Diskurs | MDR FIGARO | 11.06.2015 | 22:00-23:00 Uhr (Wdh.) Das bin doch nicht ich, oder? - Henry Büttner

Hommage an einen Karikaturisten - Feature von Günter Kotte

Vor 40 Jahren, am 18. Juni 1975, wurde in Greiz das "Satiricum", eine Sammlung historischer und zeitgenössischer Karikaturen gegründet. Im Bestand auch zahlreiche Zeichnungen von Henry Büttner, einem der beliebtesten Karikaturisten in der DDR. Büttner war Kult und wurde jede Woche von den Lesern des ostdeutschen Satiremagazins "Eulenspiegel" herbeigesehnt. Autor Günter Kotte nähert sich in dieser Sendung dem zurückgezogen lebenden Künstler, unter anderem im Gespräch mit Eva-Maria von Máriássy, Direktorin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum in Greiz.

von Matthias Thalheim

Der dezente Strich des Henry Büttner

Dieses staksige "H" mit dem drübergeschriebenen Spitzbauch-"B" – wie sehr hat man nach diesem markanten HB-Signet geblättert und gesucht – denn auf diesen Karikaturen war trockener Humor so genial zugespitzt, dass einem das Lachen oft im Staunen stockte, was diesem Henry Büttner wieder Originelles eingefallen war!

Cover: Das dicke Büttner-Buch 58 min
Bildrechte: Eulenspiegel – Das Neue Berlin

Dabei stand Büttners dünner Strich in einer beachtlichen Konkurrenz zu einer Vielzahl anderer profilierter Zeichner und Karikaturisten in der DDR: Von Behling, Bofinger, Henniger, Jankowski über Jordan, Klamann, Klemke bis zu Schmitt, Schrader, Shaw und Vontra. Von "Mosaik", "Frösi", "Fix und Fax" im "Atze" und den DEFA-Zeichentrickfilmen ganz abgesehen.

Und doch zog es einen immer wieder zu Henry Büttners verzweifelten Männern mit den "Kreissäge"-Hüten, den Bretter-Hosen und den kastigen Reise-Anzügen, die sie auch in der Gartenlaube trugen oder wo immer auch sich die valentinesken Ehegefechte Büttnerschen Zuschnitts ereigneten. Da war kein Detail zu viel und jedes Detail ein Vergnügen: Hundehütten, gerahmte Konterfeis, Schreibtische oder ein Nudelholz.

Selbst wenn man die Boshaftigkeiten der Henniger oder eines Behling schätzte und sich über Jankowskis oder Schmitts Kullrigkeiten amüsierte - die zumeist wortlosen Attacken, die ein Henry Büttner gegen deutsche Biederkeit und (klein-)bürgerlichen Übertrumpfungs-Wahn in seinen Karikaturen in Szene setzte, überragten in ihrer Entschiedenheit und zeichnerischen Reduktion dann doch das gesamte Terrain des Ostens. In eine Loriot’sche Höhe.

Das nahm man bereits zu Zeiten wahr, da noch nicht von "Cartoons" die Rede ging und man sich eher weniger Gedanken darüber machte, welche Person denn nun hinter dem Kürzel "HB" steckte. Das änderte sich natürlich mit der deutschen Wiedervereinigung, die ja auch die landsmannschaftlichen Zugehörigkeiten erkennbarer machte. Und so sehr es einen freut, dass es ein Sachse aus der Nähe von Chemnitz ist, der sich hinter "HB" verbirgt, so wenig kann es einen verwundern, dass er sich im eigentlichen Sinne des Wortes tatsächlich verbirgt, dass er ein zurückgezogen lebender, scheuer Künstler ist.

Wer so genau und empfindsam Eigensinn wahrzunehmen und darzustellen vermag, dem muss das schrille Getöse marktwirtschaftlicher Alltags-Geschäftigkeit schlichtweg ein Gräuel sein. Damit soll nicht ausblendet werden, wie absurd Büttner bereits die gesellschaftlichen Muster der vorhergehenden Ära aufzeigte, die Fragwürdigkeiten menschlichen Verhaltens überhaupt. Zu allen Zeiten.

Auf wundersame Weise fabulieren die Büttnerschen Szenen jedoch auch immer etwas, was gar nicht gezeichnet zu sehen ist, was aber die Seele seiner Witze ausmacht: Die Sehnsucht nach einem Menschsein jenseits von Etikette und dem "was die Mode streng geteilt" (F. Schiller). Die Sehnsucht nach unkomplizierter Nähe.

In der Sendung von Günter Kotte erinnern sich Wolfgang Thierse und Gregor Gysi, der Satiriker Ernst Röhl, der Krimiautor Tom Wittgen und die Redakteurin Katharina Schulze an den Karikaturisten, der in seinem Arbeitsleben mehr als 21.000 Zeichnungen geschaffen hat. Einige Blätter sind auch im Bestand des "Satiricum" in Greiz, das vor 40 Jahren gegründet wurde. Die Sammlungsleiterin und Direktorin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung in Greiz Eva-Maria von Máriássy erzählt in dieser Sendung, wie sie sich dem Künstler genährt hat und was sie an Henry Büttner fasziniert.

Er ist unvergleichlich, mir fallen Assoziationen ein, aber keine Vergleiche, diese vollkommene Ornamentlosigkeit seiner Darstellung und wie die Figuren so erstarrt sind in der Bewegung, dass man als Betrachter aber dennoch bemerkt, im nächsten Augenblick passiert eigentlich das Ungeschick, das Missgeschick. Das sind Sachen, die kenne ich eigentlich nicht von anderen Karikaturisten.

Eva-Maria von Máriássy, Direktorin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum in Greiz.

Vita von Henry Büttner

Henry Büttner wurde am am 12. November 1928 im sächsischen Wittgensdorf geboren. Er arbeitete er nach einer Malerlehre als Dekorateur und Schildermaler. Im Alter von 26 Jahren veröffentlichte der "Eulenspiegel" Büttners erste Arbeit. Seit dem Ende der fünfziger Jahre lebt Büttner, der von sich behauptet, dass ihm als  Gesellschaft seine Familie genüge, als freier Künstler zurückgezogen in seinem Geburtsort unweit von Chemnitz. Er schuf in seinem Arbeitsleben mehr als 21.000 Karikaturen.

Der Autor Günter Kotte

Günter Kotte, geboren 1949, von 1968 - 1973 Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Babelsberg, Produktion, Regie, Diplom, danach freier Autor und Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. 1983 Übersiedlung nach Westberlin, freier Autor, Regisseur, Maler. Er drehte zahlreiche Dokumentarfilme und schrieb mehrere Features. Für MDR FIGARO entstanden u.a. "Na sdorowje - die Russen und ihr Wodka", "Wenn die Zeit still steht. Oder: Langweilen sich Fische eigentlich auch?", "Lieber Wolodja - Erinnerung an die sowjetische Liedermacherlegende Wladimir Wyssozki", "Strawalde. Oder: Mach dich an dein sündiges Leben", "Ohne ihn wären die Mächtigen oftmals sprachlos gewesen - Der Dolmetscher Wolfgang Ghantus" (Auswahl).

Angaben zur Sendung Vor 40 Jahren: Gründung des „Satiricum“ in Greiz am 18. Juni 1975:
"Das bin doch nicht ich, oder? – Henry Büttner"
Hommage an einen Karikaturisten

Feature von Günter Kotte

Sendung:
Do, 11.06.2015 22:00 bis 23:00 Uhr

Regie: Stefan Kanis
Redaktion: Ulf Köhler

Produktion: MDR 2013

Sie können dieses Feature hier nach der Sendung bis zum 10. Juni 2016 nachhören und herunterladen.

Buchtipp Das dicke Büttner-Buch
Herausgegeben von Sonja Schnitzler
317 Seiten, gebundene Ausgabe
Eulenspiegel Verlag, 1. Auflage 1995
ISBN 3-359-00775-1

Henry Büttner
Männer sind auch nur Menschen
gebundene Ausgabe
Eulenspiegel Verlag, 1. Auflage 2001
ISBN 3-359-01402-2

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2013, 22:00 Uhr