22.09.2019 | 06:00 Uhr Waschbären treiben in Sachsens Weinbergen ihr Unwesen

von Lars Müller

Ein Waschbär sitzt in einer Lebendfalle.
Waschbären dürfen in Lebendfallen eingefangen werden. Getötet werden dürfen sie nur von Fachleuten, wie Jägern oder Tierärzten. Ein Umsiedeln der Tiere ist verboten. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

In Sachsens Weinbergen treiben zunehmend Waschbären ihr Unwesen und vergreifen sich an den reifen Weintrauben. Auf einer Rebfläche im Landkreis Meißen wurden in den zurückliegenden Wochen in einer einzigen Lebendfalle knapp 20 Tiere gefangen. Einer der dort aktiven Winzer berichtet, ein Jäger mit entsprechender Fachkenntnis habe sich um die tierschutzgerechte Entsorgung der invasiven Schädlinge gekümmert. So sehen es die in Sachsen geltenden Gesetze vor. Bei frühreifenden Rebsorten hätten die Waschbären sichtbare Schäden angerichtet – und dies in einem Jahr, wo nach dem zweiten Dürresommer in Folge sowieso schon schätzungsweise 20 Prozent weniger  Ertrag als in Durchschnittsjahren verzeichnet werde.

Das Schadbild der Waschbären ähnle dem von Vogelfraß, hieß es. Auch direkt in Meißen ist ein Waschbär in die Falle eines Winzers getappt und einem Jäger übergeben worden. Schon vor Jahren hatte ein Radebeuler Weinbauer auf Waschbären in einer Junganlage im Ortsteil Wahnsdorf hingewiesen. Öffentlich machte das zunehmende Problem der Winzer Steffen Schabehorn im vorigen Sommer. Waschbären hatten Teile einer seiner Rebanlagen in Coswig-Kötitz geplündert.

Landkreis Meißen stark betroffen

Der Weinbauverband Sachsen erklärte auf Anfrage: "Im Landkreis Meißen ist eine zunehmende Population von Waschbären zu verzeichnen - insbesondere dort, wo Wald als Rückzugsort zur Verfügung steht oder in Gewässernähe. Vereinzelt wurden sie auch in urbanen Lebensräumen beobachtet." Weiter erklärte Verbandschef Michael Thomas, für den betroffenen Winzer sei das ärgerlich, könne zu Ernteverlusten oder zusätzlichen Kosten führen. Die Schäden ließen sich jedoch nicht konkret beziffern. Winzer sollten bei Wildverbiss einen Jagdpächter zu Rate ziehen. Dabei gehe es immer um eine Abwägung von Kosten und Nutzen. "Auf die sächsischen Ernteergebnisse insgesamt haben Waschbären jedoch keinen entscheidenden Einfluss. Entscheidender sind vielmehr die Einflüsse der Witterung", so Verbandschef Thomas, der hauptberuflich im Staatsweingut Schloss Wackerbarth das Marketing verantwortet.

Erlegte Waschbären im Landkreis Meißen* 2010/11: 502
2011/12: 799
2012/13: 1.124
2013/14: 1.561
2014/15: 1.760
2015/16: 1.863
2016/17: 2.075
2017/18: 2.495
2018/19: 2.821

*Eine komplette Übersicht über Sachsen sowie Maßnahmen seitens des Umweltministeriums finden Sie in unserem Hintergrund:

Staatsweingut Wackerbarth stellt keine Fallen auf

Seinem Kollegen, dem Wackerbarth-Pressesprecher Martin Junge, bereiten die Waschbären kein Kopfzerbrechen: "Es freut Sie mit Sicherheit zu hören, dass wir auf unseren Rebflächen keine nennenswerten Ertragsverluste durch Wildtiere zu verzeichnen haben", erklärte er explizit nach Waschbären gefragt. "Zu unserem Verständnis eines naturnahen Weinbaus gehört ein gesundes Ökosystem im Weinberg. Das Vorhandensein von Wildtieren ist für uns ein Indikator für solch ein intaktes Ökosystem", so Junge weiter. Schäden versuche man durch Wildzäune oder Untergrabschutz zu verhindern. Waschbären kann das allerdings nicht fernhalten. Trotzdem stellt das Staatsweingut nach eigenen Angaben keine Fallen auf.

Der Geschäftsführer des Radebeuler Stadtweinguts Hoflößnitz, Jörg Hahn, sagte auf Nachfrage: "Wir haben nur punktuell Schäden in unseren Weinbergen, die durch Waschbären verursacht wurden." Gefangen worden seien aber keine Tiere, so der Chef von Sachsens einzigem Bio-Weingut.

Weintrauben
Süße Weintrauben sind für Waschbären unwiderstehlich. Winzer klagen über Ertragseinbußen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Ausbreitung seit dem 20. Jahrhundert

Der Waschbär wurde im 20. Jahrhundert als Pelztier aus Nordamerika nach Deutschland gebracht, in den 1930er-Jahren wurden Waschbären erstmals in Hessen ausgesetzt und breiteten sich massiv aus. Sie haben keine natürlichen Feinde, plündern Gärten, Weinberge oder Vogelnester und setzen so auch der heimischen Tierwelt zu. Dennoch plädiert der Naturschutzbund Deutschland für ein Miteinander zwischen Mensch und Waschbär und gibt Tipps für eine friedliche Koexistenz.

In Sachsen ist der Waschbär ganzjährig jagdbar. Laut sächsischem Umweltministerium wurden im Freistaat im sogenannten Jagdjahr 2018/19 in Sachsen 15.783 Waschbären zur Strecke gebracht, mehr als 2.800 davon im Landkreis Meißen und 228 in Dresden, also im Weinanbaugebiet Sachsen. Im Jagdjahr 2010/11 wurden im Anbaugebiet 522 Waschbären erlegt, 2.241 in ganz Sachsen.

Fleischvermarktung in Sachsen bisher unbekannt

Aus dem sächsischen Sozialministerium hieß es auf Anfrage, grundsätzlich könne Fleisch von erlegten Waschbären als Lebensmittel verzehrt werden. Voraussetzung für einen gesundheitlich unbedenklichen Verzehr ist unter anderem die Untersuchung auf Trichinen. In Sachsen wurden im Jahr 2018 und im ersten Halbjahr 2019 von Jägern 43 Proben von Waschbären zur Untersuchung auf Trichinen eingesandt. "Inwieweit diese Tiere dann tatsächlich auch der Verwendung als Lebensmittel zugeführt wurden, ist aber nicht bekannt", teilte ein Ministeriumssprecher mit. Es lägen den Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämtern keine Informationen über den tatsächlichen Verzehr oder mögliche Vertriebswege von den untersuchten Waschbären vor. Das erklärte auch das Landratsamt Meißen, das für die regionale Lebensmittelüberwachung im Weinanbaugebiet zuständig ist.

Im Internet finden sich Medienberichte über die Vermarktung von Waschbärfleisch in Deutschland sowie entsprechende Rezepte.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.09.2019 | 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2019, 06:00 Uhr

1 Kommentar

Dr. Norman Pohl vor 3 Wochen

"...um die tierschutzgerechte Entsorgung der invasiven Schädlinge gekümmert." Die Bildunterschrift benennt dann immerhin doch, worum es dabei geht, nämlich um das Töten des Tieres. Ein Wolf wird "entnommen", der Waschbär "tierschutzgerecht" "entsorgt", also wahrscheinlich aus nächster Nähe erschossen und der Kadaver anschließend der Tierkörperbeseitigungs- bzw. -verwertungsanstalt übergeben. Klingt natürlich nicht so niedlich, und das Wort "gekümmert" legt auch noch ein Mitfühlen nahe, soweit das bei "invasiven Schädlingen" eben gerade noch möglich ist. Literaturtip: "Der Naturschutz und das Fremde. Ökologische und normative Grundlagen der Umweltethik", von Uta Eser, erschienen 1998.

Mehr aus Meissen

Mehr aus Sachsen