Dampfloks der Dresdner Parkeisenbahn im Grossen Garten vor einem Lokschuppen
Bildrechte: Schlösserland Sachsen

Kommission legt Zwischenbericht vor Keine Missbrauchsstrukturen bei Parkeisenbahn Dresden

Das Entsetzen war groß, als im Mai vergangenen Jahres diese Vorwürfe ans Licht kamen: Ein Mitarbeiter der Dresdner Parkeisenbahn soll einen Jungen jahrelang sexuell missbraucht haben. Nachdem sich der Junge durchringen konnte, den Mann anzuzeigen, nahm sich der Tatverdächtige das Leben. Und seitdem steht der Verdacht im Raum, dass es noch weitere Missbrauchs-Fälle gegeben haben könnte. Deshalb wurde eine Expertenkommission eingeschaltet. Und die hat am Mittwoch einen Zwischenbericht vorgelegt.

von Katrin Tominski

Dampfloks der Dresdner Parkeisenbahn im Grossen Garten vor einem Lokschuppen
Bildrechte: Schlösserland Sachsen

Knapp ein Jahr nach Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs eines Jungen bei der Dresdner Parkeisenbahn geht die eingesetzte Expertenkommission von einem gravierenden Einzelfall aus. "Für massive weitere Übergriffigkeiten gibt es - außer dem ersten Fall - keine weiteren Hinweise", sagte der vom Schlösserland Sachsen eingesetzte externe Gutachter Thomas Giesen. Zwar habe es vereinzelt "Grenzverletzungen" gegeben, allerdings ohne strafrechtliche Relevanz.

Im Resümee kommen die Verfasser des Zwischenberichtes zum Schluss, dass die bisher festgestellten und bekannten Vorfälle ein Fehlverhalten Einzelner darstellen. [...] Ein Netzwerk oder eine strategisch handelnde Gruppe von potenziellen Tätern gibt es bei der Dresdner Parkeisenbahn nicht.

Schlösserland Sachsen

Fragebogen für Parkeisenbahner

Für das Gutachten wurden mehr als 170 aktive Parkeisenbahner unter 18 Jahren per Fragebogen befragt. 82 Bögen kamen ausgefüllt zurück und wurden ausgewertet. Zudem wurden auch ehemalige Mitglieder anonym befragt.

Aus allen Befragungen geht hervor, dass es zwischen 2010 und 2016 weitere Vorfälle mit vier mutmaßlichen Tätern gab. Mit Ausnahme des vor einem Jahr bekanntgewordenen Falls sollen die Intimsphäre der Betroffenen zwar überschritten worden, doch die Vorfälle nicht strafrechtlich relevant sein.

Pressekonferenz zu Missbrauchsfällen bei der Parkeisenbahn. Vorstellung des Zwischenberichts für Kinderschutzkonzept
Auf einer Pressekonferenz im Palais Großer Garten wurden die Ergebnisse des Zwischenberichts für das Kinderschutzkonzept vorgestellt. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Häufung von Grenzverletzungen

Weitere zwei Beschuldigungen gegen den mittlerweile verstorbenen mutmaßlichen Missbrauchs-Täter konnten laut Kommission von den Ermittlungsbehörden nicht "hinreichend" verifiziert werden. Schon im Jahr 2010 soll es jedoch einen Hinweis auf Fehlverhalten des Verstorbenen gegeben haben. Die damals verantwortliche Person, die heute nicht mehr bei der Parkeisenbahn beschäftigt ist, habe nach einem persönlichen Gespräch mit diesem jedoch keinen Aktenvermerk angelegt und die Sache nicht weiter verfolgt. "Der Vorgang konnte nicht grundlegend geklärt werden", schreibt die Kommission.

Sollte sich der Sachverhalt so zugetragen haben, handelt es sich um ein klares Fehlverhalten der damaligen Führungskraft.

Thomas Giesen Gutachter

Weiterhin soll es im Jahr 2012 zum "einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zwischen einem Mitarbeiter und einer 15-jährigen Parkeisenbahnerin gekommen sein. "Der Vorfall hätte zur Anzeige gebracht werden müssen", heißt es in dem Bericht.

Anschuldigungen nicht strafrechtlich relevanter Übergriffe zweier Parkeisenbahner im Jahr 2013 und 214 mündeten in die Kündigung der Mitarbeiter, führten jedoch zu keinen weiteren Maßnahmen, "da die Leitung der Parkeisenbahn und die damalige Schlossleitung davon ausgingen, dass die eingeleiteten Maßnahmen hinreichend wären".

Heike Mann, Leiterin der AWO-Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt -Shukura-
Thomas Giesen, Gutachter Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Im November des vergangenen Jahres war schließlich ein weiterer sexueller Übergriff bekanntgeworden. Ein 21-jähriger Parkeisenbahner belästigte den Betroffenen mit Fragen zur Sexualität und mit dem Ersuchen, ihm intime Fotos zu senden. "Die Empfehlung zur Selbstanzeige hat der junge Mann wahrgenommen", sagte Kommissionsmitglied Giesen.

Offener Brief, das Schweigen zu brechen

Gleichzeitig hat sich das Missbrauchsopfer Henry L. in einem offenen Brief an andere Kinder gewandt. "Ich weiß, ich bin nicht allein. Ich habe von anderen gehört, die glauben, dass das Leben keinen Sinn mehr hat, weil jemand sie so angefasst oder noch Schlimmeres mit ihnen gemacht hat", schreibt Henry L.

Ihr müsst darüber reden. Sonst macht es Euch kaputt. Ihr habt verdammt noch mal das Recht darauf, dass man Euch hilft.

Henry L. Missbrauchsopfer

Kommission räumt pädagogische Defizite ein

Heike Mann, Leiterin der AWO-Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt -Shukura-
Heike Mann, Leiterin der AWO-Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt "Shukura" Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Eingedenk des Missbrauchs und der Häufung von Grenzverletzungen räumte die Kommission Defizite in der pädagogischen Ausgestaltung des Betriebs der Parkeisenbahn ein." Die Parkeisenbahn ist ein Eisenbahnbetrieb, der technisch gut funktioniert. Das pädagogische Konzept ist jedoch vernachlässigt worden", sagte Joachim Breuninger, Direktor des Verkehrsmuseums, ebenfalls Gutachter der Expertenkommission.

"Wir wissen aus Befragungen, dass manchmal ein rauer Ton bei der Parkeisenbahn herrscht", sagte Heike Mann, Leiterin der AWO-Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt "Shukura". Ziel sei es, die Kultur eines Betriebs zu verändern. "Grenzverletzungen dürfen in keiner Weise akzeptiert werden. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen hat höchste Priorität." Derzeit sind 44 Kinder bei der Parkeisenbahn angemeldet. Eine Abmeldung habe es im Zusammenhang mit den Vorfällen gegeben, hieß es.

Jetzt Führungszeugnis für Mitarbeiter

Um den Betrieb der Parkeisenbahn transparenter zu gestalten, hat die Expertenkommission ein umfassendes Beschwerdemanagement installiert sowie ein vorläufiges Kinderschutzkonzept erarbeitet. Dieses enthält unter anderen folgenden Maßnahmen:

  • Mitarbeiter brauchen erweitertes Führungszeugnis
  • Sechs-Augen-Prinzip beim Umgang mit Schutzbefohlenen
  • Keine Einzelfahrten und keine Privatfahrten mehr
  • Einstellung von pädagogisch geschultem Fachpersonal & verstärkte Zusammenarbeit mit externen Fachkräften
  • Schulung aller Mitarbeiter zum Thema Kindeswohl
  • Kooperation mit dem Jugendamt
  • Einrichtung einer ständigen Eltern- und auch Kinder- und Jugendvertretung
  • Einführung von Namensschildern für alle Parkeisenbahner
  • striktes Alkoholverbot
  • Mehr Transparenz: Bekanntgabe von Dienstzeiten, Dienstleistern und Ansprechpartnern
  • Mehr Information: Kinder sollen über Karrieremöglichkeiten informiert werden und persönliches Feedback erhalten
  • Stärkung der Beteiligungsrechte der Kinder

"Wir brauchen hier eine neue Kultur und Kommunikation"

Christian Striefler, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten gGmbH
Christian Striefler, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten gGmbH Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Gutachter Giesen konstatierte: "Es geht darum, Kindern und Jugendlichen den notwendigen Schutz zu bieten". Dabei sei auch die Mitarbeit der Eltern gefragt. Grundsätzlich seien keine privaten Ausflüge von Mitarbeitern mit einzelnen Kindern mehr erlaubt.

"Wenn es weitere Hinweise auf Übergriffe geben sollte, bitten wir diese unverzüglich zu melden", sagte Christian Striefler, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten gGmbH. "Die Parkeisenbahn ist ein unverzichtbarer Bestandteil Dresdens", erklärt Präventionsexpertin Mann. "Wir brauchen hier eine neue Kultur und Kommunikation." Rückmeldungen der Kinder und auch Fragen der Eltern müssten unverzüglich berücksichtigt werden.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio und Fernsehen: MDR 1 RADIO SACHSEN | 05.04.2017 | Nachrichten ab 17:00 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 05.04.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2017, 22:23 Uhr

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