Psychotherapeutin Claudia Metge
Bildrechte: Claudia Metge

Interview Albträume als Hinweis auf sexuellen Missbrauch

Wenn sexueller Missbrauch von Kindern ans Tageslicht kommt, fragen sich viele, ob man nicht hätte etwas merken können. Doch das ist nicht immer leicht. Über mögliche Warnsignale und die Folgen für das weitere Leben von Opfern sexueller Gewalt haben wir mit der Psychotherapeutin Cornelia Metge gesprochen.

Psychotherapeutin Claudia Metge
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Frau Metge, der sexuelle Missbrauch an dem Mädchen aus Dresden blieb über Jahre unentdeckt. Erst als sich die 14-Jährige ihren Mitschülerinnen offenbarte, kam es heraus. Hätte ihr Umfeld nicht zeitiger etwas bemerken können?
Zu dem konkreten Fall kann ich nichts sagen, aber grundsätzlich gibt es verschiedene Gründe, warum ein Missbrauch über Jahre unentdeckt bleibt. So kann es sein, dass der Täter seine Tat als etwas Normales hinstellt oder dass er Einschüchterungsversuche unternimmt und dem Opfer sagt, dass man ihm nicht glauben würde. Oft gibt es auch Drohungen, dass der Familie des Kindes etwas Schlimmes passieren wird, wenn es sich offenbart. Handelt es sich dann noch um eine Bezugsperson aus dem näheren Umfeld, wird es für das Opfer noch schwieriger, Hilfe zu suchen.

Gibt es bestimmte Anzeichen, die Eltern alarmieren sollten?
Das eine prägnante Anzeichen gibt es nicht. Wenn sich ein Kind allerdings immer mehr zurückzieht, körperliche Nähe abwehrt, häufiger aggressiv ist oder plötzlich Drogen nimmt, können das Hinweise sein. Verbreitet sind auch schlafbezogene Ängste wie die Angst vorm Einschlafen oder Albträume.

Was können Eltern tun, um ein offenes Klima zu schaffen, damit sich Kinder sofort an sie wenden, wenn Ihnen Leid zugefügt wurde?
Wichtig ist, dass es gemeinsame Termine gibt. So sollten sich Eltern immer Zeit nehmen, um mit ihren Kinder zusammen zu essen oder etwas zu unternehmen. Manchmal reicht schon eine Autofahrt, um sich mal zu unterhalten. Die Kinder sollten dabei das Gefühl haben, dass sie offen über ihre Sorgen und Nöte sprechen können, ohne dass die Eltern schimpfen. Problematisch sind die Fälle, wo die Eltern selbst viele Probleme haben und die Kinder sich deshalb nicht an sie wenden, weil sie sie nicht belasten wollen. 

Welche psychischen Folgen hat der sexuelle Missbrauch für Kinder und ihren weiteren Lebensweg?
Das Kind erleidet einen Vertrauensverlust in seine Mitmenschen, aber auch in die eigene Urteilsfähigkeit. Es braucht Zeit, um dieses Vertrauen wieder herzustellen und einen Optimismus zu entwickeln, dass nicht alle Menschen schlecht sind.

Wie können missbrauchte Kinder die ihhnen zugefügten traumatischen Erlebnisse verarbeiten? Gibt es dafür bestimmte Strategien?
Neben einem persönlichen Umfeld, das dem Kind Halt gibt, sind außerdem feste Abläufe und Strukturen entscheidend. Der Alltag hilft dem Kind dabei, damit der Missbrauch nicht allgegenwärtig ist.

Auf welche Weise kann sein Umfeld ihm dabei helfen?
Das soziale Umfeld spielt eine enorme Rolle, weil es Verlässlichkeit, Schutz und Geborgenheit bietet. Allerdings sollte es sensibel vorgehen. Nicht empfehlenswert wären Vorwürfe wie "Warum hast Du Dich nicht gewehrt?". Auch Totschweigen und hoffen, dass sich alles von selbst erledigt, ist kontraproduktiv. Das Umfeld sollte immer gesprächsbereit sein. Trotzdem reicht das nicht aus. In der Regel ist zusätzlich eine psychotherapeutische Behandlung notwendig. Sie erhöht die Chance, dass das Missbrauchsopfer ins normale Leben zurückfindet und später wieder Beziehungen eingehen kann.  

Cornelia Metge arbeitet seit elf Jahren als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. In Zschopau hat sie ihre eigene Praxis.

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 15.11.2018 | 08:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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Zuletzt aktualisiert: 15. November 2018, 17:45 Uhr

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