheitsmaßnahmen erhöhen, dass so etwas nicht mehr passieren kann ?Jahrelang geht das nun schon so, aber welches Gejammer hören wir ebenso schon jahrelang, es sind zu wenige Sicherheitskräfte ausgebildet worden, es ist nicht beachtet worden, dass viele in den Ruhestand gehen und damit kein Ausgleich geschaffen worden ist. Was ist die große Erfindung, wo sich die Oberen gegenseitig auf die Schulter klopfen. Die Wachpolizei, die keine Befugnisse hat. Nur noch eine Frage, welche Partei ist in Sachsen seit 1990 an der Macht ? 08:42

Chemnitzer vor 8 Wochen

Viel Erfolg für den Rabbiner. Brücken bauen in unsere Zivilgesellschaft ist sehr wichtig. Hoffentlich finden sich viele Multiplikatoren. Wegen mir kann Jeder glauben, was er will, Hauptsache es gibt ein friedliches Zusammenleben. Das ist der gemeinsame Nenner.

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