Festung Königstein
Die Festung Königstein galt als ausbruchssicher. Im Jahr 1949 wurde in ihr der erste DDR-Jugendwerkhof gegründet. Die "Umerziehungsanstalt" wurde später Vorbild für den berüchtigten Jugendwerkhof in Torgau. Bildrechte: imago/euroluftbild.de

DDR-Geschichte Ausstellung zeigt Leben von Jugendlichen im DDR-Werkhof Königstein

Die idylische Festung Königstein ist ein Jugendwerkhof gewesen. Jugendwerkhöfe galten in der DDR als "Umerziehungsanstalten" für schwer erziehbare Jugendliche. Eine Ausstellung widmet sich dem Leben der Insassen.

Festung Königstein
Die Festung Königstein galt als ausbruchssicher. Im Jahr 1949 wurde in ihr der erste DDR-Jugendwerkhof gegründet. Die "Umerziehungsanstalt" wurde später Vorbild für den berüchtigten Jugendwerkhof in Torgau. Bildrechte: imago/euroluftbild.de

Der Tag beginnt mit Wasserholen und Frühsport. Danach ist Stubenreinigung angesagt. Erst dann gibt es Frühstück, bevor es im Gleichschritt zum Morgenappell geht - später in die Schule oder zur Arbeit. Der Alltag im DDR-Jugendwerkhof auf der abgeschotteten Festung Königstein war straff durchorganisiert. Zeit für Privates blieb kaum. Das DDR-Regime wollte in "Umerziehungsanstalten" aus schwer erziehbaren, elternlosen oder straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen "sozialistische Persönlichkeiten" machen. Auf dem Königstein - mitten in der Sächsischen Schweiz - war eine der ersten von rund 70 derartigen Einrichtungen im Osten Deutschlands.

Von Freitag an bis zum 3. November erzählt eine Ausstellung über dieses weniger bekannte Kapitel der Festungsgeschichte. Bisher wurde es nur kurz in der Dauerausstellung gestreift. Sechs Jahre diente die Festung auf dem Tafelberg als Werkhof - mit militärischem Drill und ideologischer Erziehung. Das Ministerium für Volksbildung in Berlin legte fest, welche politischen Themen besprochen werden sollten.

Festung Königstein wurde 1949 zum DDR-Jugendwerkhof

Zu Beginn 1949 lebten etwa 40 Jungen zwischen 14 und 18 Jahren im Jugendwerkhof. Sie hätten die Anlage erst einmal herrichten müssen und bewohnbar machen, sagt die Kuratorin der Sonderausstellung, Maria Pretzschner, die für das Projekt seit 2015 geforscht hat. Da wurden Kasematten verfüllt und die einstige Militäranlage gesäubert. Die Festung war zuvor Strafgefangenenanstalt und Kriegsgefangenenlager. Die Aufgaben seien zum Teil sehr eklig und meist körperlich anstrengend gewesen. Denn es mussten auch Fäkaliengruben geräumt oder Erdwälle abgetragen werden.

Die ersten Insassen kamen aus dem Gefängnis Waldheim

Die ersten Zöglinge waren laut Pretzschner aus dem Gefängnis Waldheim auf den Königstein gekommen. Wer sich bewährte, konnte eine Ausbildung zum Schlosser oder Tischler absolvieren, zum Teil auch zum Maurer, Schumacher oder Gärtner. Besonders Privilegierte seien mit dem Einkauf von Lebensmitteln betraut oder in der Verwaltung eingesetzt worden. Lehrer und Erzieher haben auf der Festung mit ihren Familien gewohnt. Um Ordnung in den Tagesablauf ihrer Zöglinge zu bringen, teilten sie die Jugendlichen in verschiedene Gruppen ein. Gewohnt haben die Insassen unter anderem in der früheren Alten Kaserne - meist vier Jugendliche in einem Zimmer.

Die Festung galt als ausbruchssicher

Die historische Anlage in abgeschiedener Lage galt als ausbruchssicher. Dennoch hätten einige der Jungen den Fahrstuhl geknackt, seien abends ausgegangen und nachts wieder hochgefahren, erzählt die Kuratorin eine der Episoden. Rund 30 Stunden Interviewmaterial hat sie von ehemaligen Insassen gesammelt. Einige Stimmen sind an Medienstationen nachzuhören.

Königstein war Vorbild für Jugendwerkhof in Torgau

Königstein galt als Vorbild für den geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau, wo später tatsächlich Biografien gebrochen worden. Dagegen sei es auf der Festung aber vergleichsweise milde zugegangen, sagt die Kuratorin. Einige Zeitzeugen verbinden sogar positive Erinnerungen mit ihrem Aufenthalt, loben den kameradschaftlichen Zusammenhalt und das Miteinander mit Erziehern - vor allem in den ersten Jahren des Jugendwerkhofes. "Wir kamen aus der Hölle ins Paradies", erzählt einer der früheren Insassen, "die ersten zwei Jahre waren fantastisch". Vor dem Hintergrund, dass viele Jugendliche aus zerrütteten Familien kamen, sei das nachvollziehbar, sagt Pretzschner. Die Schwester eines anderen Insassen gab dagegen zu Protokoll: "Mein Bruder sah unglücklich aus."

1955 wurde Werkhof geschlossen und die Festung für Besucher freigegeben

In den letzten zwei Jahren lebten etwa 200 junge Menschen auf dem Königstein - 160 Jungen und 40 Mädchen. Die weiblichen Insassen seien mit einfachen Hilfsarbeiten in der Wäscherei oder der Küche beschäftigt worden. Der Königstein stand aber zu dieser Zeit in der Kritik der DDR-Funktionäre. Sie mahnten eine bessere Organisation und politische Ausrichtung an. Doch dazu kam es nicht mehr. Der Rat des Kreises Pirna und der Königsteiner Bürgermeister drängten vehement zur Schließung des Werkhofes, um die Anlage für den Besucherverkehr freizugeben. Im Frühjahr 1955 wurden Jugendliche entlassen oder in andere Einrichtungen verlegt. Der Jugendwerkhof war Geschichte. Nur wenige Wochen später öffnete die Festung Königstein ihre Tore für die Öffentlichkeit - als Museum. Nach der friedlichen Revolution entwickelte sie sich zu einem Besuchermagnet.

Quelle: MDR/epd

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.04.2019 | ab 17:30 Uhr in den Nachrichten aus dem Regionalstudio Dresden

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Zuletzt aktualisiert: 04. April 2019, 18:31 Uhr

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