Interview Wirkung sozialer Netzwerke weder über- noch unterschätzen

Digitale Medien verändern nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch die Wahrnehmung von Politik. Oft werden nur noch Nachrichten gelesen, welche die eigene Meinung verstärken. Sven Engesser, Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden, sieht Anzeichen dafür, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Populismus und Verrohung verstärken diesen Effekt, sagt er im Gespräch mit Katrin Tominski. Und erklärt, warum es so wichtig ist, über den Tellerrand zu schauen.

Beschimpfungen, Beleidigungen und auch Hetze scheinen im Netz an der Tagesordnung. Zerstört digitale Kommunikation unsere Umgangsformen?
Bis zur Zerstörung ist es noch ein weiter Weg. Doch es gibt bestimmte Risiken, die man nicht unterschätzen sollte. Es gibt viele Studien, die attestieren, dass Online-Inhalte die Gesellschaft auseinanderdriften lassen und polarisieren.

Die Filterblasen, in denen Menschen die Bestätigung ihrer eigenen Meinung suchen, sagt man vor allem sozialen Netzwerken nach. Erleben wir dort eine Polarisierung durch Online-Inhalte?
Es gilt nicht nur für die sozialen Netzwerke. Einen respektlosen Umgangston findet man zwar vor allem in den sozialen Netzwerken. Doch es gibt auch Beiträge außerhalb dieser Netzwerke, die dazu beitragen können, Minderheiten auszugrenzen oder Eliten anzuprangern.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Es gibt Politiker, die Vorbehalte und Respektlosigkeiten gezielt einsetzen – gegen "die da oben", gegen Flüchtlinge, Homosexuelle oder auch andersartiges Denken. Ein gutes Beispiel ist hier Donald Trump.

Sven Engesser
Sven Engesser ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden. Er forscht zur Verbindung zwischen Populismus und Medien. Bildrechte: Frank Brüderli

Hier sind Journalisten im Zwiespalt. Einerseits nach dem Pressekodex zu handeln und weltanschauliche, religiöse und sittliche Überzeugung nicht zu schmähen. Andererseits können Äußerungen von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten nicht einfach ignoriert werden…
Wir als Wissenschaftler sprechen hier von konfligierenden Interessen. Einerseits hat Donald Trump Nachrichtenwert und als US-Präsident politisches Gewicht. Andererseits haben Journalisten eine Sorgfaltspflicht und sind ethischen Kriterien verbunden. Letztlich ist es immer einer Einzelfallentscheidung. Journalisten müssen sich genau überlegen, welchen Tweet sie bei Twitter absetzen.

Ist Twitter ein Meinungsverstärker?
Ja, Twitter ist ein Meinungsverstärker, vor allem in Kombination mit Massenmedien. Wenn man sich die Nutzerzahlen von Twitter ansieht, sieht man, dass es sich nur um einen kleinen Teil der Gesellschaft handelt. Erst wenn Medien Twitter-Inhalte aufgreifen, werden sie in einen größeren Raum überführt.

Was können wir alle tun?
Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Hysterie verfallen. Man darf die Wirkung von sozialen Netzwerken nicht unterschätzen, man darf sie auch nicht überschätzen. Das ist ein Lernprozess. Viele Phänomene sind neu und müssen erst einmal erlernt werden. Um bei Donald Trump zu bleiben - Journalisten sind es einfach nicht gewohnt, mit solchen Politikern umzugehen.

Was raten Sie Journalisten?
Sie müssen sich bewusster machen, wie Online-Inhalte wirken.

Grafikcollage zur Illustration von Sozialen Netzwerken und Gehirn
Bildrechte: MEDIEN360G

Welchen Einfluss haben Medien auf Populismus?
Medien können Populismus verstärken oder ihn abschwächen. Sie können sich aber auch selbst als Populisten betätigen, indem sie populistische Meinungen vertreten. Menschen verhalten sich online häufig enthemmter. Das verstärkt Effekte. Selbst in klassischen Leserbriefen würde niemand so hasserfüllt schreiben wie gelegentlich im Netz. Diese Enthemmungseffekte müssen wir berücksichtigen.

Ist ein Shitstorm eine solche Enthemmung?
Ein Shitstorm ist ein Gruppeneffekt, ein Masseneffekt, wie wir ihn im Fußballstadion erleben.

Was empfehlen Sie Lesern, Nutzern, Hörern und Zuschauern für einen ausgewogenen und aufgeklärten Medienkonsum?
Wichtig ist es, über den Tellerrand zu schauen, sich auch außerhalb seiner medialen Komfortzone zu bewegen. Würden wir das alle tun, hätten wir viele Probleme nicht.

Auf einem Smartphone sind die Logos  von Facebook, Twitter und YouTube zu sehen.
Bildrechte: dpa

Die AfD hat bei der letzten Wahl große Zuwächse verzeichnet. Sie sprechen selbst von einer Polarisierung der Gesellschaft. Wie wirkt sich digitale Kommunikation auf politische Meinungsbildungsprozesse aus?
Ich befürchte, dass die Kommunikation im Netz das Polarisierungsphänomen weiter verstärkt. Wir müssen aufpassen, dass bestimmte Gruppen in der Bevölkerung weiter miteinander reden und in Kontakt bleiben. Das ist das größte Problem. Populismus und die Verrohung der Sprache befördern Polarisierung – das ist am bedrohlichsten.

Bei Untersuchungen wurden Menschen gefragt, wie sie es finden würden, wenn ihre Kinder einen Anhänger der Partei heiraten würden, die ihnen selbst am weitesten entfernt ist. Mittlerweile antwortet in Dresden rund die Hälfte der Befragten: "Das würde mich beunruhigen". Bei Anhängern der AfD sind es sogar zwei Drittel. Das zeigt die Distanz zwischen den politischen Lagern. Auch in den USA ist der Wert von fünf Prozent in den 1960er- Jahren auf 50 Prozent gestiegen - die Hälfte der Befragten in den USA hätte also ein großes Problem, wenn das eigene Kind einen Anhänger der politischen Gegenseite heiraten würde. Diese Zahlen sind ein eindeutiger Indikator für politische Polarisierung.

Wie können Sie bei dieser Forschung optimistisch bleiben? Man muss immer optimistisch bleiben. Hier zitiere ich gern den Dichter Friedrich Hölderlin "Wo aber Gefahr wächst, wächst das Rettende auch!"

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.06.2018 | 20:00 - 23:00 Uhr bei Dienstags direkt

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2018, 10:15 Uhr

Mehr aus der Region Dresden