Der Dresdner Jan Blüher verlor 1997 durch eine Krankheit während des Studiums sein Augenlicht. Trotz der Behinderung promovierte er und wurde Wissenschaftler an der TU. Jetzt hat er für das iPhone die Software „ColorVisor“ entwickelt, die mittels Handykamera Farben erkennen kann. Eine Frauenstimme sagt dann bis zu 500 Töne an: dunkelrot, blau, grün, beige...
Der Dresdner Jan Blüher verlor 1997 durch eine Krankheit während des Studiums sein Augenlicht. Trotz der Behinderung promovierte er und wurde Wissenschaftler an der TU Dresden. Bildrechte: MDR JUMP

26.06.2019 | 07:09 Uhr Das Smartphone als digitaler Blindenstock

Aufgrund einer Krankheit verlor der Dresdner Informatiker Jan Blüher in seiner Jugend das Augenlicht. Heute entwickelt er Apps, um blinden und sehbehinderten Menschen zu helfen. Im Gespräch mit MDR SACHSEN schildert er, wie es zu dazu kam.

Der Dresdner Jan Blüher verlor 1997 durch eine Krankheit während des Studiums sein Augenlicht. Trotz der Behinderung promovierte er und wurde Wissenschaftler an der TU. Jetzt hat er für das iPhone die Software „ColorVisor“ entwickelt, die mittels Handykamera Farben erkennen kann. Eine Frauenstimme sagt dann bis zu 500 Töne an: dunkelrot, blau, grün, beige...
Der Dresdner Jan Blüher verlor 1997 durch eine Krankheit während des Studiums sein Augenlicht. Trotz der Behinderung promovierte er und wurde Wissenschaftler an der TU Dresden. Bildrechte: MDR JUMP

Wie kam es, dass sie blinde Menschen durch Apps unterstützen?

Daran ist wirklich das iPhone schuld. Noch 2010 wusste jeder, der blind ist, dass man Touchcreens als Blinder nicht bedienen kann. Man konnte zwar drauftippen, hat aber nichts gesehen. Einige Zeit später hat das iPhone jedoch einen Screenreader bekommen. Das änderte vieles. Ab diesem Zeitpunkt war es möglich, dass mir eine Software vorgelesen hat, was auf dem Bildschirm zu sehen war. Ich fand es toll, dass ich auf die ganzen Ressourcen, die das Smartphone bietet, auf einmal zugreifen konnte.

Ich habe überlegt, ob man sagen könnte, dass solche Geräte eine Art digitaler Blindenstock in die Welt sind, dass man damit Dinge tun kann, bei denen man vorher gestrandet wäre? Wie schätzen Sie das ein?

Das ist richtig. Ich kann zum Beispiel an einer Haltestelle mein Smartphone rausnehmen und mir sagen lassen, wann der nächste Bus oder die S-Bahn kommt. Mit der Texterkennungs-App habe ich zudem die Möglichkeit, mir Texte vorlesen zu lassen.

Warum haben Sie angefangen, auch selbst Apps zu entwickeln?

Ich dachte mir, dass es doch toll wäre, wenn ich etwas zu diesem System beitragen könnte. Da ich Informatik studiert hatte, hat es sich angeboten, auf Apps zu setzen.

Mit welcher App ging es los? Was haben sie als erstes erfunden?

Die erste App war der Farbscanner "Color Visor". Das ist eigentlich ein ganz simples Prinzip. Man richtet die Kamera auf ein Objekt, von dem man gern die Farbe wissen möchte. Die App liest dann aus dem Bild die jeweiligen Farbwerte aus.

Welche Reaktionen gab es, nachdem Sie die App herausgebracht hatten?

Zunächst hatte ich ja die Blinden im Blick, aber an den Reaktionen merkte ich, dass es zum Beispiel auch Leute genutzt haben, die farbenblind sind.

Screenshot der App ColorVisor
Screenshot der App ColorVisor, mit der blinde und sehbehinderte Menschen Farben erkennen können. Bildrechte: Visor Apps

Eine weitere App von Ihnen erleichtert den Zugang zu Materialien der Blindenbücherei. Was hat es damit auf sich?

Genau, dort war die Idee, die bequeme Nutzung, die es über das Smartphone gibt, auch in den Bereich der Blindenbücherei zu bringen. Mit Hilfe der App kann man im Katalog suchen, sich das Buch runterladen, das Vorlesen starten und sich dabei noch schön auf die Couch legen.

Jetzt haben wir schon zwei Apps: Wir können Farben erkennen und die Blindenbücherei durchhören. Was gibt es noch?

Außerdem gibt es eine App zum Zeitung lesen, die wir für den den schweizer Blindenverband produziert haben. Neben diesem Service kommen aktuell noch Apps für Ausstellungen hinzu. Das hat vor zwei Jahren angefangen, als wir für die Ostrale, eine Ausstellung für zeitgenössiche Kunst in Dresden, eine Audiodeskription erstellt haben. Per App können sich die Nutzer ansagen lassen, was auf dem Bild darauf ist.

In welchen Bereichen sagen Sie: Dort fehlt noch was?

Nötig wäre eine Verbesserung bei der Routennavigation. Für draußen existiert diese ja schon, aber die nächste große Sache wird die Indoor-Navigation sein. Das wäre toll, wenn man ein System hätte, wo man sagt, ich bin jetzt hier am Haupteingang und ich möchte gern zum Raum x, y, z.

Das Gespräch führte Thomas Lopau

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.06.2019 | 20:00 Uhr bei Dienstags direkt

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