Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge Pirna: Die Bundeswehr im Hotline-Einsatz

Seit Monaten verfolgen Mitarbeiter von Gesundheitsämtern Kontakte von Corona-Infizierten. Weil das Pensum nicht mehr zu schaffen war, wurde Hilfe bei der Bundeswehr beantragt. MDR SACHSEN hat eine Soldatin und einen Soldaten getroffen, die über ihren Einsatz bei der Kontaktnachverfolgung im Auftrag des Gesundheitsamtes Pirna erzählen. Beide sagen: "Wir freuen uns, die Mitarbeiter entlasten zu können. Denn das Personal hat wahnsinnigen Stress."

Eine junge Frau in Bundeswehruniform sitzt an einem Schreibtisch, hat ein Headset auf den Ohren und telefoniert. Es ist Paulin Oswald aus Sachsen, die seit Ende Oktober dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge bei der Kontaktverfolgung von Corona-Kontakten hilft. Die Frau ist Oberstabsgefreiter. So heißt der Dienstgrad offiziell bei der Bundeswehr.
Paulin Oswald ist seit Ende Oktober in der Kontaktnachverfolgung im Auftrag des Gesundheitsamtes Pirna im zivilen Einsatz. Bildrechte: Landeskommando/Bundeswehr

"Guten Tag, Frau Oswald vom Landratsamt Pirna. Ich bin vom Rechercheteam Covid 19." So beginnt Oberstabsgefreite Paulin Oswald seit Ende Oktober die meisten ihrer Anrufe, die sie für das Gesundheitsamt Pirna führt. Sie ist eine von insgesamt 530 Bundeswehrangehörigen, die per Amtshilfe aktuell Gesundheitsämter, Kliniken und Pflegeeinrichtungen in Sachsen unterstützen.

"Ihre Tochter war Kontaktperson zu einem positiv Getesteten. Der Kontakt war am 24.11. Und nun müssen wir Ihnen eine Quarantäne aussprechen." Die Soldatin arbeitet vor allem Schülerlisten ab, die Schulen nach positiven Coronafällen zusammengestellt haben. "Die Anrufe bei Eltern gehen besonders schnell, weil viele Daten schon vorliegen und die Eltern unseren Anruf erwarten", sagt Paulin Oswald.

Hunderte Anrufe pro Tag

Als nächstes fragt sie nach dem Befinden: "Wie geht es Ihrer Tochter? Ist sie symptomfrei?". Oft seien die Eltern besorgt und nach ihren Anrufen froh, dass sie nun wüssten, wie sie sich zu verhalten haben und ob sie beim Kind zu Hause bleiben sollen. Bei Kindern bis zwölf Jahren soll ein Elternteil zu Hause bleiben. Die entsprechende Bescheinigung für die Arbeitgeber gibt's vom Landratsamt, erklären die Gesundheitsamtsmitarbeiter dann. Wenn es gut läuft, schaffen Paulin Oswald und ein Kamerad, der die Daten parallel in Listen eintippt, 150 bis 200 Anrufe am Tag.

Angemault werden wir eigentlich nicht. Die Leute sind froh, dass wir anrufen. Viele bedanken sich auch.

Paulin Oswald Bundeswehrsoldatin im Dienst des Gesundheitsamtes Pirna
Ein junger Mann in Bundeswehruniform arbeitet an einem Schreibtisch. Er hat einen Telefonhörer in der linken Hand und einen Stift in der rechten. Es ist Feldwebel Rico Sachse, der seit Ende Oktober das Gesudnheitsamt Prina bei der Kontaktnachverfolgung unterstützt.
Rico Sachse ruft täglich Menschen an, die noch nichts davon wissen, dass sie Erstkontakte von Corona-Infizierten sind. Bildrechte: Landeskommando/Bundeswehr

Weniger schnell als bei Schülerlisten geht es voran, wenn Menschen erreicht werden müssen, die erst durch das Gesundheitsamt erfahren, dass sie Erstkontakte von Corona-Infizierten sind und in Quarantäne sollen. "Viele haben auf Arbeit das Handy aus. Manche sind nicht erreichbar oder rufen später zurück", sagt Rico Sachse.

Der Feldwebel des Panzergrenadierbataillons 371 aus Marienberg telefoniert mit Handwerkern, Angestellten oder allein lebenden Rentnern. Pro Coronafall müssten um die 40 Anrufe erledigt werden. Bei Senioren seien es manchmal nur ein oder zwei. Aber sind Menschen in Kitas oder Gemeinschaftseinrichtungen betroffen, müssen schnell Dutzende Erstkontakte abgefragt werden.

Als Soldat muss man geduldig sein. Mir ist das mit in die Wiege gelegt worden. In Lehrgängen wurden wir ja auch didaktisch geschult.

Rico Sachse Feldwebel im Einsatz an der Corona-Hotline

Geduld trotz Zeitdruck

Für das Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge arbeiten jeden Tag insgesamt fünf Teams mit jeweils 20 Mitarbeitern. Sie telefonieren von Freital, Dippoldiswalde und Pirna aus; darunter auch insgesamt 24 Soldaten als Unterstützer. Sie sollen noch bis Mitte Januar 2021 bei der Kontaktnachverfolgung mithelfen. "Ältere Menschen freuen sich, wenn jemand in der Leitung ist, aber sie verstehen auch, dass wir wenig Zeit haben und keine Privatgespräche führen können", sagt Paulin Oswald. Manchmal ist sie "sehr froh", bei Notfällen auf Hilfen des DRK verweisen zu können wie Einkaufshilfen oder Betreuung für Pflegefälle.

Die Landkreisverwaltung ist außerordentlich dankbar für die Unterstützung der Bundeswehr. Die Soldaten leisten einen wichtigen Beitrag, um das enorme Arbeitspensum zu bewältigen.

Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

Manche Telefonate dauerten aber auch schon mal eine oder zwei Stunden, wenn viele Kontakte erfragt werden müssten, erzählt Rico Sachse. Oder wenn Menschen in Häusern der Behindertenhilfe Quarantänemaßnahmen erklärt bekommen.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Leute Mühe geben und uns wahrheitsgemäß sagen, wen sie wann getroffen haben. Wir müssen darauf vertrauen.

Paulin Oswald Oberstabsgefreite des Panzergrenadierbataillons 371 Marienberg

Wunsch: Möglichst schnell normalen Alltag

Eine junge Frau in Bundeswehruniform sitzt an einem Schreibtisch und telefoniert. Es ist Paulin Oswald aus Sachsen, die seit Ende Oktober dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge bei der Kontaktverfolgung von Corona-Kontakten hilft. Die Frau ist Oberstabsgefreiter.
Die Soldatin Paulin Oswald hofft, dass die Pandemie bald vorüber ist, damit alle wieder einen normalen Alltag haben können. Bildrechte: Landeskommando/Bundeswehr

Nach den Arbeitstagen von 8 bis 17 Uhr im Landratsamt wohnen die Soldaten derzeit in der Jugendherberge Pirna. "Klar, man unterhält sich abends auch mal über Fälle und tauscht sich aus", sagen die beiden. Auch der Militärpfarrer war schon zum Frühstück da und fragte nach ihren Sorgen in diesem speziellen Einsatz. Paulin Oswald war 2015 bereits in der Flüchtlingshilfe im Einsatz, 2018 für die NATO in Litauen und nun Pirna. "Man sieht, wie es im zivilen Leben ist. Das ist etwas komplett anderes und nicht vergleichbar mit der Bundeswehr", meint sie.

Die Erfahrungen des Corona-Einsatzes will die gelernte Einzelhandelskauffrau auch in ihre Überlegungen darüber einfließen lassen, was sie nach ihrer Dienstzeit machen möchte. Vorher allerdings sollte die Pandemie vorbei sein: "Den Schulen, den Menschen in der Pflege, im Verkauf und allen Kindern wünsche ich einen normalen Alltag. Und den möglichst schnell."

Die Amtshilfe-Einsätze im Überblick - Seit Ende September sind in Sachsen Soldatinnen und Soldaten im Kampf gegen die Corona-Pandemie im Einsatz. Derzeit sind es 530, die direkt im Rahmen von Amtshilfeanträgen im Freistaat mithelfen.
- Sie sind in insgesamt 55 Einsatzorten tätig, darunter 19 Mal bei der Kontaktnachverfolgung für Gesundheitsämter, arbeiten als Sanitäter oder Helfer in neun Krankenhäusern und 18 Pflegeeinrichtungen. Damit ist die Bundeswehr in allen Landkreisen im Einsatz - außer dem Vogtland.
- Deutschlandweit sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Berlin rund 4.000 Soldaten im Corona-Einsatz.

Quellen: Landeskommando Sachsen/MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.11.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Mehr aus Freital und Pirna

Mehr aus Sachsen