Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain
Seit Ende 2015 ist Raoul Schmidt-Lamontain Baubürgermeister in Dresden. Er fährt täglich mit dem Rad durch die Stadt. Bildrechte: Stadt Dresden/Sven Brauers

16.10.2019 | 16:40 Uhr Dresdens Baubürgermeister zum Fahrradverkehr: "Es brennt an vielen Stellen"

Dresdens grüner Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain hat sich mit dem 2017 beschlossenen Radverkehrskonzept und seinen 450 Maßnahmen viel vorgenommen. Insgesamt sollen die Dresdner Radwege auf eine Streckenlänge von 829 Kilometer ausgebaut und die Verkehrssicherheit an vielen weiteren Stellen verbessert werden. Das ist auch notwendig in einer Stadt, die als besonders fahrradunfreundlich gilt und die auch bei den Unfallzahlen sehr schlecht dasteht. Scheitert das Mammut-Projekt, wie der Fahrradclub ADFC schon länger unkt? Auf Dresdens Straßen sieht man in der Tat bisher nur wenige Verbesserungen für Radfahrer. Wie ist der Stand - MDR SACHSEN hat bei dem Stadtpolitiker nachgefragt.

Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain
Seit Ende 2015 ist Raoul Schmidt-Lamontain Baubürgermeister in Dresden. Er fährt täglich mit dem Rad durch die Stadt. Bildrechte: Stadt Dresden/Sven Brauers

Das Radverkehrskonzept für Dresden sollte bis 2025 umgesetzt werden. Schaffen Sie das noch?

Ob es bis 2025 wird, weiß ich nicht. Wir kommen deutlich langsamer voran als wir gehofft haben. Das ist schon so, wie es der ADFC sagt. Es gibt neben kleinteiligen Maßnahmen ziemlich dicke Brocken, wie zum Beispiel die Planungen für die Königsbrücker Straße. Einige der noch offenen Maßnahmen sind planerisch vorbereitet, einige noch nicht. Vor etwa anderthalb Jahren sind wir erstmal arbeitsfähig geworden – da haben wir die sieben Stellen in unseren Ämtern besetzt bekommen, die im Radverkehrskonzept beschlossen worden sind. Jetzt stellen wir fest: Eigentlich bräuchten wir noch mehr Planer, um in dem Tempo voranzukommen, das wir gerne erreichen würden. Vielleicht sind wir in Sachen Personalbedarf zu zaghaft rangegangen. Viele Maßnahmen sind ganz kleinteilig und enorm aufwändig in der Abstimmung. Stichwort Denkmalschutz, Umwelt, Grünflächen und Beteiligung von Bürgern – sehr viele unterschiedliche Thematiken sind betroffen. Es ist nicht so einfach, wie man das am Anfang denkt. Das Büro, das das Konzept erarbeitet hat, hat die Maßnahmen nur abstrakt beschrieben. Sie haben sich als deutlich komplexer in der praktischen Umsetzung entpuppt.

Aber ein Umsetzungsstand von unter zehn Prozent klingt schon sehr bescheiden...

Die vom ADFC oft zitierte Zahl von den 7,7 Prozent, die erst von den geplanten 450 Maßnahmen umgesetzt seien, sagt nur bedingt etwas aus. Denn jede Maßnahme hat einen anderen Umfang. Eine ist hochkomplex, eine andere ohne allzu große Planung umzusetzen.

Welche großen Projekte stehen als nächstes an?

An der Modernisierung der Königsbrücker Straße ist uns besonders gelegen, weil sie eine der wenigen Nord-Süd-Verbindungen der Stadt darstellt, die man ausbauen kann. Fertig geplant ist ja schon der südliche Teil der Straße vom Albertplatz bis zur Stauffenbergallee. Dafür läuft gerade das Genehmigungsverfahren. Aber nördlich von der Stauffenbergallee bis zur Eisenbahnbrücke gibt es keine vernünftige Radverkehrsanlage. Da versuchen wir gerade eine Lösung hinzubekommen, mit der wir eine Radspur in die bestehende breite Straße integrieren können. Das soll zügig passieren, ob es aber bis zum nächsten Jahr wird, kann ich nicht sagen. Ein weiteres Projekt ist der holprige Körnerweg. Es ist ein Abschnitt des Elberadwegs. Hier werden wir während der Sanierung des Blauen Wunders erstmal temporär asphaltieren, um dann einen denkmalgerechten neuen Sandsteinbelag einzubringen. Die Stelle ist ein Nadelöhr im Radverkehr. Gebaut werden soll im nächsten Jahr. Und an der Petersburger Straße haben wir ja bereits die Parkplätze von der Straße genommen – hier wollen wir noch den Zustand des Radwegs verbessern.

Man kann einfach nicht drumherum reden: Es gibt viele Stellen in der Stadt, die für Radfahrer absolut problematisch sind. Das Problem ist: Wir versuchen hier nach Prioritäten die Sachen abzuarbeiten, und dann kommen Aufgaben dazwischen. Mir fällt dann auf, hier muss man dringend was tun, dem Oberbürgermeister fällt etwas anderes auf, den Stadtbezirksräten auch – je nachdem wo man wohnt und welche Strecken gefahren werden, hat jeder seine speziellen Wünsche. Und dann gibt’s noch den ADFC, der sagt: Hier ist es besonders schlimm. Wir werden es nicht schaffen, alle 450 Maßnahmen gleichzeitig zu bearbeiten.

Klar, die Hälfte der Kritikpunkte müsste eigentlich jetzt schon behoben sein, denn Radfahren muss sicherer und komfortabler werden in Dresden. Aber das geht schlichtweg nicht.

Wo wird es komplett neue Radwege geben, die separat von der Straße gebaut werden?

Alleinstehende Radwege sind im Stadtgebiet kaum geplant. Der Freistaat prüft aber gerade die Schaffung von Radschnellwegen – wir werden dann schauen, wie wir diese sinnvoll in die Innenstadt hinein führen können. Dazu kann ich aber im Moment noch nicht mehr sagen, die Sache wird gerade geprüft.

Neben der Margon-Arena planen wir einen neuen Radweg zu bauen, der wird allerdings mit Fußgängern gemeinsam genutzt werden. Wir haben so viele Stellen, wo Hunderte Menschen jeden Tag langradeln, wo wir keine zufriedenstellenden Angebote machen können. Das brennt uns erstmal mehr unter den Nägeln als separate Radwege. Ich habe noch mal die Unfallstatistik herausgezogen. Wir haben stark steigende Unfallzahlen in den letzten Jahren.

Wir haben ganz viele Straßen, wo wir überhaupt gar kein Angebot für Radfahrer haben. Albertstraße, Könneritzstraße und so weiter.

Wo brennt es am meisten?

An vielen, vielen Stellen. Man kann es nicht auf bekannte Beispiele wie Könneritzstraße, Albertstraße, Kesselsdorfer oder Königsbrücker Straße beschränken. Wir haben so viele Punkte auch an Hauptradrouten, wo sichere Radverkehrsanlagen fehlen. Dort machen wir Radfahrern kein Angebot. Ich höre auch oft von zugezogenen Leuten, die ein Leben lang Fahrrad gefahren sind und die es sich hier aber schlichtweg nicht mehr trauen. Das ist schon ein echtes Problem. Da müssen wir ran.

Aber nicht nur die Infrastruktur ist eine "Baustelle", auch das Klima der Verkehrsteilnehmer untereinander macht mir Sorgen. Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger sind sich in Dresden nicht besonders grün. Da sind wir ganz weit hinten in den Umfragen. Mehr gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis wären schön. Daran müssen wir arbeiten, vielleicht mit einer Verkehrsklimakampagne.

Sie sind ja selber Radfahrer. Welche Streckenabschnitte sind Ihnen persönlich besonders ein Dorn im Auge?

Ich fahre viel von der Neustadt aus in Richtung Innenstadt oder Kesselsdorfer Straße, Oskarstraße. Für mich die problematischste Strecke: zwischen Marienbrücke und Könneritzstraße. Es ist mein Arbeitsweg und als solcher wirklich schwierig. Es ist zu eng, man muss hochkonzentriert sein, weil die Radführung ständig wechselt zwischen Straße und Gehweg. Dabei muss man seine Geschwindigkeit und sein Fahrverhalten stets anpassen.

Quelle: MDR/st

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 14.10.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 16:34 Uhr

2 Kommentare

Dynamo vor 5 Wochen

Als erstes bitte ich die Fahrradwegverantwortlichen, einschließlich Dresdens Baubürgermeister, Herr Schmidt-Lamontaine, in Zukunft nicht mehr von "neuen Fahrradwegen" zu sprechen, sondern von "Fahrradstreifen. Wenn, wie auf der Kesselsdorfer Straße / Vahlteichteich Straße, lediglich die alte Fahrbahnmarkierung entfernt wird, dafür ein Fahrradstreifen zwischen zwei Autospuren (eine davon auch noch als Rechtsabbieger) markiert wird mit einem Fahrradsymbol, mittlerweile mit der Rotfärbung etwas deutlicher gemacht wird, frage ich mich ernsthaft, und das ist die Arbeit der sieben neu eingestellten Radwegverantwortlichen der Stadt Dresden seit 1 1/2 Jahren ? Im Übrigen endet dieser Fahrradstreifen auf der Kesselsdorfer Straße stadtauswärts in Höhe Wölfnitzer Ring im "Nichts". Weiterführend gibt es auf dieser Straße, die außerdem Autobahnzubringer für die A4 und A17 ist, keinen Fußweg auf der rechten Seite) und keinen Radweg (beidseitig). Das Alles und mehr will Dresden bis 2025 schaffen ?

zenkimaus vor 5 Wochen

Sorry ich muss widersprechen. Als Radfahrer und Autofahrer sehe ich keine Fortschritte. Diese Randstreifen am Rand kann man doch nicht als Radweg bezeichnen! An der Rennbahn) ich bemerke das immer mehr Menschen mit dem Rad unterwegs sind doch die Infrastruktur für die Radler sind schlecht. Der Elberadweg zu eng und schmal. Keine anderen Wege von Heidenau ins Zentrum. Wenn dann an viel befahrenen strassen .

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