Interview über Achtsamkeit Psychologe aus Dresden: "Wir können nur uns und unsere Gedanken verändern"

Beim 1. Gesundheitstag der Diakonie Meißen erklärt der Diplom-Psychologe Franz Möckel, wie man Stress durch Achtsamkeit bewältigen kann. Im Interview mit MDR SACHSEN nennt er Strategien und sagt, was es mit diesem Modewort auf sich hat.

Eine Frau trinkt einen Smoothie.
Ein Smoothie, Sonnenlicht und Wind in der Mittagspause: Je nach Vorliebe, ist das für manche schon eine Achtsamkeitsübung im Alltag. Bildrechte: IMAGO

Herr Möckel, in der Arbeitswelt geht es seit einigen Jahren ständig um Achtsamkeit. Was hat es damit auf sich?

Frank Möckel: Ja, Achtsamkeit ist ein Modewort. Früher hieß das mal Stressbewältigung oder Freizeitverhalten. Wir stellen fest, dass das Thema immer stärker in Unternehmen zugelassen wird. Menschen beschäftigen sich an ihren Arbeitsplätzen damit und geben sich Zeit für Achtsamkeit. Viele Firmen versuchen das Thema grundsätzlich anzugehen und beziehen die Belegschaften mit ein. Auch bei der Frage, was sich grundsätzlich an den Arbeitsbedingungen ändern müsste und welche eigenen Bedingungen man ändern könnte.

Worauf kommt es an, wenn ich achtsamer im Berufsalltag werden will?

Zeitdruck, Lärm, Dienstplanänderungen oder Kollegen sind immer Stressquellen. Aber wir können die Menschen nicht ändern. Auch viele vorgegebenen Sachen von außen haben wir nicht in der Hand. Wir können nur uns und unsere Gedanken zu den Stressauslösern verändern. Die Ebene der Gedanken ist wichtig bei Achtsamkeit.

Ist es nicht zynisch, wenn Vorgesetzte ihren Angestellten Achtsamkeitsübungen empfehlen, obwohl sie es doch sind, die den Rahmen für die Anforderungen und die Arbeitstaktung bestimmen durch Vorgaben, Dienstpläne und Zielvereinbarungen?

Diplom-Psychologe Franz Möckel aus Dresden lächelt in die Kamera.
Der Psychologe Franz Möckel. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Da müssen wir unterscheiden. Jeder sollte genau schauen, was ihm Stress bereitet und welche Stressoren er aktiv selbst ändern kann. Man sollte immer versuchen, Stressfaktoren zu ändern, wenn die veränderbar sind. Aber da, wo ich die Stressoren nicht ändern kann, fühle ich mich oft machtlos. Bildlich gesprochen stehe ich dann vor einer Mauer, die ich nicht einreißen kann. Jetzt kann ich die Mauer ignorieren, intensiv anstarren, sie in ihrer Struktur betrachten oder die Mauer akzeptieren und woanders hinsehen. Es hängt von meiner inneren Einstellung ab, wie ich mit dieser Mauer umgehe.

Ich rate immer, Neues auszuprobieren für Ablenkung, die uns positive Gefühle gibt. Der eine braucht Powermusik oder muss joggen, um runterzukommen, der andere eine Kaffeepause, ein autogenes Training oder eine Wahrnehmungsübung zwischendurch. Man sollte das ausprobieren und in seinen Alltag integrieren. Es ist ein weiter Weg, für sich etwas zu tun. Auch, weil ich an vielen Stellen den Stress außen nicht ändern kann.

Warum ist es so schwer, achtsam mit sich und den Kollegen umzugehen?

Weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Auch was uns nicht gut tut, ist erst einmal eine Gewohnheit. Wir machen, was wir kennen. Es fällt uns schwer, Veränderungen zuzulassen. Ich rate Menschen, die das ändern wollen, sich einen Zettel vorzubereiten und darauf zu schreiben, womit sie sich intensiv beschäftigen wollen, um achtsamer zu sein. In dem Moment, wo sie ein bisschen Zeit haben, sollten sie auf den Zettel blicken und sich genau das bewusst machen.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR MDR AKTUELL | 17.03.2019 | 21:45 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2019, 13:58 Uhr

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7 Kommentare

21.03.2019 20:26 Vera Stein 7

Es sollte heißen:

Leute, schafft lieber lebenswerte Umstände, statt "Gedankenkontrolleure".

(Ich weiß, wovon ich schreibe, Vera Stein.)

21.03.2019 19:24 Vera Stein 6

Die Psychologie ist nichts anderes als der verlängerte Arm einer funktionalen Gesellschaft. Wer nicht "funktioniert" wird durch sie gleich gemacht. Mensch, schafft lieber lebenswerte Umstände, dass "Gedankenkontrolleure".

Wer hat die Psychologie eigentlich erfunden? Und wieso?

21.03.2019 19:23 Vera Stein 5

Ich bin sowieso der Meinung, dass die Psychologie eine ABM der Psychologen ist.
Man/frau geht zum Psychologen, weil man/frau vielleicht Rat für ein alltägliches Problem sucht.

Psychologe: Sie haben ein Problem.
Ratsuchender: So?
Psychologe: Ja, Sie verdrängen.
Ratsuchender: Aha.
Psychologe: Ein Problem aus Ihrer Kindheit.
Ratsuchender: nein
Psychologe: doch
Ratsuchender: nein
Psychologe: doch, aus Ihrer Kindheit
Klient (vormals Ratsuchender): ja, es war nicht immer leicht
Psychologe: sehen Sie haben ein Problem
Klient (vormals Ratsuchender): nein
Psychologe: doch, Sie müssen es zulassen
Kranker (vormals Klient bzw. Ratsuchender): ja, ich habe ein Problem
Psychologe: gut, kommen Sie die nächsten Jahre zu mir

21.03.2019 13:44 Ex-Anhaltinerin 4

"Achtsamkeit hilft nicht bei PTBS, Depression etc. und je besser die Studie, desto eindeutiger die Ergebnisse." Quelle: Psychologie heute. Oder würden Sie sich völlig achtsam und nicht bewertend vergewaltigen lassen? Ich war mal in solch einer Achtsamkeits-Rehaklinik, in denen uns erklärt wurde, dass Entspannung umgebungsunabhängig funktioniert. Nach meiner Entlassung kam Post mit Angebot zu Wellnessaufenthalt für Selbstzahler. Habe geantwortet, dass ich das nicht brauche, denn nach dem, was ich dort gelernt habe, kann man sich in 1-R-HH-Whg. mit gewalttätigem Nachbarn ebenso gut entspannen.

21.03.2019 13:29 Sonja 3

ja unbedingt vermeiden zu so einer Gruppe zu gehen meine Mutter war bei so einen , vor vielen Jahren, die sagte immer zu uns Kinder geht man einigermaßen normal rein kommt man total bescheuert wieder raus , die sind beklopter als wir es sind.

21.03.2019 00:15 Uwe_zi 2

Ich gebe @1 völlig recht. Jetzt stellen sich schon einige Psychologen in den Dienst des Profites. Der Mensch soll sich gefälligst dem Wahnsinn "immer mehr, schneller, weiter, höher" anpassen. Der Mensch wird sich im Zuge der Evolution ändern, das lässt sich aber nicht beschleunigen und ist von der Natur vorgegeben. Was der Herr "Psychologe" fordert ist ein sich Verstellen mit allen bekannten gesundheitlichen Folgen, denn der menschliche Körper hat Grenzen. Und um in Bildern zu sprechen, die Mauer vor der ich stehe kann ich durchaus einreisen, da bin ich nicht gezwungen mich auf Kosten der Gesundheit darüber zu quälen. Denn im Gegensatz zur menschlichen Leistungsfähigkeit lassen sich äußere Umstände immer ändern, vorausgesetzt der Profit steht nicht über der menschlichen Unversehrtheit. Das ist im Kapitalismus wohl eher utopisch. Deshalb werden zwar Gesetze zur Fürsorgepflicht der Arbeitgeber gemacht, aber deren Einhaltung fast nie kontrolliert.

20.03.2019 20:08 marc 1

"Wir können nur uns und unsere Gedanken verändern" - diese Einstellung ist so krank und menschenunwürdig. Der moderne Mensch lebt in Umständen, die nicht artgerecht sind: Lärm, gesellschaftliche Korsetts, Stress, Städte usw.
Anstatt das Umfeld, die Welt menschengerechter zu machen, propagieren die Herren und Damen Psychologen: Mensch, DU musst Dich ändern. Pfui!

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