Fünf Jahre nach dem Flüchtlingssommer Integration - Wie leben neue und alte Coswiger miteinander?

Im Herbst 2015 waren 270 Flüchtlinge nach Coswig gekommen - viele der alten Bewohner liefen dagegen Sturm. Da erging es Coswig wie vielen anderen sächsischen Gemeinden. Wie hat sich die Lage seither entwickelt? MDR SACHSEN hat mit dem Oberbürgermeister, Geflüchteten und ehrenamtlichen Helfern gesprochen.

Porträt-Mutter-Tochter
Fatema und ihre Tochter Somayeh leben seit 2015 in Coswig. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Coswig hatte im Spätsommer 2015 gute Ausgangsbedingungen: Eine leerstehende Sammelunterkunft für Flüchtlinge, eine Reihe freier Wohnungen verteilt auf das Stadtgebiet und eine enge Zusammenarbeit mit der städtischen Wohnungsgesellschaft.

Die Stadt konnte schnell auf die Anfrage des Landkreises reagieren und Unterkünfte für 270 Neuankömmlinge stellen. Was logistisch recht gut gelang, war aber gesellschaftlich eine Zerreißprobe – wie für viele sächsische Gemeinden. Es gab asylfeindliche Demonstrationen in der gut 20.000 Einwohner großen Stadt, bei Bürgerinformationsrunden wurde nicht nur hitzig debattiert, einige sogenannte "Wutbürger" (einer der prägenden Begriffe aus dem Flüchtlingsjahr) gingen aus sich heraus und überschritten manches Mal die Grenzen des guten Geschmacks.

Oberbürgermeister: Man war immer unter sich

Und heute? Fünf Jahre danach zieht Oberbürgermeister Thomas Schubert beim Interview mit MDR SACHSEN ein verhaltenes Fazit: "Man hat sich ein wenig aneinander gewöhnt. Es ist ruhiger geworden. Aber gleichwohl hat es dazu geführt, dass die harten Gegner von damals sich weiter in diesem Milieu bewegen. Nicht umsonst hat die AfD bei den Kommunalwahlen hier so ein gutes Ergebnis eingefahren."

Und was trägt in seinen Augen zu dieser anhaltenden Unzufriedenheit bei? Schubert nennt ein generelles Phänomen, das seines Erachtens vor allem die ältere Generation betrifft:  "Der Ostdeutsche tickt beim Thema Asyl anders als der Westdeutsche. Der Umgang mit Fremden ist für ihn ungewohnt." Im Regelfall seien die Deutschen hier unter sich gewesen. "Zu DDR-Zeiten gab es in der Stadt ein zentrales Wohnheim für Gastarbeiter, unter anderem aus Mosambik. Es kam immer mal wieder zu Reibereien. Dann kam die Wende und man hat den gleichen Fehler mit den ankommenden Russlanddeutschen gemacht. Die wurden hier auch geballt an einer Stelle untergebracht. Und trotz deutscher Staatsbürgerschaft sind sie als Ausländer wahrgenommen worden. Diese Menschen hätte man mehr übers Stadtgebiet verteilen müssen." Aus diesen alten Erlebnissen, der Abschottung, resultiere die Denke: 'die machen immer nur Probleme', man sei grundsätzlich ablehnend, so Schubert. Unter jüngeren Menschen sei das schon nicht mehr so stark vertreten.

OB Coswig Thomas-Schubert
Der parteilose Oberbürgermeister Thomas Schubert. Seit Anfang des Jahres ist er im Amt. Vorher war er Finanzbürgermeister. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Wie leben die Deutschen?

Aber inwieweit wurden die Coswiger in ihren Vorurteilen und Befürchtungen von vor fünf Jahren bestätigt? "In der Anfangszeit gab es Probleme bei der Mülltrennung, das war ja für viele Flüchtlinge Neuland. Tagesrhythmen passten nicht zueinander. Das südländische Feiern, Essen, Lärm machen am Abend kam nicht gut an beim deutschen Nachbarn." Damals habe es einige Beschwerden deswegen gegeben.

Der Verein "Coswig – Ort der Vielfalt" habe aber schnell agiert und die Asylbewerber über Sitten in deutschen Wohngebieten informiert. Die Situation befriedete sich. Dass es einen Anstieg an Kriminalität durch die neuen Bewohner gäbe, wie Pegida geunkt hatte, sei nicht nachweisbar, so der Rathauschef. Auch wimmelt es in Coswig seither nicht von Moscheen oder Halal-Fleischereien – im Gegenteil. Schaut man sich in der Stadt um, wirkt alles ziemlich 'deutsch': geharkte Fußwege, ordentliche Blumenrabatten. Doch auch das macht die Unzufriedenen nicht zufriedener?

OB setzt auf Zeit und neue Generation

Rathaus Coswig
Blumenrabatten, gekehrte Wege: In Coswigs Stadtbild hat sich seit 2015 nicht viel geändert. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Schubert schüttelt vehement den Kopf. "Nein, es gibt immer diese Menschen, die mit Entscheidungen unzufrieden sind. Die melden sich immer lauthals. Sie fühlen sich benachteiligt, werfen den Neuankömmlingen vor, dass es ihnen zu leicht gemacht worden sei." Ein rotes Tuch sei, dass den Geflüchteten Sozialleistungen zugesprochen worden seien, ohne dass sie jemals ins System eingezahlt hätten oder vom Amt mit Beschäftigungsprogrammen drangsaliert worden seien. "Sogar für Flüchtlingskinder neu geschaffene Kita-Plätze sind ein Aufreger", berichtet Schubert.

Diese Unzufriedenheit und Wut der "Ur-Coswiger" abfangen zu können, daran glaubt Schubert nicht. Aber: "Das klappt über die Kinder und deren Bildung. Kinder gehen viel offener mit dem Fremden um. Sie erleben das schon früh in der Kita. Und das tragen sie wiederum ins Elternhaus." Vieles werde sich über die Zeit lösen.

Ich glaube, wenn man jetzt gezielt etwas in Richtung Erwachsenen tun will… das ist schwer, weil die Menschen darin immer etwas Belehrendes sehen. Das ist meine Erfahrung.

Oberbürgermeister Thomas Schubert (parteilos)

Wie geht es den Geflüchteten inzwischen?

Somayeh-Mädchenporträt
Der Anfang war für die 13-jährige Somayeh schwer. Sie sprach kein Deutsch und fand nicht gleich Freunde. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Andere sind mit diesen Verhältnissen konfrontiert; sie müssen jetzt mit ihnen klarkommen. Somayeh ist 13 und lebt seit 2015 mit ihren Eltern und zwei kleineren Schwestern in Coswig. Sie sind Verfolgte der Taliban. Das Erste, woran sie sich bei ihrer Ankunft erinnert hier in Deutschland? "Die Spiele. Sowas kannte ich vorher nicht." Ihr Lieblingsspiel ist Uno. Als sie das erzählt, leuchten die Augen des schüchternen Mädchens kurz. Dann spricht sie leise weiter: "In der Grundschule wollte keiner mit mir spielen. Ich habe mich dann mit einem Mädchen angefreundet, das aus Russland kam." Jetzt auf der evangelischen Oberschule sei alles besser, sie habe Freunde. Aber zu Hause besucht habe sie noch keines der Kinder.

Das Gute zählt

Ihre Mutter, die 35-jährige Fatema, ist dankbar für den Schutz des Lebens ihrer Familie und verspürte einfach nur eine große Erleichterung bei der Ankunft. Ihr Mann war in Afghanistan von den Taliban gefangen genommen worden. Ihm und der fünfköpfigen Familie gelang dann die Flucht über den Iran, wo sie erst einmal drei Jahre untertauchen mussten.

Fatema fängt beim Erzählen ganz wie ihre Tochter mit den positiven Dingen an: "Hier in Deutschland habe ich die gleichen Rechte wie die Männer. Ich kann laut sagen, was ich will. Für meinen Mann war das anfangs schwer, aber jetzt unterstützt er mich." Sie habe inzwischen einen ersten Schulabschluss gemacht.

Zwei Jahre Warten auf den Deutschkurs

Als nächstes möchte Fatema ihre Mittlere Reife nachholen. Ihr Traum: als Erzieherin arbeiten. Das Deutschsprechen hat sie sich zwei Jahre lang mit "Google Translate" erarbeitet. Erst 2017 bekam sie richtigen Unterricht. Und wie ist das Verhältnis zu den Coswigern? "Da ist ein Abstand. Sie sind reserviert. Am Anfang wurde ich wegen meines Kopftuches auf der Straße angestarrt, auch böse Blicke gab es." Sie sei eine Attraktion in der Stadt gewesen. Das habe sich mittlerweile gegeben.

Auch das Anspucken oder Anpöbeln, das sie in einem Nachsatz erwähnt, sei länger nicht mehr vorgekommen. Was immer noch schwierig ist: Ins Gespräch kommen mit den Deutschen, Freundschaften schließen – solche eigentlich normalen Dinge gelingen der Afghanin auch weiterhin nicht. "Manchmal spricht eine Nachbarin kurz mit mir, fragt wie es geht." Das war es aber schon.

Fatema-Porträtfoto-Afghanin
Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Ich würde den Deutschen gern ein bisschen von meinem Heimatland erzählen. Und auch von den Deutschen etwas lernen.

Fatema | Geflüchtete aus Afghanistan

Ehrenamtliche bekommen Gegenwind

Kritisch beäugt und angefeindet wurden auch die ehrenamtlichen Mitglieder des Vereins "Coswig – Ort der Vielfalt". Bei der Patin der afghanischen Familie, Ilona Leska, wurden Reifen zerstochen, bei anderen Eier gegen Autofenster geschlagen. Aber auch persönliche Beziehungen haben gelitten. Sven Böttger, zwischen 2015 und 2019 Sprecher des Vereins, und seine Frau Christiane, die 2015 Vereinschefin war, haben einen großen Teil ihrer Freunde verloren: "Man hat eine Art Stempel gekriegt. Auch im näheren Umfeld merkt man schnell für sich, 'mit dir rede ich lieber nicht über das Thema' und geht sich dann lieber aus dem Weg. Das erleben wir bis heute."

Nach Ansicht des Oberbürgermeisters ist es jedoch zu einem guten Teil diesen Ehrenamtlichen zu verdanken, dass es im Flüchtlingsjahr in Coswig nicht noch zu größeren Auseinandersetzungen kam. Vereinsmitglieder waren es, die erstmal Behälter besorgt haben, die überhaupt geeignet waren für die Mülltrennung; sie waren es, die Duschvorhänge gekauft haben, um Überschwemmungen in den teils engen Unterkünften zu verhindern und die mehrsprachige Aushänge mit Hausregeln angebracht haben.

Jetzt regen sich die Leute mehr über die Maskenpflicht auf. Da tritt aktuell die Flüchtlingsthematik zurück.

Ilona Leska | "Patin" der Familie von Fatema

Wie steht Coswig nun "fünf Jahre danach" da? Es ist ruhiger geworden, aber die Gräben scheinen noch genauso tief. Sie verlaufen zwischen Flüchtlingen und Asylgegnern, kommunalen Vertretern - den sogenannten "Eliten" - und Bürgern, aber sie verlaufen ebenso quer durch die Zivilgesellschaft und trennen ehemalige Freunde.

Verein Ort der Vielfalt Coswig
Ilona Leska (links im Bild) und die ehemalige Vereinschefin Christiane Böttger. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Wie läuft die Strafverfolgung rechter Täter in Sachsen?

Strafverfolgung von rechten Tätern Fünf Jahre nach den flüchtlingsfeindlichen Krawallen in Heidenau hat die sächsische Linke eine kritische Bilanz der Ermittlungsarbeit gezogen. Die Linken-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel bemängelte am Sonntag in Dresden, dass sowohl dort als auch nach den ausländerfeindlichen Angriffen vor zwei Jahren in Chemnitz nur wenige Täter zur Rechenschaft gezogen wurden. "Es fällt auf, wie gering die Aufklärungsquote bei rechts und rassistisch motivierter Gewalt in Sachsen ausfällt", sagte Nagel.

Sie verwies auf ihre jährlichen Anfragen bei der Landesregierung nach der Verfolgung von Straftaten und Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte. Demnach seien 2015 insgesamt 79 Prozent dieser Ermittlungsverfahren ergebnislos eingestellt worden, 2016 waren es sogar 89 Prozent und 2017 insgesamt 87 Prozent. Auch in den beiden zurückliegenden Jahren sei diese Quote mit 81 Prozent (2018) und 77 Prozent (2019) hoch geblieben.

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