Radverkehrskongress Dresden
Bildrechte: MDR/Florian Glatter

15.05.2019 | 17:00 Uhr Gefühlte Unsicherheit beim Radfahren in der Stadt

Radfahren liegt im Trend. Doch mit dem Boom steigen auch die Unfallzahlen. Das stellt Städteplaner und Forscher vor neue Herausforderungen. Wie für mehr Sicherheit gesorgt werden kann, wurde in den vergangenen zwei Tagen beim Radverkehrskongress in Dresden diskutiert.

von Florian Glatter

Radverkehrskongress Dresden
Bildrechte: MDR/Florian Glatter

Eigentlich sollten sich Radfahrer auf Radwegen sicher fühlen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Bei vielen Großstädtern fährt die Angst mit. Das liegt vor allem an der steigenden Zahl der Unfälle. Aber auch die Situationen, die gerade noch glimpflich ausgegangen sind, hinterlassen ihre Spuren. Rachel Aldred von der Universität Westminster hat solche "Beinahe"-Unfälle untersucht. Die Wissenschaftlerin wollte erfahren, wo nachgebessert werden muss und wie Unfallschwerpunkte entstehen.

Gefühlte Unsicherheit nimmt zu

Eine Frau steht auf einer Bühne und spricht in ein Mikrofon
Rachel Aldred beim Radverkehrskongress Bildrechte: MDR/Florian Glatter

Dafür haben mehr als 2.500 Radfahrer ihre Erlebnisse geschildert. Im Schnitt hatte fast jeder Radfahrer mindestens einen Beinahe-Unfall am Tag. Rachel Aldred erklärt sich dadurch, wieso die gefühlte Unsicherheit auf den Straßen zunimmt. Denn wer beim Radfahren Angst hat, vergisst diese Momente nicht mehr so schnell. Am häufigsten wurden die Teilnehmer durch Autos blockiert oder zu dicht überholt. "Dies zeigt, dass wir eine bessere Infrastruktur für Radfahrer brauchen", so Rachel Aldred.

Ich bin selbst mal einen Tag auf Arbeit gefahren und hatte drei Beinahe-Unfälle. Das hätte böse ausgehen können.

Rachel Aldred Universität Westminster

Radwege haben oft viele Mängel

Ein Mann mit Brille steht auf einer Bühne und spricht in ein Mikrofon
Hagen Schüller beim Radverkehrskongress Bildrechte: MDR/Florian Glatter

An vielen Stellen fehlen separate Fahrspuren oder Schutzstreifen. Andernorts sind die Straßen marode oder werden ausgebaut und sind deshalb nicht befahrbar. Die Folge: "Viele Radfahrer weichen auf Gehwege aus, da es an Alternativen fehlt", meint Hagen Schüller von der PTV Transport Consult GmbH. Der Verkehrsplanungsberater hat in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden gerade ein Forschungsprojekt beendet. Dabei wurde der Radverkehr an verschiedenen Streckenabschnitten unter anderem in Frankfurt, Leipzig und Dresden beobachtet. Im Ergebnis nutzt rund jeder fünfte Radfahrer den Gehweg. "Vor allem an stark befahrenen Straßen mit einem hohen Verkehrsaufkommen weichen die Radfahrer zunehmend auf Gehwege aus, um dem Autoverkehr zu entkommen", erklärt Hagen Schüller.

Mindestabstand wird oft vernachlässigt

Bei Überholvorgängen in Deutschland muss ein Mindestabstand von 1,50 Meter eingehalten werden. Das Team "Radmesser" hat untersucht, wie sich der Abstand auf die gefühlte Sicherheit auswirkt. Dafür wurden Fahrräder mit Ultraschall-Sensoren ausgestattet, die die Entfernung zu Fahrzeugen messen konnten. Dabei stellte sich heraus, dass mehr als 60 Prozent aller Radfahrer zu dicht überholt werden. Durch einen einfachen Trick können die Radfahrer jedoch für mehr Sicherheit sorgen, erklärt Studienleiter Michael Gregg. "Uns zeigte sich, dass je weiter rechts man auf den Schutzstreifen fährt, desto enger wird man überholt. Wer sich also am linken Fahrbahnrand orientiert, fährt sicherer."

"Grüner Pfeil" für Radfahrer

An einer Ampel einer Kreuzung hängt ein grüner Pfeil, der es Fahrradfahrern erlaubt rechts abzubiegen wenn die Ampel rot ist.
Bildrechte: dpa

Seit 2012 wird in Frankreich ein neues Verkehrszeichen getestet. Dabei zeigen ein gelbes Rad und ein "Vorfahrt gewähren"-Schild an, dass Radfahrer auch bei Rot die Kreuzung überqueren dürfen. Das Zusatzzeichen an der Ampel gilt nur für bestimmte Fahrtrichtungen analog zu dem in Deutschland bekannten "grünen Pfeil". Durch das neue Verkehrszeichen kann der Radler auch bei Rot in den Kreuzungsbereich fahren und gegebenenfalls Lücken im Verkehrsfluss besser nutzen. Dadurch sind Radler auch für andere Verkehrsteilnehmer, wie Lkw oder Busse, besser zu erkennen. Seit der Einführung der neuen Verkehrszeichen sind die Unfallzahlen an vielen Kreuzungen in Frankreich zurückgegangen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.05.2019 | 11:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden
MDR SACHSENSPIEGEL | 13.05.2019 | 19:00 Uhr

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2 Kommentare

16.05.2019 18:52 Olaf 2

Moin Lilly,
die meisten toten Radfahrer sind unter Lkw gekommen, mit Verletzungen, da bringt auch ein Helm nichts mehr. Helme sind Sympton, nicht Ursachenbekämpfung.
Wer Radwege baut stellt Fallen. Bzw. Radwege sind Todsicher. Gerade wieder in Lübeck zu ,,Bewundern" Gewesen.

16.05.2019 10:28 Lilly 1

"Wie für mehr Sicherheit gesorgt werden kann, wurde in den vergangenen zwei Tagen beim Radverkehrskongress in Dresden diskutiert."

Helmpflicht auf öffentlichen Straßen.

Bein Skifahren ist das jetzt zu 99 Prozent eine Selbstverständlichkeit um sich zu schützen, warum schützen sich die Radfahrer nicht?

Weil die Radfahrer den "Feind der Radfahrer" im Autofahrer sehen.

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