Reportage aus dem Freibad Heidenau Mit einem Sprung ins kühle Nass Corona einfach mal vergessen

Die Geheimformel lautet: Sprungturm UND Rutsche. Darin sind sich viele Besucher - vor allem Kinder - des Albert-Schwarz-Bades in Heidenau einig. Temperaturen um 35 Grad im Schatten haben am Sonnabend knapp 2.000 Menschen in das Freibad gelockt. Von Corona-Ängsten wollten sie sich die Laune nicht verderben lassen.

Freibad Heidenau
Marco Paeslack, Leiter des Albert-Schwarz-Bades in Heidenau möchte, dass seine Badegäste auch im Corona-Sommer Spaß haben. Sein Rezept: Gute Laune, ein strenges Hygienekonzept und höhere Dosen Chlor im Wasser. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Badleiter Marco Paeslack steht am Beckenrand, lässt den Blick schweifen und rückt die rote Mütze zurecht - die Augen sollen schließlich Schatten haben. Die Sonne sticht, das Wasser leuchtet, im Becken schwimmen, kreischen, springen, planschen und lachen gefühlt mehrere hundert Kinder, Teenies und Erwachsene. Woran merkt man, dass ein Freibad voll ist? Wenn sich die Wasserfläche zu kleinen blauen Flecken vereinzelt. Paeslack stellt klar: "Corona-Viren werden durch Chlorwasser abgetötet". Das habe das Bundesumweltamt festgestellt. Das Wasser unterliege einer ständigen Aufbereitung, Filtration und Desinfektion wirkten gegen Mikroorganismen.

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Der Sprungturm ist der Renner im Bad: Die kleine Greta (im Bild vorn) genießt den Sprung vom Brett und legt eine kerzengerade Kerze hin. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Mehr Chlor soll Wasser noch sicherer machen

Trotzdem wollte der Leiter des beliebten Familienbades auf Nummer sicher gehen und zog die Chlorwerte nach oben. "Mit 0,6 Milligramm pro Liter bewegen wir uns im oberen Bereich des Erlaubten", erklärt Paeslack. Er will, dass seine Gäste gut durch die Pandemie kommen und trotzdem baden können. Deswegen habe er mit seinem Team ein Hygienekonzept erarbeitet, das mit dem Gesundheitsamt abgestimmt ist. Begrenzung der Besucherzahl, strenge Hygieneregeln in Toiletten und Umkleidekabinen, aktive Ansprache, Aufsteller und Hinweisschilder - so fasst der Bademeister das Konzept zusammen. "Wir appellieren auch an die Vernunft der Badegäste und behalten die Infektionszahlen im Auge", erklärt Paeslack und blinzelt in die Sonne. "Schönes Sommerwetter heute."

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Sonnabend 15 Uhr in Heidenau: Der Platz im Wasser wird weniger. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Corona: "Wenn ich es kriege, dann ist es so"

Am anderen Ende des Bades sitzt die Seniorin Erika auf einer Bank und mustert das Geschehen im Becken. Sie selbst trägt Bluse und Hose und sieht auf die Uhr. "Wir sind nur wegen der Enkeltochter hier", erklärt sie. "Normalerweise baden wir in Naturseen." Eine gewisse Skepsis gegenüber einer öffentlichen Badeanstalt spricht ihr aus den Augen, das hat jedoch scheinbar nichts mit Corona zu tun. Erika gehört zur Risikogruppe, scheint jedoch des Corona-Themas überdrüssig. "Ich mache mir keine Gedanken wegen Corona", erklärt sie. "Wenn ich es kriege, dann kriege ich es, dann ist es so." Sie schüttelt unmerklich mit dem Kopf. Im Schwimmbecken winkt die Enkelin Beatrice und steuert auf den Beckenrand zu.

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Das Freibad Heidenau hat ein langes Hygienekonzept erarbeitet. Das Gesundheitsamt hat sich vor Ort überzeugt und die Freigabe erteilt. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Vertrauen in Vernunft der Badegäste

Enkelin Beatrice ist 14 Jahre alt, kommt aus dem Landkreis Bautzen und steigt jetzt aus dem Wasser. Ferienglücklich strahlt sie ihre Großmutter an, die Wassertropfen rinnen aus den Haaren über ihr Gesicht. "Hier bleiben keine Wünsche offen", sagt sie und strahlt über die Wasserfläche. Und Corona? "Wegen Corona mache ich mir keine Gedanken", sagt sie und wirkt ein wenig wachgerüttelt aus einer anderen Welt. "Ich gehe davon aus, dass die Leute wissen, dass sie mit Symptomen nicht in das Bad kommen dürfen."

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Das Albert-Schwarz-Bad in Heidenau bietet zum Ausweichen auch Parkplätze auf dem nebenliegenden Rewe-Parkplatz. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

"Manchmal haben wir Angst vor Corona"

Iseyas und Ahmed sitzen auf einer Bank und essen Kekse. "Natürlich, manchmal haben wir Angst vor Corona", erklärt Iseyas. "Manchmal aber auch nicht." Ahmed bietet einen Keks an und überlegt. "Wir sind das erste Mal hier", erklärt er. "Es gefällt uns hier, die Menschen sind alle so freundlich und fröhlich." Doch warum Heidenau? "Wir haben es im Internet gefunden", erklärt Iseays. "Wir mögen Wasser. Bei uns zu Hause waren wir auch immer baden." Zu Hause? "Ja, in Eritrea." "Dort gibt es ein großes Meer." Später springen sie Köpfer vom Dreimeter-Turm.

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Iseyas und Ahmed sind das erste Mal im Freibad Heidenau und wollen wiederkommen: Angst vor Corona? "Manchmal." Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Der Turm: Besuchermagnet und Rarität

Der Sprungturm - ein Dreier und zwei Ein-Meter-Bretter - ist großer Anziehungspunkt im Bad. Große und kleine Jungs und Mädchen, doch auch Erwachsene klettern versiert die Stufen nach oben und warten geduldig, bis ihr großer Moment kommt. Wenn sie dann durch die Luft fliegen, eintauchen, und das Wasser im hohen Bogen durch den Sommertag spritzt, sind alle Träume erfüllt.

Auch einige Erwachsene dürften sich spätestens jetzt, folgt man ihrem Gesichtsausdruck, mitten in ihrer Kindheit wiederfinden. Am Rand des Beckens sitzt Marleen. Sie kommt aus Dresden. "Wir sind mit der ganzen Familie hier", erklärt sie. Vor Ewigkeiten als Kind sei die das letzte Mal hier im Bad gewesen und habe es jetzt wiederentdeckt. Marleen mustert die Menschen, die von den Sprungbrettern in das Becken fliegen, darunter ihre Tochter, ihr Mann und ihr Schwager. "Unsere Tochter hat sich dieses Bad gewünscht", sagt Marleen. "Einen Sprungturm gibt es eben nicht überall." Und Corona? Marleen seufzt tief: "Wir versuchen Abstand zu halten." Ihre Tochter Neele rennt auf sie zu. "Wir haben die Kinder lange zurückgehalten. Doch acht Wochen ohne Spielplätze, das ist hart."

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Marleen und ihre Tochter: Sie kamen mit der ganzen Familie - auch wegen des Sprungturms. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Badegäste werden gezählt

Badleiter Marco Paeslack ist einer von mehreren Bademeistern im Schwimmbad. Zusammen beobachten die Fachkräfte das Geschehen im Wasser, achten darauf, dass die Kinder nicht auf sich draufspringen oder das Gedränge an der Rutsche zu groß wird. Dort steht auch ein Corona-Hinweis-Aufsteller, ebenso wie vor den Toiletten und an allen Duschen. "So dick war das Konzept", Paesleck und lässt zwischen Daumen und Zeigefinger einen Abstand von fünf Zentimetern. "Das Gesundheitsamt war persönlich hier und hat alles abgenommen." Aufwendig sei nur die Zählung beim Verlassen des Bades. Denn diese sei als Auflage hinzugekommen. Damit klar sei, wie viele Menschen sich tatsächlich im Bad bewegen. "Maximal 2.600 Gäste dürfen kommen", erklärt Paesleck. "Das haben wir noch nie erreicht. Heute sind es etwa 1.800."

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Die Dresdner Daniela und ihre Kinder Greta und Gianni genießen den Sommer in Deutschland bei den Großeltern. Schon bald fahren sie wieder nach Italien, dorthin sind sie letzten Sommer wegen der Heimat ihres italinienischen Vaters gezogen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Der Wunsch am Frühstückstisch

Valentina aus Dresden sitzt mit ihrem Mann an den Wasserspielen im Kleinkindbereich. "Die Kinder haben es sich heute am Frühstückstisch gewünscht", erzählt sie. "Weil es hier einen Sprungturm gibt und eine Rutsche", ruft ihr Sohn Timm und lässt dabei glatt das Schaufelrad aus den Augen. Natürlich ist er schon vom Dreier gesprungen. Er ist ja auch schon neun Jahre alt! "Oma und Opa sind auch mit", ruft Timm. Seine Mutter lächelt. Natürlich passen sie auf und halten Abstand. Doch der Sommer ist schön. "Wir müssen die Zeit nutzen."

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Sprungturm, Rutsche und tolle Wasserspiele: Timm (neun Jahre) und Bruder Colin haben sich am Frühstückstisch gewünscht, in das Bad nach Heidenau zu fahren. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Gute Noten in allen Bereichen

Die Zeit nutzen, das ist auch Rolf Noacks Meinung. In einer Woche werden seine Enkel wieder gen Italien reisen. Dort leben sie mit seiner Tochter quasi im ehemaligen Corona-Epizentrum in Turin in Norditalien. Also: baden! Durch Zufall das erste Mal in Heidenau. "Das Bad ist klasse, gute Noten in allen Bereichen", erklärt er. "Große Liegewiese, viel Schatten, gute Wasserqualität, vielfältige Versorgung und preislich absolut angemessen." Vorab habe er wegen der Corona-Situation angerufen und sei freundlich und ausgiebig beraten worden. "Dass es mal enger wird, kann man nicht immer verhindern, besonders bei den Kindern."

Spiegelglattes Wasser im Top-5-Bad Deutschlands

Gegen 20 Uhr, kurz vor der Schließzeit, lichtet sich das Wasser. Die Oberfläche ist plötzlich spiegelglatt, der Grund schimmert. Badleiter Paeslack reinigt die Dusche. Einmal sei das Bad zum Fünfbeliebtesten in Deutschland gekürt worden, erzählt er. Jährlich kämen etwa 48.000 Gäste. "Wir hoffen auf das rücksichtsvolle Verhalten von allen", erzählt er. "Es ist ja auch Sommer. Wir wollen ja auch nicht alle die ganze Zeit an Corona denken."

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 06.08.2020 | 10:00 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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