20.05.2020 | 22:11 Uhr Nach Querelen um Karl-May-Museum: Vertrauensfrage in Radebeul

Der Radebeuler Stadtrat hat am Mittwochabend in namentlicher Abstimmung einen Antrag abgelehnt, der einen Grundstückskauf für das Karl-May-Museum aufschieben sollte. Damit stärkt eine Mehrheit in dem Gremium Oberbürgermeister Wendsche den Rücken, der in die Kritik geraten war. Einige Stadträte warfen ihm vor, sie hinters Licht geführt zu haben. Wendsche, der auch im Vorstand der Karl-May-Stiftung ist, habe sie nicht rechtzeitig über die Kündigung des Museumsdirektors Christian Wacker informiert.

Impressionen aus dem Karl-May-Museum Radebeul
Bildrechte: MDR

Die eigentlich Betroffenen mussten draußen bleiben: Für die Mitarbeiter des Radebeuler Karl-May-Museums waren keine Zuschauerplätze mehr frei im "Goldenen Anker". In den Ballsaal des Radebeuler Traditionsrestaurants hatte der Stadtrat am Mittwochabend seine Sitzung verlegt, um auch in Corona-Zeiten mit angemessenem Abstand tagen zu können. Und auch der brisanteste Punkt der Tagesordnung war an das Ende des öffentlichen Teils der Sitzung gelegt worden - mit Abstand gewissermaßen.

Die Fraktion aus Bürgerforum, Grünen und SPD hatte den Antrag gestellt, den erst im März beschlossenen Ankauf eines Tankstellengrundstücks an der Meißner Straße auszusetzen, das als Erweiterungsfläche für das Gelände des Karl-May-Museums vorgesehen ist. Was wie eine stadtplanerische Formalie wirkt, sollte ein Instrument sein, über interne Querelen, Kommunikationsstörungen und Mobbingvorwürfe gegen den amtierenden Stiftungsvorstand des Karl-May-Museums zu sprechen. "Wir wollen im Stadtrat über die Probleme öffentlich diskutieren", kündigte der Grünenstadtrat Martin Oehmichen an.

Hinters Licht geführt

Er und einige andere Stadtratsmitglieder werfen Oberbürgermeister Bert Wendsche vor, sie gewissermaßen hinters Licht geführt zu haben. Wendsche habe schon vor der Ratssitzung, auf der der Kauf des Tankstellengeländes beschlossen wurde, um die Querelen im Karl-May-Museum gewusst und vor allem den Stadträten die Kündigung des renommierten Museumsdirektors Christian Wacker verschwiegen.

Der hatte in einem offen Brief Mobbingvorwürfe gegen Teile des Vorstandes und des Kuratoriums der Karl-May-Stiftung erhoben und bemängelt, in zentrale Weichenstellungen für die Zukunft des Museums nicht einbezogen worden zu sein. Unter anderem habe die Stiftung mit ihren Entscheidungen laut Oehmichen auch die erwartete Förderung des Bundes und des Landes für einen Neubau und eine Neukonzeption des Museums gefährdet. Hätten die Stadträte von den Vorwürfen und insbesondere der Kündigung Wackers schon vorher gewusst, "hätten einige von uns im Lichte dieser Tatsachen sicherlich anders entschieden", sagte Roland Schreckenbach, der für die Freien Wähler im Radebeuler Stadtrat sitzt.

Wendsche räumt Verschweigen ein

Der kritisierte Oberbürgermeister räumte unumwunden ein, die Stadträte nicht informiert zu haben. Seine Lage als Stiftungsvorstand sei allerdings vergleichbar mit der des Aufsichtsrates eines Unternehmens - der dürfe auch keine Interna weitertragen. Das sorgte für Gemurmel und Empörung im improvisierten Ratssaal. SPD-Stadtrat Thomas Gey erinnerte an das "Vertrauensverhältnis", das zwischen Oberbürgermeister und dem Stadtparlament herrschen sollte. "Das ist nicht erst jetzt angeknackst", sagte er MDR SACHSEN.

Entscheidung für Stadtentwicklung

In der Sache - zum Antrag also - argumentierte Bert Wendsche streng formal: Der vorgesehene Grundstückskauf sei zentral für die weitere Stadtplanung und Stadtentwicklung - und müsse unabhängig von den Querelen um das Karl-May-Museum betrachtet werden. Aus Sicht der Stadtverwaltung müsse der Ankauf des Grundstücks bis 2021 erfolgen, weil sonst die Fördermittel für das ausgewiesene Stadtentwicklungsgebiet entfielen.

Zudem habe man sich in mehrjährigen Verhandlungen mühsam mit den Eignern des Tankstellengrundstücks geeinigt - und habe wenig Chancen, bei einem Verzicht auf ein Vorkaufsrecht noch einmal zum Zuge zu kommen. Der Aussetzungsantrag müsse deshalb abgelehnt werden. "Es geht hier um die Stadtentwicklung, nicht um das Karl-May-Museum und Personalien", sagte Wendsche.

Vertrauensfrage in eigener Sache

Gleichwohl, schob der Oberbürgermeister hinterher, müssten im Museum von Vorstand und Kuratorium dringend "die Hausaufgaben erledigt" werden und eine Neuaufstellung erfolgen. Dann verband er die Diskussion gewissermaßen mit einer Vertrauensfrage in eigener Sache: Wendsche stellte den Antrag, über die Kauf-Aussetzung namentlich abzustimmen. 20 der 35 anwesenden Stadträte - vor allem von CDU, FDP, Freien Wählern und AfD - votierten schließlich gegen den Antrag und stärkten ihm den Rücken. "Wäre es andersherum ausgegangen, hätte er sich kaum auf seinem Sessel halten können", kommentierte das Oliver von Gregory vom Bürgerforum.

Wogen glätten, neues Konzept erarbeiten

Dass es im Karl-May-Museum jetzt einen umfassenden Neustart braucht, ist unstrittig. In der Stadtratssitzung bot der als Experte von der CDU-Fraktion geladene Thomas Bürger, Mitglied des Wissenschaftlichen Museumsbeirates und ehemaliger Generaldiretor der SLUB in Dresden, seine Unterstützung dabei an, "innerhalb kürzester Zeit ein Konzept zu entwickeln". Er sei "emotional angefasst", sagte Bürger: "wenn ich nicht schon graue Haare hätte, würde ich sie spätestens jetzt bekommen."

Quelle: MDR/rad

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