Interview Martin Dulig: "Ich will, dass wir in Sachsen respektvoll miteinander umgehen"

Sachsens SPD-Chef hat vor einem Monat eine Waffe per Post geschickt bekommen. Das Landeskriminalamt Sachsen ermittelt zu den Hintergründen. Arnd Groß hat für MDR SACHSEN mit Martin Dulig gesprochen. Der erklärt, weshalb sich seine Familie dazu entschieden hat, jetzt öffentlich über diese Bedrohung zu sprechen und warum Schluss sein muss mit Häme.

Martin Dulig, Landesvorsitzender der sächsischen SPD
Bildrechte: dpa

Frage: Herr Dulig, was hat es mit dem Gewehr auf sich, das Sie zugeschickt bekommen haben?

Martin Dulig: Vor vier Wochen haben wir ein Paket auf dem Postweg an unsere Privatadresse geschickt bekommen. Das war ein normales Paket von einem Versandhandel, das auf unsere Adresse bestellt wurde. Dort ist eine sogenannte Soft-Air-Waffe, also eine täuschend echte, nachgebaute MP drin gewesen. Die war nicht funktionsfähig. Aber die hatte ja nun einen Zweck, wenn man uns das schickt. Die Polizeiermittlungen wurden sofort aufgenommen. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil die Ermittlungen laufen.

Wer hat die Waffe gefunden?

Ich selbst saß gerade im Bundesrat. Meine Frau hat mich angerufen. Man erschrickt natürlich erst einmal, wenn man so ein Paket bekommt. Das ist ja auch beabsichtigt. Man will nicht nur mich treffen als bekannten Politiker, sondern es geht an die Familie. Das ist genau der wundeste Punkt. Und wir sind Menschen. Wir haben Familien und man trifft uns.
Es darf nicht zugelassen werden, dass man wirklich glaubt, wir seien keine Menschen und man könnte das mit uns tun. Solche Bedrohungen betreffen ja nicht nur einen selbst, sondern genauso die Familienangehörigen, die Kinder, die dabei sind und ja mitbekommen, was passiert.

Auf den ersten Blick sah das ziemlich echt aus. Ist das eine Vorstufe? Ist das ein Gag?

Susann Dulig Ehefrau des SPD-Politikers

Was meinen Sie genau?

Eine große Pappschachtel zeigt ein täuschend echt aussehendes schwarzes Sturmgewehr. Es wurde Mitte mai an Sachsens wirtschaftsminister an die Privatadresse geschickt.
Diese Sturmgewehr-Imitat ist an martin duligs Privatadresse geschickt worden. Bildrechte: privat

Wir waren in den letzten Jahren ja schon häufiger mal solchen Dingen ausgesetzt, die auch an die Familie gingen. Aber das ist jetzt eine ganz andere, neue Qualität. Wir haben uns entschieden, das als Familie zu bestätigen. Wir waren immer sehr vorsichtig, Dinge öffentlich zu machen, wir den Tätern nicht noch die Genugtuung geben wollten, dass sie uns getroffen haben. Aber es ist an der Zeit, dass alle diejenigen aufstehen und sagen: Das geht nicht! Das sind vor allen auch die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die tagtäglich solchen Dingen ausgesetzt sind. Sie sind weniger geschützt als wir als Minister. Wir dürfen nicht zulassen, dass das alltäglich wird. Wir sind kein Freiwild!

Das ist offensichtlich seit ein paar Jahren eine neue politische Kultur. Was muss jetzt geschehen?

Ich erwarte, dass der Rechtsstaat uns besser schützt: Jeden, der in der Kommunalpolitik tätig ist, genauso wie in der Landespolitik und überall. Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein. Wenn zum Beispiel Anzeigen erstattet werden, muss denen mit Nachdruck nachgegangen werden. Alle meine Anzeigen wurden eingestellt. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir als Zivilgesellschaft zusammenstehen. Wir müssen zusammenrücken. Es geht um Grundsätzliches. Wer will in Zukunft denn noch Verantwortung übernehmen, wenn Verantwortung bestraft wird, wenn man bedroht wird? Das ist etwas, wo wir als Gesellschaft aufeinander aufpassen müssen.

Wer ist aus Ihrer Sicht verantwortlich für dieses Klima?

In den letzten Jahren ist einiges ins Rutschen gekommen. Es ist an uns allen, auf unsere Sprache zu achten, auf den Umgang miteinander und dass wir nicht zulassen, dass immer mehr Dinge toleriert werden, die früher nicht tolerierbar waren. Das ist eine Aufgabe für alle. Es gibt einen Trend, gerne mit Häme auf Politik, auf Politikerinnen und Politiker zu sehen. Das zerstört Demokratie. Ich bin ja kein Einzelfall. Es geht auch gar nicht um mich.
Es gibt so viele Dinge, die nicht öffentlich werden gerade in Kommunen und in den kleinen Orten. Die Politiker dort brauchen keine oberflächliche Debatte. Sie brauchen die klare, engagierte Solidarität von Menschen vor Ort, dass sie sehen, in meinen Dörfern, in meinen Gemeinden gehen die Bürgerinnen und Bürger respektvoll miteinander um - bei aller Kritik, die es immer gibt. Ich will, dass wir in Sachsen respektvoll miteinander umgehen und aufeinander achten. Jeder sollte sich an seine Nase greifen und überlegen, wie viel Verantwortung er selber trägt bei der Frage, welches Klima wir in unserem Land haben.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 29.06.2019 | 19:00 Uhr

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