Blonde Frau in Jägermantel, mit Hut und jagdbüchse sitzt im Wald.
Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Reportage Studentinnen auf der Jagd

Eigentlich war Jagen immer Männersache. Dass die Zeiten sich ändern, beweist eine Studentinnenverbindung aus dem sächsischen Tharandt, die sich dem Jagen verschrieben hat. Eine Reportage aus dem Tharandter Wald.

von Alisa Sonntag

Blonde Frau in Jägermantel, mit Hut und jagdbüchse sitzt im Wald.
Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Es ist kalt in Tharandt, als Katharina und Elisa sich für die Jagd bereit machen. So kalt und ruhig, wie es fünf Uhr morgens nur sein kann. Die beiden Studentinnen der Forstwissenschaft haben ihre dicken Jacken noch nicht angezogen, sonst wird es später, wenn sie lange bewegungslos auf dem Hochsitz ausharren, zu kalt.

Die Studentinnenverbindung "Skadi zu Tharandt" - Skadi wie die nordische Göttin der Jagd – hat Katharina mit einer Freundin im Juni 2016 gegründet. "Es gibt immer mehr Frauen, die jagen gehen. Wir wollten einen Weg finden, die Jägerinnen in Tharandt irgendwie zusammenzuführen“, erzählt Katharina. Wer aktives Mitglied der „Skadis“  werden will, braucht einen Jagdschein. Den sogenannten Jugendjagdschein kann man schon ab 16 Jahren machen; für die meisten Forstwissenschafts-Studierenden gehört er ohnehin zum Studium. Ein Förster, meint Elisa, sollte einen Jagdschein besitzen - die Jagd gehöre eben zu seinen Aufgaben.

Fernstecher
Elisa empfindet sich eher traditionell geprägt. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag


Die 19-Jährige sieht das Amt als wichtige Aufgabe: "Da steckt eine Menge Bildung dahinter. Muss ja auch, denn als Förster trifft man Entscheidungen mit einer großen Tragweite. Man übernimmt Verantwortung für die nächsten Generationen."

Es ist inzwischen halb sechs, aber immer noch stockdunkel. Die Frauen legen ihre Gewehre, die sicher verwahrt in den Futteralen liegen, in den Kofferraum von Elisas altem Nissan.

Innereien und die letzte Ehre

In der Dunkelheit rumpelt der Nissan mit uns und den Gewehren über die schmalen Waldwege, die alle gleich aussehen. Links, rechts, vorne, hinten: Überall ein schwarzes Dickicht aus hohen Bäumen und Sträuchern. Die beiden Frauen erzählen von der Jagd: "Heute gehen wir auf Ansitzjagd, also auf den Hochsitz, und schauen, ob wir von da aus was sehen." Dazu müsse man Glück haben, ergänzt Katharina: "Oft geht man heim, ohne ein einziges Tier gesehen, geschweige denn geschossen zu haben.“ Selbst, wenn man Wild sehe, könne man es beispielsweise aufgrund von Schonzeiten nicht immer schießen. Außerdem muss der Jäger das Wild so treffen können, dass es nicht leidet. Aber der Jagderfolg sei ohnehin nicht das Wesentliche. Auch der Respekt vorm Wild gehöre dazu: "Wenn wir etwas geschossen haben, erweisen wir dem Wild die letzte Ehre, indem wir das entsprechende Totsignal auf dem Horn verblasen."

Blonde Frau in Jägermantel steht vor Hochsitz im Wald.
Der Ansitz ist nicht begehbar, eine Sprosse ist gebrochen. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Elisa betont, dass sie sich der Verantwortung des Jagens bewusst ist: Richter über Leben und Tod zu sein. Zum Jagen, erklärt sie später, gehört auch das Ausnehmen der Tiere, "aufbrechen" sagt man in Waidmannssprache dazu. Das geschieht nach einem erfolgreichen Schuss direkt vor Ort. "Für mich war das Aufbrechen nie so ein großes Problem“, meint Elisa, "das ist reine Gewohnheitssache.“

Gedankenverloren stapfen wir durch den nassen Wald. Als wir den Ansitz gefunden haben, ist eine Sprosse gebrochen. Die restlichen sind nass, also setzen wir uns auf einen Baumstumpf.

Traditionen statt Feminismus

Isst sie das Fleisch, das sie schießt, auch selbst? Elisa lacht. Sie ist auf dem Dorf aufgewachsen, in einer Familie, die das Jagen schon seit vielen Jahrzehnten betreibt. Fleisch zu essen, gehöre dazu. Jagen ist für sie kein Mord, sondern "Hegen und Pflegen“, wie es in der Waidmannssprache heißt. Hegen, das bedeutet, krankes Wild zu "erlösen" oder zu große Wildbestände zu dezimieren. Mit Pflege meint man beispielsweise die Fütterung des Wildes in Notzeiten. Jagdkritiker werfen den Jägern vor, damit den Wildbestand künstlich hoch zu halten.

Abwechselnd flüstern und schweigen wir und suchen mit den Augen den Wald ab, der uns tief in sich aufgenommen hat. Zwei Frauen, die auf Bäume starren. Manchmal, wenn wir ein Knacken hören, schrecken wir hoch. Aber es sind immer nur Eichhörnchen, die sich auf den falschen Ast vorgewagt haben. "Das“, wispert Elisa mir irgendwann zu, "genieße ich an der Jagd. Diese Ruhe im Wald, die Natur um uns herum.“

Sie ist froh, dass sie in Tharandt lebt, wo man sich kennt, und nicht im nahegelegenen Dresden. Auf dem Dorf sei es einfacher, sich zugehörig zu fühlen, als in der Stadt. "Mein Zuhause war evangelisch und recht traditionell geprägt“, sagt sie, die Werte habe sie sich beibehalten. Heiraten, eine Familie gründen, das sei ihr wichtig. Nur vorm Herd stehen - das möchte sie nicht. Und obwohl sie es den anderen Jägerinnen leichter machen will – auf die Frage, ob sie sich als Feministin sieht, schüttelt sie den Kopf. Sie findet nicht, dass sie für die Rechte der Frau kämpft. "Wir wollen ein Miteinander statt ein Gegeneinander von Mann und Frau.“ Mittlerweile, meint sie, seien beide Geschlechter doch gleichberechtigt.

Nach zwei Stunden voller Ruhe, aber ohne Wild, quälen wir uns langsam wieder von unserem Baumstamm hoch. Sorgfältig packen die Studentinnen ihre Gewehre ein. Bald darauf rumpeln wir erneut mit Elisas Nissan durch den Wald, auf dem Weg vom Jägerinnenalltag zurück ins Studentenwohnheim. Später haben Elisa und Katharina noch Vorlesungen - ganz normales Studentenleben also. Ausnahmsweise.

Quelle: MDR, as

Dieses Thema im Programm bei MDR AKTUELL RADIO Dieses Thema im Programm:
MDR AKTUELL RADIO | 29. Juni 2018 | 07:10 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 08. Juli 2018, 15:10 Uhr

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