Radfahrer im regnerischen Dresde
Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Radverkehrskonzept, neue rote Linien, Unfälle FAQ: Radverkehr in Dresden

Die Stadt hat 2017 ein Radverkehrskonzept beschlossen, das bis 2025 umgesetzt werden soll. Doch ob das klappt, ist ungewiss - sagt selbst der Baubürgermeister. Ein Überblick der wichtigsten Fragen zum Radverkehr in Dresden.

Radfahrer im regnerischen Dresde
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Was bringen die neuen Rotfärbungen auf Dresdens Straßen?

Kreuzung in Hamburg
Quo vadis Radverkehr? Die Radwegsführung wird oft als verwirrend wahrgenommen. Bildrechte: imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer

Der Gedanke dahinter ist es, Radfahrer besser in gefährlichen Kreuzungsbereich zu schützen. Dresdens Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain: "Auf dem Nationalen Radverkehrkongress, den das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur dieses Jahr in Dresden ausgerichtet hat, wurden die Erfahrungen mit Rotfärbungen ausgetauscht. Erkenntnis der Wissenschaftler ist, dass die Rotfärbung das Radfahren sicherer macht. Auch Autofahrer erkennen den Radweg besser und werden vor allem beim Rechtsabbiegen mit der leuchtenden Rotfärbung darauf aufmerksam gemacht." Nils Larsen vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e. V. begrüßt die Initiative, wenn sie auch etwas spät komme. Allerdings sei eine rote Spur nur ein Element, das punktuell, nämlich in gefährlichen Kreuzungsbereichen, hilfreich sein kann. "Es stärkt vor allem das Gefühl der Sicherheit. Es ersetzt aber keinesfalls gute und sichere Radwege, die erstmal in die Kreuzung hinführen. Diese sind noch immer Mangelware in der Stadt."


Welche Bereiche werden von den Rotfärbungen profitieren?

Priorität haben generell die Kreuzungen an Vorfahrtsstraßen. Da die Rotmarkierung aber vergleichsweise teuer ist und auch in regelmäßigen Abständen wiederholt werden muss, können wir nur nach und nach alle Kreuzungen rot einfärben lassen.

Aktuell laufen Arbeiten unter anderem in Gorbitz, und zwar an der Kesselsdorfer Straße, Einfahrt Wölfnitzer Ring. Rote Markierungen wurden bereits an der Winterbergstraße oder zwischen Oskar-Röder- und Rennplatzstraße angebracht. In den kommenden Wochen sollen beispielsweise Abschnitte auf der Schweriner Straße, die Kreuzung Löbtauer Straße/Fröbelstraße und die Kreuzung Schandauer Straße/Bergmannstraße folgen. Die Arbeiten sollen gegen Monatsende abgeschlossen sein. Doch in Dresden wird wohl auch in Zukunft weiter gestrichen - Nils Larsen vom ADFC: "Wir haben dem Baubürgermeister auf seine Anfrage hin eine Liste mit 30 weiteren Stellen übergeben, an denen eine rote Markierung sinnvoll wäre."

Radwege in verschiedenen Farben und Formen.
Einheitlich gekennzeichnet sind Radwege in Deutschland nicht. Mehr noch: Manche Radwege führen ins "Nichts", oder sind schlecht von der Auto-Spur abgegrenzt. Bildrechte: imago

Wo hat Dresden noch Nachholbedarf bei Radwegen?

Dem ADFC Sachsen zufolge besteht im ganzen Stadtgebiet noch Bedarf an Radwegen. Besonderen Nachholbedarf haben aber die Randbezirke, sie seien mehr aufs Autofahren ausgelegt. Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain stimmt dem zu. Es gebe leider noch zu viele Strecken, die Hunderte Menschen täglich mit dem Rad fahren, die keine zufriedenstellende Infrastruktur aufweisen.


Welche Projekte werden 2020 konkret angegangen?

  • Wernerstraße, zwischen Lübecker Straße und Columbusstraße (Schutzstreifen)
  • Winterbergstraße/Karcherallee/An der Pikardie(Verbesserung Radführung am Knotenpunkt)
  • Ludwig-Kossuth-Straße (Schutzstreifen)
  • RadeburgerStraße (Schutzstreifen)
  • Stauffenbergallee/R.-Leonhard-Str. (Querungshilfe)
  • Körnerweg, temporäre Ertüchtigung (Asphalt)
  • Radverkehrsanlagen Julius-Vahlteich.-Str.
  • Straßburger Platz (Verbesserung Radführung am Knotenpunkt)                        
  • Sophienstraße (Oberfläche)
  • Grenzstraße (Schutzstreifen)
  • BautznerStr./Brockhausstraße(Querungshilfe)
  • Terrassenufer, zwischen Sachsenplatz und Steinstraße (Oberfläche)
  • weitere punktuelle Maßnahmen (Bordabsenkungen etc.)

(Quelle: Stadt Dresden)


Wie ist der Stand beim Radwegeverkehrskonzept? Ist die vorgesehene Umsetzung bis 2025 noch zu erreichen?

Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain räumt erhebliche Verzögerungen ein. In seinen Augen ist es unklar, ob das zeitliche Ziel erreicht wird. Die Ursachen liegen ihm zufolge in schwierigen Planungsverfahren, bei dem es einen erheblichen Abstimmungsbedarf mit Landesämtern und der Stadt gebe - aber auch Eingaben von Bürgern. Verschiedene Interessen und Regelungen müssten unter einen Hut gebracht werden. Das Planungsbüro habe das unterschätzt. Auch das Personal mit einer Erhöhung auf zehn Mitarbeiter vor anderthalb Jahren ist Schmidt-Lamontain zufolge nicht ausreichend gewesen.

Der ADFC kritisiert die Situation. Es gehe voran - allerdings sehr langsam. "Der Stadtrat hat seit 2014 mit einer kurzen Unterbrechung in diesem Jahr den Radverkehr im Blick gehabt. Ein Radverkehrskonzept wurde beschlossen, mehr Geld und mehr Personal für die Umsetzung bereitsgestellt." Doch noch sei wenig passiert: "Von den etwa 450 geplanten Maßnahmen des Konzepts sind nicht mal 8 Prozent fertig. Mit der jetzigen Geschwindigkeit wird bis zum ursprünglich vorgesehenen Umsetzungshorisont Ende 2025 nur ein viertel aller Mängel behoben sein. Für den Rest bräuchte es dann noch zwei bis drei Jahrzehnte."


Warum klappt das mit dem Radverkehr in anderen Städten und Ländern besser?

ADFC-Vorstand Nils Larsen blickt neidvoll ins Ausland: "In Holland und Dänemark wird Radverkehrsförderung sehr stark als eine Antistau-Maßnahme gesehen und auch als solches finanziert. Zuerst wurde in Kopenhagen und Amsterdam probiert, das Stauproblem mit immer mehr Autospuren zu lösen. In Kopenhagen wurde die Straßenbahn dafür geopfert. Jedoch half es nichts. Dann hat man Autospuren in Radwege umgebaut. Das war ein mutiges Experiment und es hat funktioniert. Der Megastau blieb aus. Stattdessen gehören die Städte heute zu den Städten mit den glücklichsten Bürgern der Welt."

Dem Geschäftsführer des ADFC Sachsen Konrad Krause reicht schon der Blick nach Leipzig, um ein vernichtendes Bild von der Dresdner Stadtpolitik zu zeichnen: In Leipzig kümmert man sich mehr. Umliegende Gemeinden wie Markkleeberg werden für Radfahrer besser angebunden." Die Stadtverwaltung in Dresden führe ein enormes Eigenleben. "Der Stadtrat steuert zwar immer wieder nach, aber oft ohne Erfolg. Tausende Stadtratsbeschlüsse werden einfach nicht umgesetzt. Ein Beispiel: Radwege auf dem Blauen Wunder. Der Beschluss ist inzwischen über 15 Jahre alt."


Wie haben sich die Unfallzahlen entwickelt?

Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain räumt ein, dass Dresden auch im Vergleich mit anderen Städten hohe Unfallzahlen mit Radfahrerbeteiligung aufweist. Die Zahlen seien in den letzten drei Jahren gestiegen. Allein in diesem Jahr gab es bis September 805 Unfälle mit Radfahrern - dabei verletzten sich 132 Menschen schwer, drei Radfahrer starben.

Der ADFC sagt: "Die Radfahrer fühlen sich immer unsicherer. Und das häufig zu Recht." Typisch für Dresden seien: Radwege, die ins "Nichts" führen, insgesamt sei das Wegenetz zu uneinheitlich: "Hochbordradwege, dann wieder eine blass gestrichelte Spur auf der Straße oder Fußwege, die Radfahrer mitnutzen können. Da mangelt es an Klarheit." 2018 bewerteten 2.800 Dresdner ihre Stadt im ADFC-Fahrradklima-Test. Die Gesamtnote von 3,96 betrachten Fahrradclub und Stadt als ausbaufähig. Nils Larsen vom ADFC: "71 Prozent der Dresdner haben Angst vor dem Radfahren in der Stadt, es ist eine traurige Zahl - zwei Drittel der im Stadtverkehr mit dem Auto zurückgelegten Wege sind kürzer als fünf Kilometer," so Larsen. Daran werde deutlich, welches Potenzial es hier gebe.


Liegt es bei Unfällen mit Radfahrern nicht oft auch daran, dass diese sich nicht an Verkehrsregeln halten?

Konrad Krause vom ADFC stellt klar: "Bei Unfällen spricht die Statistik eine klare Sprache: Schuld an Unfällen haben in Sachsen etwa 29 Prozent der beteiligten Radfahrer und rund 71 Prozent der Autofahrer. Die Opfer von Unfällen sind überdurchschnittlich Kinder und über 65-Jährige. Das sind genau nicht die sogenannten Rüpel-Radler - die sind eher zwischen 20 und 40 Jahre alt." Natürlich seien Radfahrer keine besseren Menschen als Autofahrer - Fehler begingen beide Seiten, so sein Kollege Larsen vom ADFC. Nur sei das Fehlverhalten von Autofahrern für Radfahrer oft folgenreicher.

ADFC und Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain beklagen insgesamt ein schlechtes Verkehrsklima in der Stadt. Es gebe Fronten zwischen Rad-, Autofahrern und Fußgängern - und das mehr als andernorts. ADFC-Vorstand Nils Larsen verweist auf sein Herkunftsland Dänemark. Es sei auch wie Deutschland ein Land der Autofahrer - aber es gebe bei dem Thema nicht so eine Polarisierung. "In Dänemark ist man meist beides: Rad- und Autofahrer. Wir sind sehr mobil." Dadurch gebe es auch mehr Miteinander auf der Straße. "Daran mangelt es hier in Dresden. Es wird zum Beispiel als Affront gesehen, wenn Parkplätze gestrichen werden. Dabei hätten alle etwas davon, wenn der Autoverkehr zurückgehe.


Welche Zonen in Dresden gelten laut dem ADFC als besonders gefährlich?

ADFC-Vorstand Nils Larsen nennt hier beispielhaft: "Die Pillnitzer Straße stadteinwärts mündet in einen Mischverkehr und ist unangenehm zu fahren. Die Striesener Straße birgt wegen der Reihe parkender Autos Gefahren für Radfahrer. Auch problematisch ist die Umgebung der Kreuzung Stauffenbergallee / Königsbrücker Straße. Die Kreuzung ist unübersichtlich, viel befahren, holperig und Anschlüsse ins Wohngebiet fehlen."

Generell passierten Unfälle vor allem, da wo sich Hauptstraßen kreuzen. "Dort treffen meist mehrere Verkehrsarten aufeinander. Die Unfallursache ist meist eine Kombination aus schlechter Infrastruktur und unaufmerksames Fahren, dichtes Überholen, Rasen, kein Schulterblick." Der ADFC fordert deswegen Tempo 30 - "überall in der Stadt, wo keine sicheren und breiten Radwege vorhanden sind."

Fahrrad-Symbol auf einem Radweg
Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Quelle: MDR/st

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 14.10.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 16:34 Uhr

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