Hochwasser in Bad Schandau
Bildrechte: Sven Böttger

Hochwasserschutztag in Bad Schandau Damit die nächste Flut nicht wieder zum Drama wird

Jahrhundertfluten 2002 und 2013: Das Wasser kam und zerstörte Existenzen. Wie bei der nächsten Flut das Risiko von Schäden verringert werden kann, erklärten Experten am Sonnabend beim 1. Hochwasserschutztag in Bad Schandau. Helfen soll auch ein Flutschutzpass.

von Katrin Tominski

Hochwasser in Bad Schandau
Bildrechte: Sven Böttger

Zitronen-Sahne-Torte leuchtet gelb aus der Auslage, daneben verführt die Pfirsich-Maracuja-Variante. Eine Dame serviert Cappuccino. Zufriedenes Lächeln, entspannte Stille, Ferienstimmung in der Konditorei "Stammler". Keine Spur von dem Drama, das sich 2002 und 2013 durch Bad Schandau wälzte. Kein Spur von braunen Schlammassen, die den Markt eroberten, die Keller, die Erdgeschosse. Die den Alltag zum Notfall machten und in kürzester Zeit Lebensräume zerstörten.

Die Hochwasser 2002 und 2013 überflutete mit Elbpegeln von knapp elf und zwölf Metern große Teile von Bad Schandau. Jetzt liegt der Kurort in der Frühsommersonne, der Marktplatz ist saniert, das Brunnenwasser plätschert. An der Kirche ranken rote Kletterrosen, am Pfarrhaus Efeu.

Pfarrhaus Bad Schandau: 15 Hochwasser seit 1784

Regine Ortlepp, die Leiterin des Forschungsbereichs Umweltrisiken in der Stadt- und Regionalentwicklung am Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) muss sich fast auf Zehenspitzen stellen, um die Flutmarke von 2013 zu zeigen. "Wir arbeiten intensiv mit dem Landeshochwasserzentrum zusammen", erklärte sie. "Wir suchen Antworten, wie Flutschäden mit Vorsorge minimiert werden können. Bei einer Führung durch den Ort und einer Live-Demonstration einer Gebäude-Endoskopie informierten Experten über das Pfarrhaus, den Hochwasserschutzpass und den Umgang der Anwohner mit dem Risiko der Flut. "Das Bad Schandauer Pfarrhaus ist seit 1784 von Von 15 Hochwassern ist heimgesucht worden", erklärte der führende Flut-Experte. "Beim Pfarrhaus könnte man schon von Hochwassererfahrung sprechen."

Sächsisch-tschechisches Risikomanagement

Ein Baustein der Vorsorgemaßnahmen ist das sächsisch-tschechische Risikomanagement, kurz Strima. "Wir in Deutschland haben bereits ein sehr ausgeklügeltes System zur Bewertung von Risiken bei Gebäuden. Die Tschechen können dies auf ihre Bausubstanz anwenden", erklärte Ortlepp. Interesse bestünde bei den Tschechen auch für Lösungen, wie sich Schäden auf Feldern vermeiden lassen. "Hochwasser kann auch für die Landwirtschaft ein großes Problem sein", sagte die Forscherin. "Komplette Ernten laufen Gefahr, vernichtet zu werden."

Ziel des Strima-Projektes ist laut Ortlepp ein zweisprachiges Informationssystem für Behörden und Entscheider in den Kommunen. "Mit den richtigen Maßnahmen bei Bauvorhaben und entsprechenden Vernetzungen kann das Risiko durch Flutschäden mittel- und langfristig verringert werden", erklärte die Forscherin. Die Hochwasser-Informations-App "Meine Pegel" informiere zudem aktuell über die Wasserstände und werde vom Landeshochwasserzentrum als Frühwarnsystem angeboten.

Private Vorsorge ergänzt staatlichen Hochwasserschutz

Seit der Flut 2002 und 2013 sind Milliarden in den Hochwasserschutz und Warnsysteme geflossen. Allein auf staatliche Vorsorge und Unterstützung zu hoffen, reicht jedoch vielen nicht. Apothekerin Anne Walther aus Bad Schandau hat ihr eigenes Hochwasserschutzkonzept umgesetzt.  Erst 2002, dann 2006 und zuletzt 2013 stand ihre Apotheke unter Wasser. Danach hat sie ihr komplettes Haus umgebaut. Im Keller wird nichts mehr gelagert, Wände wurden entfernt, die Energie- und Datenversorgung wanderte in die erste Etage. Alle Schränke sind mit Rollen mobil. Von außen können die Fenster der Apotheke mit mobilen Schotten gesichert werden und der Fußboden im Erdgeschoss hat eine Unterkonstruktion aus geschäumtem Glas und ist damit wasserfest.

Spundwände schützen Hotel Elbresidenz

Schutzwand Hotel Bad Schandau
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Für mobile Barrieren - sogenannte Spundwände - hat sich auch das Fünf-Sterne-Hotel-Elbresidenz entschieden. Die Flutschutzwände können in kürzester Zeit aufgebaut werden und halten Wasser bis zu einer Höhe von 1,80 Meter zurück. Das schützt zumindest vor den kleineren Fluten.

Schutzwand Hotel Bad Schandau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwölf Millionen Euro hat der Wiederaufbau des Sternehotels gekostet. Um die Schäden bei höheren Pegelständen zu begrenzen, wurde nach 2013 die gesamte technische Versorgung in die erste Etage verlegt. "Wir haben vier Zimmer geopfert", erklärt der technische Direktor Axel Hausmann. Zudem werde die Tiefgarage bei Hochwasser geflutet, Schutztüren im Keller würden das Haus wie eine Black Box verschließen. "Die Kältezentrale ist jetzt ebenfalls im ersten Obergeschoss - direkt auf die Küche gebaut", sagt Hausmann.  Die Küche wiederum lasse sich innerhalb eines Tages komplett ausräumen.

Per Endoskopie Gebäude untersuchen

Zurück im Pfarrhaus - nur wenige Meter vom Fünf-Sterne-Hotel entfernt - erläutern Experten des Landeshochwasserzentrums und des IÖR sowie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden den neuen Hochwasserschutzpass. Per Endoskopie fahren die Experten mit einer Sonde und einer Mikrokamera durch das Mauerwerk und den Fußboden. Sandstein, Lehm, Ziegel - jedes Gestein hat andere Eigenschaften, saugt sich verschieden mit Wasser voll und trocknet langsam oder schnell.

Nach einer Analyse des Gebäudes und seiner Bausubstanz sowie der möglichen Eindringwege des Wassers wird die Schadensanfälligkeit oder besser Resistenz attestiert. Zehn Punkte sind im Hochwasserpass das Optimum. Das Pfarrhaus erreicht 6,5. "Eine gute Bewertung", hieß es. Viele andere Häuser würden nicht ansatzweise auf diesen Wert kommen. Mit Barriere-Systemen wie Spundwänden könne die Bewertung des Pfarrhauses sogar auf neun Punkte hochgeschraubt werden. In den nächsten Monaten laufe der Pass durch eine Probephase. "Erst danach könnten Kosten genannt werden", sagte der Experte, der durch die Führung leitete. Es lohne sich jedoch nachzufragen, ob "man eventuell bei der Testphase" dabei sein könne.

Gebäude angeben: Lohnt sich das?

Dass die Sachsen in Sachen Hochwasserschutz durchaus auch unkonventionelle und innovative Wege gehen, zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt im Coswiger Stadtteil Brockwitz. Weil der Bau eines Deichs für die nur 25 Häuser zu teuer ist, untersuchen die Wissenschaftler derzeit, ob sich die entsprechenden Häuser nicht einfach anheben lassen. Das Projekt wird vom IÖR und dem Bundesumweltministerium unterstützt.

Forschung zu Starkregen

Doch nicht nur die Elbe und andere Flüsse bergen die Gefahr von Hochwasser. Auch Starkregen hat in der Vergangenheit immer wieder zu Überschwemmungen geführt. "Die Überflutungen ohne Flüsse sind europaweit ein Problem", erklärt Ortlepp. "Tendenz steigend." Das Forschungsprojekt "Rainman" untersucht deswegen, wie sich Entscheidungsträger in Behörden und Kommunen besser auf Starkregen vorbereiten könne. "Was, wenn die Straße wegbricht und Feuerwehr und Rettungskräfte kommen nicht mehr durch?", sensibilisiert die Forscherin für die Brisanz. Erfahrungen sowie Daten aus Höhenmodellen und Modellen zur Ausbreitung des Wassers sollen systematisiert und in einem mehrsprachigen Informationssystem gesammelt werden. Mit im Boot sind auch Tschechien, Polen, Ungarn und Kroatien.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen: MDR Fernsehen "MDR vor Ort" | 09.06.2018 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juni 2018, 22:34 Uhr

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