05.03.2020 | 16:23 Uhr Konservative in und aus Meißen - warum gerade diese Stadt?

Der Landkreis Meißen und die Stadt gelten als konservatives Pflaster. Bei der Landtagswahl lag die AfD vor der CDU, zur Bundestagswahl 2017 lag die CDU noch vorn. Jetzt hat sich in Meißen der erste Kreisverband der sogenannten Werteunion der CDU gegründet. Warum immer Meißen, wenn es um Konservatismus geht? Antworten darauf hat der Seniorprofessor für Soziologie, Karl-Siegbert Rehberg von der TU Dresden.

Die Albrechtsburg und die Türme des Doms spiegeln sich in Meißen (Sachsen) in den Abendstunden in der Elbe.
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Frage: In Meißen hat die sogenannte Werteunion jetzt einen eigenen Kreisverband gegründet. Aus Meißen kamen nach 1990 viele konservative Politiker der CDU, aber auch Vertreter der Pegida-Riege, der Parteichef der AfD, Jörg Urban stammt aus Meißen. Warum immer Meißen?

Karl-Siegbert Rehberg: Ich denke, dass das mit einer Art Traditionalismus und Selbststolz zusammenhängt, ähnlich wie in Dresden. Das ist alles kein Zufall und hat Gründe.

Welche sind das?

Karl-Siegbert Rehberg, Professor für Kultursoziologie an der TU Dresden, Radiosalon von ARD und ZEIT, 3. März 2016, Neue Welt und alte Freiheit – Wie frei sind wir in unserem Handeln?
Karl-Siegbert Rehberg arbeitet als Seniorprofessor für Kultursoziologie an der TU Dresden. Er war 1992 Gründungsprofessor für Soziologie an der Hochschule. Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Meißen wurde im 10. Jahrhundert gegründet, ist älter als Dresden, war lange Zeit Fürstenstadt und gilt als Wiege Sachsens. Zudem gibt es lange zurückreichende Traditionen in der Stadt wie den Weinbau, die Porzellangeschichte, den Dom mit seinem einzigartigen Domkapitel. Die Geschichte spielt für die Selbstbezüglichkeit und den Konservatismus eine große Rolle. Dann dürfen Sie nicht vergessen, wie verfallen und marode die Altstadt zum Ende der DDR-Zeit war. Die Innenstadt ist mittlerweile wunderbar restauriert worden.
Dennoch fühlt sich Meißen abgehängt. Es ist ein Juwel im ländlichen Raum, hat aber die Probleme, die so viele Kommunen im ländlichen Raum plagen, beispielsweise der Wegfall der Industriebetriebe, die Krise der weltberühmten Porzellanmanufaktur und der Niedergang so vieler Porzellanhersteller. Das Triebischtal war einst der Stolz der Stadt. Fahren Sie jetzt einmal dort entlang. Und dann gab es ja auch noch die Hochwasserschäden in den zurückliegenden Jahrzehnten. Das waren stark depressive Momente für die Stadt. Man kann sagen, dass die Verlustängste in Meißen besonders groß sind.

Touristen schwärmen jedes Mal bei ihren Besuchen in der Stadt, in der so viel restauriert wurde.

Ja, Tourismus gibt es in Meißen, die Gäste fahren hin, finden es dort hübsch und sind schnell wieder weg. Spricht man mit Händlern und Unternehmern, dann schränken sie immer sofort ein, dass zu wenig Kaufkraft da ist und auch Touristen wenig Geld da lassen. Insofern ist man unzufrieden und betont sofort den Bezug zu Problemen der Wendezeit. Viele erkennen an, dass die Lage seit 1989 besser geworden ist. Aber etwa 20 Prozent der Menschen fühlen sich an den Verbesserungen nicht beteiligt. Deren Gefühl wird verstärkt von fünf, sechs Prozent der Menschen, die sich als Opfer sehen. Eine kleine Stadt wie Meißen stellt eine Bühne dar, auf der diese wenigen dann mehr durchschlagen. Dennoch ist Meißen keine politisch rechtsstehende Stadt, wie man das aus östlichen Regionen in der Lausitz kennt.

Woran machen Sie das fest?

Leere Weingläser stehen während der Auftaktveranstaltung der Weinlese der Sächsischen Winzergenossenschaft Meißen in der Lage «Merbitzer Bauernberge» in Dresden (Sachsen) auf einer Mauer.
1.000 Jahre Geschichte, Weinbautradition und der Verlust der eigenen Bedeutung spielen eine Rolle für den Selbststolz der Stadt Meißen, sagt der Soziologe und Seniorprofessor Karl-Siegbert Rehfeld. Bildrechte: dpa

Wenn man sich die Oberbürgermeisterwahlen 2018 ansieht, dann hatte die AfD gar nicht so viele Stimmen gehabt. Im zweiten Wahlgang gab es nur einen geringen Stimmenüberhang für den CDU-Kandidaten im Vergleich zum SPD-Herausforderer.

Wegen der genannten geschichtlichen Gründe ist Meißen eine Identitätsbildungsstadt. Das passt ins Muster dieser neuen Identitätsbestrebungen, wie man sie heute kennt - vor allem als Abgrenzung zu Migranten und Flüchtlingen. Das sind ja auch die Themen der Werteunions-Vertreter.

Quelle: MDR/kk

11 Kommentare

Johnny vor 38 Wochen

Also ich als Meißner, hier geboren und noch immer hier heimisch, muss sagen das einiges schief läuft. Zu viele Drogen, Alkohol und ubertriebener Nationalismus.

Man hat eine visuelle und historische Perle vor der Tür. Darauf bildet man sich hier schon etwas ein bzw ist die kulturelle Seite dieser Stadt ein Teil der Identität eines Meißner. Meine Eltern und ihre Generation schwelgen ständig in Erinnerung an die "DDR-Zeiten".
Da gab es Arbeit, jeder hatte bezahlbaren Wohnraum und vor allem gab es ein großes "Wirgefühl". Man half sich untereinander.
Heute haben wir dafür eine optisch schöne Stadt allerdings ohne Seele. Man sieht der Stadt und den Bewohnern die offensichtlichen Drogenprobleme an. Das Triebischtal ist schon längst nicht mehr der einzige Stadtteil in dem man an jeder Ecke Zusammenrottungen von Säufern sieht. Viele ältere sehnen sich in strukturierte und geführte Zeiten zurück. Das bietet nur eine Partei und fängt damit leider Gotted genügend unzufriedene Menschen.

Klausmaus vor 38 Wochen

Ob man sich in einer Stadt wohlfühlt, ist vor allem davon abhängig, wie offen und aufgeschlossen man selbst ist. Die diffusen Vorbehalte der Kommentatoren zeigen, dass sie selbst nicht in die "offene Stadtgesellschaft" passen.

zenkimaus vor 38 Wochen

Ich kann's nicht erklären, selbst meine Mutti, kommt aus Meissen, ist nicht gern in ihrer Geburtsstadt. Das Gefühl des abgehängt sein ist schon sehr alt. Keine Ahnung was da schief gelaufen ist.

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