Der Dresdner Fernsehturm ragt hinter einer Baumreihe heraus.
Eine Besonderheit des Dresdner Fernsehturms: er steht nicht mitten in der Stadt. Bildrechte: MDR/Karsten Wolf

Dresdner Fernsehturm Der größte Sekt-Kelch der Welt

von Andreas Schrock

Die Geschichte und die Architektur des Dresdner Fernsehturms gleicht dem Leben eines Sekt-Kelches. Unten ist das Bauwerk schmal und elegant, oben geht es gekonnt in die Breite. In der DDR berauschten sich jährlich etwa 200.000 Gäste am Ausblick in 148 Metern Höhe. Seit 1991 ist der "Sekt-Kelch von Wachwitz" für Gäste ohne Funktion. Vielen macht er aber weiter Durst.

Der Dresdner Fernsehturm ragt hinter einer Baumreihe heraus.
Eine Besonderheit des Dresdner Fernsehturms: er steht nicht mitten in der Stadt. Bildrechte: MDR/Karsten Wolf

Ich war nie auf dem Dresdner Fernsehturm. Dabei hätte ich Anfang 1991 als Neu-Dresdner noch in den Aufzug steigen können. Täglich pilgerten knapp 1.000 Gäste nach Wachwitz und fuhren mit dem Schnellaufzug zum Café in 145 Meter Höhe. Doch ich hatte es nicht eilig. Wozu auch, bei diesem Jahrhundertbauwerk. Dann war plötzlich Schluss.

Dresdner Fernsehturm im Abendrot
Feierabend: 1991 wurde der Turm für Besucher geschlossen. Bildrechte: MDR/Tobias Knauf

Viele Dresdner haben noch nie einen Blick von der Aussichtplattform in 148 Metern Höhe geworfen. Zuzügler seit 1992 etwa hatten keine Chance auf einen Besuch. Betroffen sind auch die ca. 100.000 Dresdner, die seit 1992 in den Geburtskliniken der Stadt zur Welt kamen. Dabei sind die Babys von 1992 längst erwachsen und werden jetzt 24 Jahre alt.

Eckdaten des Dresdner Fernsehturms
Gesamthöhe 252 Meter  
Aussichtsplattform 148 Meter  
Restaurant 145 Meter  
Bauzeit sechs Jahre (1963-1969)  
Baustoffe Beton, Stahlbeton  
Gesamtmasse 7.300 Tonnen  

Macht eine Blickbeziehung glücklich?

Fernsehturm Dresden
Der Dresdner Fernsehturm zeigt sich aus jedem Blickwinkel anders. Bildrechte: MDR/Karsten Wolf

Die meisten Dresdner hatten vermutlich schon einmal eine Blickbeziehung zum Fernsehturm. Denn das 252 Meter hohe Bauwerk in Dresden-Wachwitz ist von nahezu jedem Fleck in der Stadt aus sichtbar. Hinzu kamen Hinweisschilder für Autofahrer, mal mit einem Richtungspfeil zum Fernsehturm, mal mit der bildlichen Darstellung des Bauwerks.

Der Stadtverwaltung fiel nach der Schließung des Fernsehturms 1991 schnell auf, dass die Blickbeziehung zum Fernsehturm keine erfüllte Beziehung war. Auch dem Leiter des Straßen- und Tiefbauamtes, Reinhard Koettnitz. Dennoch blieben die Hinweisschilder zunächst stehen. "Es gab eine große Hoffnung", sagt Koettnitz, "dass der Fernsehturm wieder eröffnet wird."

Bergbahnen statt Fernsehturm

Ab dem Jahr 2002 änderte sich die Stimmung in der Stadt. Die Versuche zur Übernahme durch einen neuen Betreiber waren gescheitert. Reinhard Koettnitz ließ die Bezeichnung "Fernsehturm" auf den Hinweisschildern entfernen. Dafür gab es nun Hinweisschilder zu den Bergbahnen in Loschwitz: "Wenn sowieso keine Leute auf den Fernsehturm können, warum sollten wir sie dann dahin schicken?" Letztes sichtbares Zeichen in Dresden ist die Buslinie 61, die zwischen Löbtau und Weißig bzw. Fernsehturm verkehrt.

Sendungen aus Wachwitz

Dresdner Fernsehturm
Mit einem Teleobjektiv sind die Sende- und Empfangsanlagen deutlich zu sehen. Bildrechte: MDR/Karsten Wolf

Der Fernsehturm wird weiterhin genutzt. Er hat Sende- und Empfangseinrichtungen für Fernsehen, Rundfunk sowie Mobil- und Datenfunk. Auch die Programme des MDR werden in Wachwitz ausgestrahlt. Zutritt haben nur noch die verantwortlichen Techniker. Jedes Jahr zu Silvester gibt es ein besonderes Lichtspektakel. Wie Anwohner berichten, sind dann alle Räume des Turms in 145 Metern Höhe trotz seiner Schließung hell erleuchtet.

Fernsehturm neben Pferdekoppel

Der Fernsehturm ist nie aus dem öffentlichen Bewusstsein der Dresdner verschwunden. Wer sich die Mühe macht und nach Wachwitz fährt, wird mit einer völlig neuen Blickbeziehung belohnt: der eingezäunte Turm steht mitten auf einer Wiese. Auf der einen Seite stehen Wohnhäuser, auf der anderen eine Pferdekoppel. Ich habe dort auch schon Schafe weiden sehen.

Der Fuß des Drsdner Fernsehturms.
Dickes Ding: der Eingangsbereich des Fernsehturms. Bildrechte: MDR/Karsten Wolf

Den Glauben an die öffentliche Nutzung des Turms habe ich nie verloren. Die Wiederöffnung des Fernsehturms wird für die Dresdner ganz sicher eine enorme Bereicherung sein.

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2016, 20:47 Uhr

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