Schatten eines Pilgers fällt auf Mauerwerk
Raus aus der Schattenseite des Lebens: Pilgern soll straffälligen Jugendlichen helfen, über ihr Leben und ihre Fehler nachzudenken. Bildrechte: Alba VZW Belgien

Forschungsprojekt in Dresden Pilgern als Strafe für kriminelle Jugendliche

Die Fachhochschule Dresden untersucht mit europäischen Partnern ein spezielles sozialpädagogisches Projekt. Es geht ums Pilgern als Strafe für straffällige und benachteiligte Jugendliche. Das gilt als alternativer Weg zum üblichen Jugendstrafvollzug. Doch wie erfolgreich ist das Konzept wirklich?

Schatten eines Pilgers fällt auf Mauerwerk
Raus aus der Schattenseite des Lebens: Pilgern soll straffälligen Jugendlichen helfen, über ihr Leben und ihre Fehler nachzudenken. Bildrechte: Alba VZW Belgien

Der Dresdner Sozialwissenschaftler Karsten König hat sozialpädagogische Konzepte mit straffälligen Jugendlichen verteidigt: "Für diejenigen, die den Pilgerweg laufen, ist das weder ein Ferienerlebnis noch Kulturausflug." Die meisten seien nicht sportlich und hätten zu kämpfen, die 25 Kilometer am Tag durchzuhalten. In einer Zwischenbilanz mehrerer europäischer Strafpilger-Projekte zeigt sich, dass die wenigsten jungen Leute das Pilgern abbrechen und auch nach dem Weg mehr Durchhaltevermögen beweisen als andere Jugendliche, die aus der Haft entlassen werden.

Weg zum Denken und Arbeiten

Der Sozialarbeiter und Projektleiter pilgert seit 2011 mit straffälligen Jugendlichen in Sachsen.
Sozialarbeiter Sven Enger ist dutzende Male mit straffälligen Jugendlichen auf dem Pilgerweg gelaufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Während 70 Prozent der Jugendlichen nach ihrer Entlassung aus dem Jugendstrafvollzug rückfällig werden, halten nur drei von 100 Jugendlichen das Pilgern nicht durch", sagte Projektleiter Sven Enger, der in Sachsen bereits dutzende Male mit jugendlichen Straffälligen gepilgert ist. Danach habe die Mehrheit einen persönlichen Plan und würde den auch durchziehen. "Jobcenter-Mitarbeiter berichten uns immer wieder, dass ihre Klienten nach dem Pilgern drei Monate lang ein regelrechtes Hoch haben, in dem sie Sachen regeln, die sie zuvor jahrelang versäumt haben."

Vor sieben Jahren hat Sozialpädagoge Sven Enger von der Sächsischen Jugendstiftung das kriminalpräventive Pilgerprojekt "Zwischen Zeiten" gestartet. Seither sind mehr als 400 junge Leute auf 50 Touren den Pilgerweg gegangen - jeweils eine Woche in Begleitung geschulter Pädagogen. In Belgien und Frankreich gibt es das Strafpilgern bereits seit 50 Jahren.

Ich habe gelernt freundlicher zu sein und mich gut zu benehmen und mir meine Fehler einzugestehen. Vor dem Weg konnte ich das nicht.

Junger französischer Straffälliger ging auf den Pilgerweg drei Monate lang
Ein Wanderstiefel steckt auf einem Pfahl. Im Hintergrund ist ein See zu sehen.
Kaputte Füße gelten nicht als Ausrede beim Strafpilgern. Bildrechte: colourbox

"Etwas neidisch blicken wir nach Frankreich, wo nicht nur eine Woche lang mit den jungen Leuten gepilgert wird, sondern drei Monate bis nach Santiago de Compostela", sagte Sven Enger. Um nicht wieder rückfällig zu werden, sollen die jungen Leute durch das Pilgern ihre Komfortzone und ihr soziales Umfeld verlassen und über sich nachdenken - je länger, desto höher seien die Chancen auf Erkenntnis und Kursänderung.

Der Abstand von Familie und Freunden war das, was er gebraucht hat.

Mutter ihr Sohn hatte Probleme wegen Verhaltensauffälligkeiten und Cannabiskonsums

Bis ans Ende des Jakobsweges müssen junge Leute in Sachsen nicht laufen. Sie pilgern 80 Kilometer auf der Via Regia. "Unterwegs haben sie ganz unterschiedliche Aha-Erlebnisse. Wenn sie die Strecke geschafft und die Regeln eingehalten haben, sind sie stolz, etwas erreicht zu haben", erklärte Enger. Wer dagegen abbricht, bekommt auch die "erwanderten" Sozialstunden gestrichen und hat die Jugendrichter-Auflage nicht erfüllt.

Konkrete Rückfallzahlen im Herbst auf dem Tisch

Karsten König und ein Kollegen-Team von der Fachhochschule Dresden begleiten Pilger-Projekte in Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Deutschland wissenschaftlich und wollen, dass sich die Fachleute stärker austauschen. Eine konkrete Erfolgsquote zur Rückfälligkeit von straffälligen Jugendlichen, die gepilgert sind, soll im Herbst dieses Jahres veröffentlicht werden.

Ein Tag Jugendarrest kostet den Steuerzahler 100 Euro am Tag, ein Tag Knastwandern nur 13 bis 30 Euro.

Sven Enger Projektleiter bei der Sächsischen Jugendstiftung

Junge Straffällige laufen mit einem Betreuer auf dem Pilgerweg.
Die meisten jugendlichen Strafpilgerer sind Wandern bei Wind und Wetter nicht gewöhnt. Bildrechte: Sächsische Jugendstiftung

Was soll das Strafpilgern? Es gilt als sozialpädagogische Maßnahme für straffällig gewordene Jugendliche und Alternative zum üblichen Jugendstrafvollzug.
Jugendrichter können das Pilgern als Sozialkurs anordnen.
Adressaten sind 18- bis 25-Jährige, die durch leichtere Straftaten wie Schwarzfahren, Diebstähle oder Cannabis-Konsum auffällig waren.
Sozialpädagogen verstehen das Pilgern nicht als Haftalternative für Straftäter, die schwere Verbrechen begangen haben.
Auch Jobcenter schicken Klienten auf den Pilgerweg, die sich nicht an Auflagen halten, keine Lehrstelle suchen oder nicht arbeiten gehen wollen.
In Sachsen gehen Strafpilgerer eine Woche lang unter Anleitung nach einem festgelegten 12-Stunden-Tag die Via Regia entlang - täglich etwa 25 Kiliometer.
Unterwegs erledigen sie handwerkliche Aufgaben in den Herbergen und Bildungsaufgaben.
(Quelle: Sächsische Jugendstiftung)

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema auch im Programm von MDR SACHSEN: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.03.2018 | 13:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Stuio Dresden

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 16:24 Uhr