24.03.2020 | 17:47 Uhr Apothekerin: Wir sind nicht die "Sieger" einer Krise

Thea Faßbender hat sich vor einigen Jahren den Traum einer eigenen Apotheke erfüllt. In Dresden-Neustadt steht sie mit ihrem fünfköpfigen Team jeden Tag am Verkaufstresen. Corona hat schon auf den ersten Blick sichtbare Veränderungen, wie das Schutz-Glas am Tresen, herbeigeführt. Aber einiges geht weit darüber hinaus. Darüber hat die Apothekerin mit MDR SACHSEN gesprochen.

Apotheke von außen
Bildrechte: Andreas Hilger, 191 Grad Fotografie

Vor einigen Monaten waren Sie zu Gast im MDR-Talk "Fakt ist!" und haben über Lieferengpässe bei Medikamenten gesprochen. Wie hat sich das entwickelt?

Damals sprach ich von 100 fehlenden Präparaten, heute sind es 200, Tendenz steigend. Es fehlen unter anderem Antibiotika, Blutdrucksenker, Antidiabetika, Schmerzmittel.

Immerhin gibt es aber Gespräche darüber, wie wieder mehr Arzneimittel in Deutschland oder Europa produziert werden können, um die Abhängigkeit von Fernost zu beenden.

Was davon ist – nach Ihrer Erkenntnis - Corona-bedingt schlimmer geworden?

Nach den Social-Media-Gerüchten, denen zufolge Ibuprofen den Krankheitsverlauf bei Covid19 verschlimmere, wurde Paracetamol als alternatives Medikament verstärkt nachgefragt.

Demzufolge gibt es Lieferschwierigkeiten bei Paracetamol, welche eindeutig Corona-bedingt sind.

Der Paracetamol-Saft für Kinder ist im Moment gar nicht mehr lieferbar. Ansonsten bevorraten sich die Menschen natürlich mit ihren Dauermedikamenten für den Fall einer Quarantäne, sodass dadurch eine erhöhte Nachfrage und mal ein kurzfristiger Engpass entsteht. "Echte" Corona-Lieferengpässe durch Export-Beschränkungen in Indien oder China sind meiner Meinung nach noch nicht bei uns angekommen.

Eine Apothekerin am Thresen in Ihrem Geschäft
Apothekerin Thea Faßbender steht neuerdings hinter Plexi-Glas. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Wie sieht es bei Hygieneartikeln und Desinfektionsprodukten aus? Wurden die jetzt verteuert?

Ja, teilweise schon. Isoprpopanol braucht man für die Herstellung von Händedesinfektion. Der Preis für den Fünf-Liter-Kanister hat sich in den letzten 14 Tagen verdoppelt. Das macht natürlich auch die Preisgestaltung in den Apotheken sehr schwierig. Die Kunden denken dann im schlimmsten Fall, wir Apotheker erhöhen die Preise aus Profitgier.

Mundschutz beispielsweise wurde gerade heute für 3,75 Euro das Stück angeboten. Normalerweise liegt der Verkaufspreis bei 7,18 Euro für 50 Stück.

Erwarten Sie weitere Lieferengpässe, weil an Pharma- Standorten beispielsweise in Asien nicht mehr produziert werden konnte?

Definitiv! Wir sind relativ gut bevorratet, aber wenn die Vorräte aufgebraucht sind, wird die Situation schwieriger werden. Zumal in Zukunft Arzneimittel auf Anordnung des BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel, Anm. d. Red.) kontingentiert werden sollen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Reglementierung auswirken wird.

Neue Regelung des Bundesinstituts für Arzneimittel Dass sich die Coronakrise auch auf die Arzneimittelversorgung auswirkt, war absehbar. Aufgrund von Produktions- und Transportproblemen und auch, weil "Hamsterkäufe" getätigt werden: Das BfArM beobachtet eine übermäßige Bevorratung bei einzelnen Marktteilnehmern mit Arzneimitteln. Die Behörde reagiert nun und kontingentiert versorgungsrelevante Arzneimittel und fordert die pharmazeutischen Unternehmer und den Großhandel auf, Arzneimittel nicht über den normalen Bedarf hinaus zu beliefern. Quellen: dpa/DAZ

Sie fertigen jetzt auch Desinfektionsmitteln selber an. Dabei soll es strenge Vorschriften und Dokumentationspflichten geben. Stimmt das?

Im Normalfall ja. Von der Biozidverordnung (Chemikalien, die antiseptisch wirken, Anm. d. Red.) bis zur Herstellung nach Standardzulassung gibt es eine Vielzahl von unübersichtlichen Vorschriften. Aber erfreulicherweise sind diese Regularien jetzt gelockert worden, sodass die Herstellung, der steuerfreie Bezug und die Dokumentation theoretisch relativ komplikationslos möglich sind. Ich sage "theoretisch", weil man natürlich nicht immer an alle Bestandteile rankommt, die man benötigt. Mal hapert es an Alkohol, mal an Wasserstoffperoxid, mal an Flaschen zum Abfüllen. In der Apotheke ist immer mal etwas Kreativität gebraucht, um praktikable Lösungen zu finden.

Was hat sich in den letzten Tagen und Wochen für Sie im Apothekenalltag geändert?

Für alle gut sichtbar: der Spuckschutz aus Plexiglas auf unserem Tisch, Schilder mit Personenzahlbegrenzung vor der Apotheke, Hinweise zum Verhalten bei Corona-Verdacht, Handschuhe an meinen Händen.
Intern arbeiten wir im Wechselschichtbetrieb, um so wenig Kontakt wie möglich zwischen den Mitarbeiterinnen zu haben. Ziel ist es, immer ein gesundes Team zu haben, um die Versorgung unserer Patienten aufrecht erhalten zu können. Eine Kollegin kommt vor Öffnung der Apotheke und erledigt die Warenorganisation. Wenn wir anderen kommen winken wir uns kurz auf der Straße zu und sie fährt dann ins Home Office, wo sie das Telefon und die Bestellabwicklung übernimmt. Das ist für uns alle eine große Umstellung.

Wie ist die Stimmung bei Ihren Kunden? Beobachten Sie eine irrationale Nachfrage?

Die Nachfrage nach Masken ist ungebrochen, die geben wir aber nur an Menschen im Gesundheitswesen ab. Der Run auf Paracetamol war irrational, die ganze letzte Woche war der pure Wahnsinn. Fieberthermometer, Vitamin-Präparate, Händedesinfektionsmittel waren die Renner. Aber ich würde die Nachfrage nicht als insgesamt irrational bezeichnen. Jeder sollte eine halbwegs vernünftige Hausapotheke und ein Fieberthermometer zu Hause haben. Einige haben das jetzt einfach nachgeholt.
Seit Freitag scheint sich die Situation etwas zu entspannen. Die Stimmung bei unseren Kunden ist noch gut und unsere Maßnahmen werden sehr positiv angenommen.

Ältere Menschen machen einen Spaziergang
Bildrechte: dpa

Vor allem jüngere Menschen sind sehr verständig und akzeptieren die Situation. Oft nehmen gerade diejenigen aus der Risikogruppe es nicht so wirklich ernst mit den Schutzmaßnahmen. Da fällt mir eine 90-jährige Dame mit Lungenerkrankung ein. Die kam ganz stolz vorbei, weil sie den ganzen Weg alleine mit dem Rollator geschafft hat, um ein Duschgel zu kaufen. Ältere Herren, die anscheinend gar nicht auf die Idee kommen, dass gerade sie die Risikogruppe sind, verblüffen mich auch immer wieder.

Auf mein telefonsiches Angebot, älteren Menschen die Medikamente zu liefern, kommt oft die Bitte: "Bitte lassen Sie mich weiter zu Ihnen in die Apotheke kommen."

Wie viele Menschen kommen in die Apotheke?

Letzte Woche fast die doppelte Anzahl, jetzt ist es wieder normal.

Was antworten Sie Wirtschaftsexperten, die meinen, die Apotheken seien die "Sieger" der Corona-Krise?

Diese Aussage hat mich sehr wütend gemacht, ich habe auch gleich einen Facebook-Post geschrieben, um meinen Frust loszuwerden. Allein die letzte Woche war unglaublich anstrengend und kräftezehrend. Zuerst dieser riesige Kundenansturm, der trotz aller Lieferschwierigkeiten gut betreut werden möchte. Daneben muss die gesamte Organisation der Apotheke umstrukturiert werden, Heimarbeitsplätze eingerichtet, Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, Pandemiepläne umgesetzt werden. Kunden, Mitarbeiter, Familienmitglieder müssen beruhigt werden. Man muss die Sicherheit ausstrahlen, dass man alles im Griff hat. Außerdem sind auch wir Mütter und Töchter, die die Kinderbetreuung ohne Großeltern organisieren müssen - und wir müssen natürlich auch weiterhin unsere älteren Verwandten versorgen.

Sieger der Corona-Krise?! Letzte Woche bin ich nochmal in die Apotheke gefahren als die Kinder im Bett lagen, um Desinfektionsmittel herzustellen. Als ich um 22:30 Uhr zu Hause war, habe ich mich nicht wie ein Gewinner gefühlt, das können Sie mir glauben!

Aber ich war stolz auf meine fantastischen Kolleginnen, die sich jeden Tag in diese "Virushöhle" begeben ohne über eigene gesundheitliche Risiken nachzudenken, weil "wir gebraucht werden".

Werden Mitarbeiter in einer Apotheke verstärkt auf Corona getestet?

Nein, überhaupt nicht. Auf Nachfrage bei der Kammer, wie man sich auf einen Corona-, beziehungsweise einen Verdachtsfall bei Mitarbeitern oder deren Angehörigen vorbereiten soll erhielt ich die Antwort, dass das Gesundheitsamt die Maßnahmen festlege.

Quelle: MDR/st

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2020, 17:47 Uhr

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