Modellprojekt Mittelsachsen Digitale Landwirtschaft soll sächsische Dörfer attraktiver machen

Digitale Landwirtschaft braucht schnelle Datenleitungen, doch auf vielen Dörfern sieht es oft schon mit Handyempfang mau aus. Im Experimentierfeld "Landnetz" wollen der Freistaat Sachsen, die TU Dresden sowie das Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI) autarke 5G-Mobilfunknetze aufbauen und "Smart Farming" testen. Gelingt dies, so die Hoffnung, könnten ganze Landstriche einen Digitalisierungsschub erleben und für den weiteren Ausbau durch Telekom, Vodafone & Co. attraktiv werden. Ein Gespräch mit Norman Franchi, Koordinator Experimentierfeld des "Landnetz" in Mittelsachsen.

Ein abgeerntetes Feld wird umgepflügt,
Digitale Landwirtschaft könnte mit Vernetzung und Sensoren nicht nur effizienter werden, sondern ganze Landstriche attraktiver machen - so die Vision. Bildrechte: dpa

Herr Dr. Franchi, Sie kümmern sich mit der Modellregion "Landnetz" um digitale Dörfer. Worum geht es?

Wir möchten mit einer digitalen Landwirtschaft ländlichen Raum wieder attraktiv machen - sowohl für die Wirtschaft als auch für die Menschen vor Ort. Prozesse können durch die Digitalisierung deutlich verbessert und transparenter werden. Nehmen wir zwei Beispiele: Bislang werden Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel meist nach dem Gießkannenprinzip auf die Felder gespritzt. Per Sensoren in Drohnen, Landmaschinen und im Boden ist es jedoch möglich, genau zu analysieren, welche Pflanze wie viel Düngung braucht oder wie stark sie von Schädlingen befallen ist. Landmaschinen könnten die Mittel punktgenau, hocheffizient und umweltschonend verteilen. Das ist ökologischer und spart immens - mit diesem Verfahren werden nur etwa zehn Prozent der Substrate benötigt. Das ganze Problem der Überdüngung würde sich erledigen.

Dr. Norman Franchi, Forscher am Vodafone-Stiftungslehrstuhl Mobile Kommunikationssysteme der TU Dresden
Dr. Norman Franchi, Forscher am Vodafone-Stiftungslehrstuhl Mobile Kommunikationssysteme der TU Dresden Bildrechte: Dr. Norman Franchi

Sensoren und Landmaschinen auf dem Feld, dafür brauchen Sie aber schnelle Datenleitungen!

Das ist der Punkt, diese gibt es auf dem Land nicht. Wenn überhaupt, wird nur über Glasfaser und schnelles Internet für Privathaushalte geredet. Die Landwirtschaft erstreckt sich jedoch über eine riesige Fläche. Selbst wenn Sie Kabel legen wöllten, wie lange wollen Sie da graben? Wer in der Landwirtschaft digital sein will, braucht eine mobile Vernetzung. Wir bauen in unseren Modellregionen mobile Netzwerke auf Basis der neuen 5G-Mobilfunktechnologie auf.

Die Traktoren sollen sich also, salopp formuliert, mit den Sensoren per Handynetz über die Düngemittel-Konzentration abstimmen?

Jein. Dazu müsste ich weiter ausholen.

Holen Sie aus!

Mit der 5G-Technologie nehmen wir das erste Mal das Konzept von sogenannten Campusnetzen auf. Dabei dreht es sich um eigene, autarke, in sich geschlossene Mobilfunknetze, innerhalb derer über Funk große Datenmengen übertragen werden können. Sie entstehen in Ergänzung oder unabhängig von den öffentlichen Mobilfunknetzen der gängigen Betreiber wie Telekom, Vodafone oder Telefonica. Ursprünglich wurden sie für eine Fabrik oder einen Gewerbepark geschaffen. Mit dem Projekt "Landnetz" wollen wir das Konzept der Campus-Netze jetzt von der Fabrik in den ländlichen Raum, also in die landwirtschaftlichen Betriebe übertragen. Das macht Deutschland zum ersten Mal weltweit. Die EU und die USA schauen auf uns, wie das funktioniert.

Wo wollen Sie diese Campusnetze aufbauen?

Das Projekt "Landnetz" ist eine eigenständige Initiative an sechs Standorten in Sachsen. Dazu gehören das Weingut Proschwitz, das Versuchsgut Köllitsch, das Hofgut Weißig, der Gutshof Raitzen, Sachsenobst in Dürrweitzschen sowie die Lommatzscher Pflege. Diese Region in Mittelsachsen hat unter anderen deutschlandweit den fruchtbarsten Boden, hier kann bis zu drei Mal im Jahr geerntet werden. In der gesamten Region gibt es nur ein mäßig bis schlecht ausgebautes Mobilfunknetz, sie ist also dringend auf gute Datennetze angewiesen.

Lehr- und Forschungsgut Köllitsch
Im Lehr- und Forschungsgut Köllitsch in Nordsachsen wird schon jetzt digitale Landwirtschaft geprobt. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Wann wird das Realität?

Wir haben das "Landnetz" und das dazugehörige Erprobungsfeld jetzt über ein Jahr vorbereitet, die Anwendungen sind bereits entwickelt. Im Sommer beginnen wir die Campusnetze aufzubauen, die Erprobung vor Ort kann dann im vierten Quartal beginnen.

Wie schnell wird das Netz sein?

Die Funkverbindung transportiert teils bis zu 250 MB pro Sekunde, das ist viel. Sie haben immer voller Bandbreite. Hier geht es aber nicht um Internet, wir brauchen die Daten gar nicht im weltweiten Netz.

Sie wollen digitale Landwirtschaft, also Smart Farming, ohne Internet betreiben?

Ja, das ist ein weiterer Vorteil. Mit dem Konzept der Campusnetze erhalten die Betriebe ihre Datenhoheit zurück. Aktuell haben die Landwirte das Problem, dass ihnen die Industrie nur Cloud-Lösungen anbietet, alles muss also über das Internet laufen. Der Landwirt kann jedoch die Kontrolle verlieren, wenn die Daten von seinem Traktor über irgendwelche Server transportiert werden. In den Campusnetzen bleiben alle Daten lokal. Unserer These nach können bis zu 80 Prozent der Daten damit einfach vor Ort bleiben und müssen nicht über Server zum Beispiel in den USA geschickt werden.

GPS-gesteuerte Traktoren
Schon heute sind Traktoren keine uralten Landmaschinen mehr, sondern mit GPS und Computern ausgestattete hochmoderne Fahrzeuge. Kombiniert mit Sensoren im Feld, könnten sie im Rahmen der neuen digitalen Landwirtschaft, die Düngung punktgenau an die Pflanze sprühen. Bildrechte: dpa

Das klingt gut, doch was haben jetzt die Bewohner oder auch mobil arbeitende Angestellte davon? Dürfen sie die Netze nutzen?

Das wollen wir in einem zweiten Schritt klären. Erst einmal sollen die Campusnetze für die landwirtschaftlichen Betriebe nutzbar sein. Es ist auch vorstellbar, die Synergien und ergänzenden Nutzungsmöglichkeiten auf den ländlichen Raum zu übertragen, vergleichsweise wie bei einem industriellen Campusnetz, das gemeinschaftlich für einen ganzen Gewerbepark genutzt wird. Privatnutzer sind zum aktuellen Zeitpunkt während der Erprobungen und Untersuchungen im Projekt nicht vorgesehen.

Bislang sind Betreiber öffentlicher Mobilfunknetze am Ausbau mit schnellen Datenleitungen ja oft eher weniger interessiert, weil sie denken, auf dem Land gibt es eh' nichts zu holen. Erfahren sie von dem großen Potenzial, springen sie vielleicht auf und bauen schnelle Leitungen für alle. Die digitale Landwirtschaft mit ihren Campusnetzen kann also Zugpferd sein, um den Ausbau öffentlicher Netze voranzutreiben.

Kann die Digitalisierung also den ländlichen Raum retten?

In den vergangenen Jahren sind immer mehr Menschen in die Stadt gezogen, den Trend zur Urbanisierung erleben wir sogar weltweit. Ich bin jedoch überzeugt, dass spätestens in zehn Jahren viele Menschen nicht mehr uneingeschränkt in der Stadt wohnen wollen. Städte sind laut, werden immer teurer und voller. Schon jetzt klagen viele, die Stadt nerve sie. Nehmen wir Städte wie München: Eine tolle Stadt, Sie können dort immens gut verdienen, tollen Wohnraum bekommen Sie deswegen noch lange nicht. Und Wohnraum prägt nun mal auch entscheidend, wie zufrieden wir leben.

Dörfer und Kleinstädte werden also eine Renaissance erleben?

Von diesem Zeitgeist, der Sehnsucht nach Ruhe, Natur und lebendiger Nachbarschaft kann der teilweise leergezogene ländliche Raum profitieren. Voraussetzung ist jedoch hier immer die Infrastruktur. Nur mit schnellem Internet werden die Dörfer attraktiver und kommen auch für die Menschen in Frage, die jetzt in der Stadt wohnen und arbeiten. Das "Landnetz" ist ein Projekt, mit dem diese Entwicklung gefördert werden kann.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 23.02.2021 | 20:00 Uhr in den Nachrichten

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