13.11.2019 | 06:55 Uhr Warum dicke Menschen beschimpft werden

Körper sind zum sozialen Status geworden. Wer nicht in die Norm passt, muss Kränkungen erdulden. Dicksein gilt als arm, krank, unkontrolliert und mental schwach. Das war nicht immer so. Die Tagung "Körper-Kränkungen. Der menschliche Leib als Medium der Herabsetzung" der TU Dresden im Hygienemuseum thematisiert Demütigungen des Körpers und seine Rolle in der Gesellschaft. Katrin Tominski von MDR SACHSEN sprach mit der Leipziger Historikerin Nina Mackert über "Fatshaming", Körperfett und soziale Ordnung.

Zwei übergewichtige Frauen laufen in einer Fußgängerzone entlang.
Dicke Menschen müssen oft Kränkungen, Beschimpfungen und Demütigungen erdulden. Auch dieses Foto zeigt, dass die Wahrnehmung des Körpers zur zentralen Kategorie geworden ist: Nur der Körper - nicht aber der ganze Mensch wird gezeigt und gesehen. Bildrechte: Colourbox.de

Was hat Körperfett mit unserer Gesellschaft zu tun?

Eine ganze Menge. Wie eine Gesellschaft mit Körperfett umgeht, sagt viel darüber aus, wie sie funktioniert. Körperfett wurde in den westlichen Konsumgesellschaften im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einem massenhaften Problem. Nicht, dass auf einmal alle dick geworden sind. Nein. Doch Dicksein galt plötzlich nicht mehr als Zeichen von Wohlstand und Gesundheit. Es wurde zum Zeichen erklärt, dass Menschen sich gehen lassen. Körper wurden auf einmal etwas, was Menschen individuell verändern konnten und sollten. Sie galten nicht mehr als gegeben und fix. Körper wurden zur Maßeinheit für das individuelle Sein und Körperfett zu einem Problem, um dass sich jeder Einzelne selbst kümmern und welches er auch bekämpfen sollte.

Die Tagung thematisiert unseren Körper als Medium der Herabsetzung. Eine Randerscheinung?

Nein. Körper sind ein ganz zentrales Medium der Herabsetzung. Weil sie sehr sichtbar sind, man kann sie schwer verstecken. Durch eine ganze Reihe unterschiedlicher Phänomene sind Körper scheinbar zum Ausweis des Charakters geworden. Daher setzen so viele Praktiken der Herabsetzung, Kränkung und auch Demütigung an ihnen an. Umgekehrt kann über den Körper auch gesellschaftliche Anerkennung transportiert werden: Wer schlank ist, gilt beispielsweise häufig schon allein deshalb als erfolgreich, selbstdiszipliniert und fit in jeglicher Hinsicht.

Wir bewerten Menschen also nach ihren Körpern?

Genau. Körperfett ist eine wichtige Kategorie der Wahrnehmung geworden. Es ist etwas geworden, was scheinbar Auskunft darüber gibt, ob jemand ein guter Staatsbürger ist – das heißt sich selbst um sich kümmern kann und angemessen mit den Freiheiten einer liberalen Ordnung umgehen kann. Wer nicht in die Norm passt, fällt heraus, muss Kränkungen und Demütigungen erdulden, weil es scheinbar auf mangelnde Fähigkeiten verweist.

Frauen mit Adipositas essen Eis
Wer nicht in die Norm passt, muss Kränkungen erdulden. Dicksein gilt heute als unkontrolliert und mental schwach. Das war nicht immer so. Bildrechte: imago/Danita Delimont

Dicke können sich also nicht ausreichend um sich kümmern?

Das wird heute suggeriert. Im 19. Jahrhundert war Körperfett ein Zeichen von Wohlstand und auch von Gesundheit – es galt als Bollwerk gegen zivilisatorischen Stress und als Vorrat in Zeiten der Not. Es war überhaupt nicht so negativ konnotiert, wie es dann im Laufe des 20. Jahrhunderts werden sollte. Der Körper war etwas Gegebenes – und nichts, woran Leute arbeiten sollten.

Warum hat sich das geändert?

Dafür ist unter anderem die Einführung der Kalorie verantwortlich. Diese fiel nicht zufällig in die Zeit, in der Körperfett eine Umdeutung erfuhr, also ins späte 19. Jahrhundert. Die Kalorie trat mit dem Versprechen an, man könne die Energie von Nahrungsmitteln und die Energiebedarfe von Körpern genauestens messen und aufeinander abstimmen – und die Diätratgeber haben danach argumentiert. Die Kalorie suggerierte, es sei ganz einfach, abzunehmen und die eigene Körperform zu gestalten. In dem Moment, in dem Körperform scheinbar mühelos individuell steuerbar wurde, wurde Dicksein zum Problem. Es verwies auf die vermeintliche Unfähigkeit eines Individuums, sich nicht selbst zu disziplinieren – oder auf ein Unwissen, wie man sich ernähren sollte. Auf diese Weise konnte Körperfett auf persönliches und moralisches Scheitern hindeuten. Umgekehrt wurde Abnehmen und Schlanksein zum Zeichen von Erfolg und Befähigung.

Der optimierte Körper wurde also zum sozialen Status?

Ja. Das Phänomen eines möglichst schlanken und perfekten Körpers zeigt die gestiegene Bedeutung, die Körper heute in der Gesellschaft haben. Indem ich diszipliniert Kalorien zähle, besonders schlank bin, mich oft im Fitnessstudio aufhalte, lässt sich gesellschaftliche Anerkennung ernten. Man signalisiert: Ich bin eine selbstverantwortliche, vernünftige Person, ich kümmere mich um mich selbst. Ich habe Erfolg – und mein Leben im Griff.

Fitness
Körperform als soziales Statussymbol: Mit einem schlanken Körper lässt sich heute gesellschaftliche Anerkennung ernten. Bildrechte: colourbox.com

Umgekehrt führt der Fokus auf optimierte Körper zu Stigmatisierung?

Dicksein ist mit ganz hohen sozialen Kosten verbunden. Der englische Begriff "Fatshaming" verweist darauf, wie Menschen über ihr Körperfett geschmäht werden. Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung trägt unter anderem Studien zusammen, die zeigen, wie sehr und mit welchen Konsequenzen dicke Menschen im Alltag, in der Arbeitswelt und im Gesundheitssystem stigmatisiert werden.

Ist es nicht zu eindimensional nur über Körperform zu reden? Gesunde Ernährung ist heute oft zu einer Frage des Geldes geworden.

Ich finde es immens wichtig, über die Nahrungsmittelindustrie kritisch zu sprechen. Aber auch mit Kritik bleibt der Fokus dieser Debatten auf der individuellen Konsumentscheidung der Einzelnen. Es ist jedoch wichtig, dass Kaufentscheidung und Körperform entkoppelt werden. Mittlerweile zeigen viele Studien, dass es eben doch nicht so einfach ist mit dem Essen und dem Abnehmen und der Korrelation von Essen und Körperform. Es gibt ja auch viele dünne Menschen, die ungesund essen.

Wie gehen wir jetzt damit um?

Die Stigmatisierung dicker Menschen muss ein Ende haben. Ich finde es immens wichtig, für körperliche Vielfalt einzustehen. Auch in einem radikal politischen Sinne, dass alle Körper anerkannt werden und gelten dürfen. "Fat aktivists" sagen zum Beispiel: 'Ich möchte nicht, dass mir jemand sagt, wie ich mich in meinem Körper zu fühlen habe.'

Das Interview führte Katrin Tominski

Zu klein, zu dick, zu groß, zu dünn: Körper-Kränkungen. Der menschliche Leib als Medium der Herabsetzung Wie und warum werden Menschen wegen ihres Körper gedemütigt? Wie wird der eigene Körper eingesetzt, um andere herabzusetzen? Und wie reagiert der Körper darauf? Darüber diskutieren Wissenschaftler vom 13. bis 15. November 2019 auf der Jahrestagung des TU-Sonderforschungsbereichs "Invektivität" (Herabwürdigung).

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.11.2019 | ab 08:30 Uhr in den Nachrichten aus dem Regionalstudio Dresden

Nina Mackert bloggt Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen mehrerer Universitäten betreibt Nina Mackert den Blog "Food, Fatness, Fitness - Critical Perspectives" (Übersetzung: Essen, Dicksein, Fitness - kritische Perspektiven).

Das Blog Food, Fatness and Fitness im Netz (Englisch)

4 Kommentare

ElBuffo vor 49 Wochen

Sport soll da eigentlich eine ganz gute Droge sein. Pillen sind natürlich einfacher. Dieses einfacher ist wohl das Problem.
Natürlich ist es dann mal ein Teufelskreis, wenn man so dick ist, dass man sich selbst nur noch bemitleidet.

Kirchenmitglied vor 49 Wochen

Es kommt noch eine zweite Dimension hinzu: Viele Antidepressiva machen dick. Durch die immer weiter wachsenden Fallzahlen von Menschen mit schweren Depressionen, die auf solche Medikamente angewiesen sind, gibt es auch eine Zunahme dicker Menschen aus dieser Richtung. Da sind mehr Therapieanwendungen, die ohne Antidepressiva auskommen, bitter nötig.

zenkimaus vor 49 Wochen

Ja richtig, Dicke Menschen werden ausgegrenzt und stigmatisiert. Nur die Industrie und den Handel, die Werbung und andere als die Schuldigen auszumachen finde ich zu einfach. Das überdenken der eigenen Lebensumstände wäre besser. Kräftige Menschen können fit sein, sind es auch viele Male besser wie ich dünner. Mehr laufen, weniger Fertigprodukte, jetzt in der kalten Jahreszeit viele Eintöpfe kochen aus frischem Zutaten. Es kostet nicht die Welt nur etwas Zeit. Ein weiterer Punkt ist dass, wie im Artikel erwähnt, die Norm in der Gesellschaft sich verändert hat. Fit ist heute abgesagt. Im Barock und Rokoko waren die Frauen in Korsetts geschnürt um eine Taille zu erhalten. In den 20igern gar kein Busen. Nochmals kräftige Menschen können fit sein und viele sind es auch!!!!

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