Interview Personalnotstand: Ärztin im Ruhestand hilft im Gesundheitsamt Meißen

Die ehemalige Hausärztin Dr. Angelika Hauswald ist mit 67 Jahren im Ruhestand. Doch als das Gesundheitsamt Meißen per Mail fragte, ob sie in der Corona-Krise mithelfen könnte, sagte sie zu. Das ist vier Wochen her. Seitdem hat sie dutzende Gespräche mit Corona-Patienten und Familienangehörigen geführt. Im Interview mit MDR SACHSEN sagt sie, was aus ihrer Sicht bei einer Pandemie europaweit gemacht werden müsste und was sie sich von jedem einzelnen Sachsen wünscht.

Student Finn Härtel und ein Pionier der Bundeswehr unterstützen Mitarbeiter vom Gesundheitsamt des Landkreises Bitterfeld-Wolfen bei der Corona-Kontaktnachverfolgung.
Studierende und Bundeswehr-Angehörige unterstützen die Gesundheitsämter bei der Kontaktverfolgung. In Meißen sind Ärzte im Ruhestand einem Hilfeaufruf gefolgt (Archivfoto). Bildrechte: dpa

Frau Dr. Hauswald, was dachten Sie als erstes, als Sie vom Aufruf hörten, dass Ärztinnen und Ärzte in Rente den Gesundheitsämtern helfen sollen?

Angelika Hauswald: Ich hatte ja schon gehört, dass die Fallzahlen stiegen. Dann kam die Mail mit der Anfrage über das Gesundheitsamt. Tja, ein bisschen Helfersyndrom habe ich wohl und ich sagte zu. Die einzige Bedingung war, dass ich keinen direkten Kontakt zu Patienten haben wollte. Nun bin ich zwei Mal in der Woche für je vier Stunden in der Kontaktermittlung dabei. Wir sind insgesamt vier Kollegen, die aus dem Ruhestand zurück sind und mithelfen. Was soll ich sagen? Wenn ich einmal dort sitze, sind die vier Stunden jedes Mal schnell um und es geht länger.

Wie erleben Sie die Gespräche mit den Menschen, Corona-Kranken und Angehörigen, aber auch mit den Erstkontakten?

Bislang habe ich nichts Unmögliches erlebt. Die Menschen sind bereit, Auskunft zu geben. Aber ob sie immer die Wahrheit sagen? Einer meiner Kollegen vermutet, dass die Leute auf den Dörfern nicht sagen, bei welcher Feier oder in welchem Garagentreff sie sich angesteckt haben. Anfangs war ich sehr verwundert, über die Arbeitsaufteilung innerhalb der Kontaktverfolgung. Ein Team ermittelte den Fall, eines die Erstkontakte des Falls, ein anderes führte die Informationen zusammen. Ich dachte, dass das in einem Schwung gemacht werden sollte. Mittlerweile wurden die Abläufe geändert und viel Angehäuftes abgearbeitet. Wissen Sie, die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes arbeiten zehn Stunden am Tag und am Wochenende. Es herrscht Personalnotstand.

Eine Frau um die 60 Jahre alt, lehnt mit den Unterarmen auf einem Brückengeländer und schaut in die Kamera. Es ist die ehemalige Hausärztin Dr. Agelika Hauswald.
Angelika Hauswald war Fachärztin für Kinderheilkunde und als Praktische Ärztin niedergelassen. Jetzt hilft sie dem Gesundheitsamt Meißen und hofft, dass die Menschen vernünftig bleiben und sich an die Regeln halten. Bildrechte: privat

Sie kennen die Arbeit der Gesundheitsämter zu DDR-Zeiten und nun in der Bundesrepublik. Was ist Ihnen aufgefallen?

Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir mal so eine Pandemie, ja so eine Katastrophe erleben werden. Als ich Studentin war, gab es 1975 eine Grippewelle. Auch wir Medizinstudenten wurden in die Polikliniken geschickt, um die dortigen Ärzte zu entlasten. Heutzutage kann man wohl kaum Medizinstudenten in die Praxen schicken, da diese private Unternehmen sind.

Ich würde mir wünschen, dass es bundesweit einheitliche Richtlinien für alle Gesundheitsämter gibt, die ab einem bestimmten Zeitpunkt greifen und verbindlich sind. Im Katastrophenfall braucht man einheitliche Richtlinien und keine Demonstrationen ohne Mundschutz. Das Leben der Menschen muss doch ein höheres Gut sein. Im Grunde bräuchte es Einheitlichkeit im Handeln auch EU-weit. So trifft am Ende wieder jeder EU-Staat und jedes Bundesland eigene Entscheidungen, lockert, wenn die Zahlen sinken, wartet ab, entscheidet neu und das Virus gelangt über die Grenzen überallhin. Bei dem Hin und Her nehmen die Menschen die Maßnahmen nicht mehr ernst. Es fehlt auch an Hinweisen, wie man sich schützen kann, finde ich.

Was meinen Sie damit? Masken, Mindestabstand, Handhygiene? Darüber wird doch überall berichtet.

Es fehlen konkrete Informationen zum Umgang mit Masken. Nicht mal die Hersteller informieren darüber. Im privaten Bereich können FFP2-Masken mehrfach genutzt werden. Laut RKI sollte die Maske zum Trocknen frei an der Luft hängen. Um Erreger auszutrocknen, braucht es mindestens 72 Stunden, so die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC. Wie oft eine FFP2-Maske wiederverwendet wird, ist sehr abhängig von deren Durchfeuchtungsgrad. Diese Hinweise müssten auch in den Apotheken sichtbar sein. Dazu empfehle ich reichlich Vitamine. Unser Essen hat gerade in dieser Jahreszeit einen unzureichend hohen Vitamingehalt. Daher rate ich zur Stärkung des Immunsystems die zusätzliche Einnahme von hochwertigen Vitaminpräparaten, Zink und Selen. Auch der Vitamin-D-Spiegel muss ausreichend hoch sein, dazu Bewegung an der frischen Luft.

Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit für Meißen und Sachsen?

Alle sollen vernünftig mit dem Virus umgehen, dass nicht jeder nur an sich denkt und keine Maske trägt, weil die ihm lästig ist. Wenn sich jeder an die Regeln hält, wird die Pandemie abebben. Und ich wünsche mir, dass wir alle ein bisschen demütiger werden gegenüber der Natur und ihren Ressourcen. Mein allerwichtigster Wunsch wird wohl ein frommer bleiben: Das Pflegepersonal, egal, wo es im Einsatz ist - in Kliniken, privaten Pflegediensten oder Seniorenheimen - es muss seiner Leistung entsprechend vergütet werden. Es kann nicht sein, dass Pflegeheime, Krankenhäuser oder Sozialeinrichtungen Gewinne erwirtschaften. Das ist Wahnsinn! Der gehört abgestellt.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR | 01.01.2020 | 00:01 Uhr

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