15.07.2020 | 13:03 Uhr | Update Erneut Verletzte und Toter bei Zugunglück auf internationaler Magistrale nahe Prag

Rettungskräfte sind nach einem Zugunglück im Einsatz.
Ein doppelstöckiger Nahverkehrszug, ein sogenannter City-Elefant, ist östlich von Prag auf einen Güterzug aufgefahren. Bildrechte: dpa

In Tschechien hat es bei einem erneuten Zugunglück einen Toten und viele Verletzte gegeben. Wie Verkehrsminister Karel Havlicek mitteilte, war ein Personenzug am Dienstagabend bei Cesky Brod rund 30 Kilometer östlich von Prag auf einen stehenden Güterzug mit Postwaggons aufgefahren. Über die Strecke fahren auch die internationalen Reisezüge Berlin - Dresden - Graz (Railjet "Vindobona") und Hamburg - Dresden - Budapest (Eurocity "Hungaria"). Die Tschechische Staatsbahn meldete auf ihrer Seite Einschränkungen auf der Strecke zwischen Prag und Kolin bis gegen 12 Uhr.

Toter soll Lokführer sein

35 Menschen aus einem tschechischen Regionalzug wurden nach dem Zugunglück in Krankenhäuser gebracht. Bei dem Toten soll es sich nach Medienberichten um einen der beiden Lokführer handeln. Im Zug sollen sich rund 200 Fahrgäste befunden haben. Zur Unglücksursache wird noch ermittelt. Nach Behördenangaben wurde möglicherweise ein Haltesignal übersehen. Hinweise auf ein technisches Versagen gibt es laut Verkehrsminister nicht.

Zugunglück vorige Woche im Erzgebirge


Erst vergangene Woche waren im böhmischen Erzgebirge unweit von Johanngeorgenstadt zwei Regionalzüge frontal zusammengestoßen. Dabei starben zwei Menschen, darunter ein Deutscher. Auch in diesem Fall ist menschliches Versagen mutmaßlich verantwortlich. Ein Triebwagenführer hatte nach ersten Erkenntnissen die Kreuzung mit dem Gegenzug in einem Bahnhof nicht abgewartet. Diese Strecke im Erzgebirge ist eingleisig und führt vom sächsischen Johanngeorgenstadt ins tschechische Karlovy Vary.

Debatte über Sicherheit im Zugeverkehr

Unter dessen ist in Tschechien eine Debatte über die Sicherheit des Schienenverkehrs in Tschechien entbrannt. Unklar ist noch, warum der Regionalzug am Dienstag östlich von Prag nach Überfahren eines roten Signals nicht automatisch gestoppt wurde, obwohl die Strecke laut Verkehrsministerium über moderne Sicherungssysteme verfügt. Die Polizei hat Ermittlungen zu dem Zusammenstoß aufgenommen. Der Sachschaden wurde auf 1,7 Millionen Euro geschätzt. Zudem wurden rund 800 Postpakete im Güterzug beschädigt.

Die Opposition im tschechischen Parlament sieht den Verkehrsminister Havlicek nach der jüngsten Unfallserie in der Verantwortung. Sie kritisiert, dass Havlicek auch noch Industrie- und Handelsminister ist. "Man kann nicht zwei Ministerien gleichzeitig qualitativ gut lenken", bemängelte die Konservative Marketa Pekarova-Adamova. "Es geht um Menschenleben."

Dass ein Zug ein Haltesignal überfahre, komme in Tschechien jährlich rund 150 Mal vor, räumte ein Sprecher der Eisenbahninspektion in Prag auf Nachfrage ein. Meist gehe es nur um wenige Meter, manchmal aber auch um Kilometer. Selbst wenn ein Sicherungssystem vorhanden ist und den Zug automatisch anhält, kann der Lokführer entscheiden, auf Sicht weiterzufahren. Das ist denkbar, wenn er zum Beispiel von einer Störung an Fahrzeug oder Signal überzeugt ist. Tschechien verfügt über eines der dichtesten Eisenbahnnetze in Europa, doch die Infrastruktur gilt in Teilen als veraltet und sanierungsbedürftig.

Quelle: MDR/dpa/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 15.07.2020 | 06:00 Uhr in den Nachrichten

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