05.02.2020 | 15:27 Uhr | Update Nach Druck von Maffay: Semperopernball-Verein erkennt al-Sisi Orden wieder ab

Kairo: Hans-Joachim Frey (l), künstlerischer Leiter des Semperopernballes aus Deutschland, gibt Abdel Fattah Al-Sisi, Präsident von Ägypten, die Hand nach der Übergabe des St.-Georgs-Orden im Präsidentenpalast
Ballchef Frey war extra nach Kairo geflogen, um dem ägyptischen Machthaber Abdel Fattah al-Sisi einen Orden des Ballvereins zu überreichen. Bildrechte: dpa

Der Dresdner Semperopernball-Verein macht die umstrittene Verleihung seines St.-Georgs-Ordens an Ägyptens Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi rückgängig. Ein Sprecher der beauftragten PR-Agentur sagte, die Auszeichnung im Bereich Politik und Kultur werde al-Sisi wieder aberkannt. Das habe Vereins- und Ballchef Hans-Joachim Frey am Dienstagabend nach einem Treffen mit Rocksänger Peter Maffay am Dienstag entschieden. Zuerst hatte die "Sächsische Zeitung" berichtet. Maffay, der für den Mitternachts-Act beim Ball gebucht ist, hat auf die Aberkennung bestanden.

Peter Maffay: Einziger Orden für al-Sisi nicht akzeptabel

Wir haben unseren Auftritt beim Semperopernball an die Bedingung geknüpft, dass dem ägyptischen Machthaber al-Sisi der St. Georgs Orden aberkannt wird. Aufgrund der Entschuldigung und der vollumfänglichen Distanzierung haben wir zunächst an der Zusage festgehalten, beim Ball aufzutreten. Zu diesem Zeitpunkt war aber nicht klar, dass auf dem Ball gar keine weiteren Preise verliehen werden. Der Orden an al-Sisi wäre also der einzige Preis im Jahr 2020 geblieben, was ihn geradezu aufgewertet hätte. Das konnten meine Band und ich nicht akzeptieren.

Peter Maffay Musiker

Wie die Aberkennung des etwa 8.000 Euro wertvollen St. Georgs-Ordens erfolgen soll, war bis zum Nachmittag nicht bekannt. "Über alles Weitere wird der Ballverein beraten", hieß es. Die Ehrung von al-Sisi vor gut einer Woche in Kairo hatte Unverständnis und Protest ausgelöst. Ballchef Frey wurde für seine Entscheidung kritisiert. Al-Sisi war nach einem Militärputsch an die Macht gekommen und geht hart gegen Kritiker und Oppositionelle vor,

Model und Unicef-Botschafterin Eva Padberg kommt nicht

Eva Padberg
Eva Padberg Bildrechte: imago/Future Image/ C. Niehaus

Model Eva Padberg hat am Mittwoch auf ihrem Instagram-Account ihre Teilnahme am Semperopernball ebenfalls abgesagt.

Sie wollte als Unicef-Botschafterin die weltweite Kinderhilfe der Vereinten Nationen thematisieren. Sie befürchtet nach eigenen Angaben nun, dass dieses Anliegen durch die Diskussion um den Ball in den Hintergrund rücken würde, schrieb sie.

Der MDR, der den Semperopernball am Freitag überträgt, hatte die Preisverleihung an al-Sisi ebenfalls bereits vorige Woche kritisiert.

Aus der Laudatio an Abdel Fattah al-Sisi "Mit Abdel Fatah al-Sisi ehren wir eine Persönlichkeit und einen Staatsmann, der als Präsident der Afrikanischen Union und ägyptischer Staatspräsident Hoffnungsträger und Mutmacher eines ganzen Kontinents ist. In herausragender Weise zeigt sich Abdel Fatah El-Sisi als Brückenbauer und Friedensstifter in der von schweren Krisen gekennzeichneten nordafrikanischen Region, sucht den Dialog mit allen Parteien und ist für die Menschen und ihre Hoffnungen ein Anker."

Absagen und Korrekturen im Programm

Die als Moderatorin engagierte "Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers sagte ab, wie auch die für sie eingesprungene BRISANT-Moderatorin Mareile Höppner. Schlagersänger Roland Kaiser distanzierte sich, entschied sich nach der Entschuldigung von Frey aber doch, durch den Abend zu führen. Wer nun an der Seite Kaisers moderieren wird, das will der Verein erst am Freitag bekanntgeben.

Nach Absagen von Preisträger und SAP-Gründer Dietmar Hopp und Fußballmanager Uli Hoeneß als Laudatoren hatte der Ballverein erklärt, dass es keine weiteren Ehrungen geben und komplett auf die Ordensverleihung verzichtet werde. Ursprünglich war ein weiterer Orden als "Sachsen-Preis" für den Chemnitzer Unternehmer Hans Jürgen Naumann vorgesehen. Naumann war vor einigen Jahren durch abfällige Bemerkungen über Afroamerikaner in einem Zeitungsinterview aufgefallen, hatte seine Äußerungen später als missverständlich relativiert.

"Moka Efti Orchestra" will nicht auftreten

Auch das "Moka Efti Orchestra", bekannt aus der Fernsehserie "Babylon Berlin", hatte seinen Auftritt abgesagt. Die Band sollte gemeinsam mit dem MDR SINFONIEORCHESTER den Song "Zu Asche, Zu Staub" aufführen. Das Lied thematisiere den sogenannten Tanz auf dem Vulkan am Ende der 1920er-Jahre, den Untergang der Weimarer Demokratie und das Heraufziehen des Totalitarismus.

Wir sehen uns klar in der Verantwortung für Erhalt und Förderung von Menschenrechten und Demokratie. In diesem Zusammenhang sind wir fassungslos und betrübt, dass der Semperopernball-Verein dem ägyptischen Präsidenten al-Sisi vor einer Woche den St.-Georgs-Orden überreicht hat. Wir können und werden uns nicht einspannen lassen für die Rehabilitierung eines Autokraten, der international zurecht kritisiert wird für sein hartes Vorgehen gegen Oppositionelle und Kritiker, und der außerdem die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Ägypten stark einschränkt.

Moka Efti Orchestra

Verein "Tolerave" und Band "Banda Comunale" protestieren mit "Seifenopernball"

Aus Protest gegen die Ordensverleihung an al-Sisi planen der Verein Tolerave und die Band "Banda Comunale" den eher satirisch angelegten 1. Dresdner Seifenopernball. Dieser soll am Freitag vom Alaunpark zum Schlossplatz ziehen. Der Verein erklärt: "Für einen richtigen Ball muss natürlich auch ein gemeinsamer Einlauf sein." Tolerave ist ein Bündnis von Dresdner Kulturschaffenden aus dem Bereich der elektronischen Musik und zivilgesellschaftlichen Akteuren, das sich seit Jahren mit Musik für ein weltoffenes und buntes Dresden engagiert und "dem Klima der Fremdenfeindlichkeit und Ignoranz etwas entgegensetzen will".

Dass ausgerechnet er (al-Sisi, Anmerkung der Redaktion) einen Orden verliehen bekommt, weil er 'für Stabilität in der Region sorge' ist Hohn und Spott für alle, die unter Autokraten wie ihm zu leiden haben. Dabei ist es nicht so, dass sich in Dresden keine Menschen oder Initiativen finden würden, deren Engagement für Frieden, Menschenrechte oder eine lebenswürdige Zukunft einen Orden verdient hätte.

Tolerave e.V.

Amnesty International plant Mahnwache

Amnesty International Sachsen will unterdessen vor dem Opernhaus am Freitag zwischen 16 und 20 Uhr eine Mahnwache abhalten. Sprecher Wassily Nemitz betont: "Es ist nicht unser Ziel, Gäste des Balls zu beschimpfen oder zu verunglimpfen." Die Kritik richtet sich gegen Ballchef Frey, der den Orden an al-Sisi verliehen hat.

Zwar hat sich Hans-Joachim Frey als Vorsitzender des Semperopernball-Vereins für die Preisverleihung im Nachhinein entschuldigt. Es erscheint aber wenig glaubhaft, dass er von den Vorwürfen gegenüber al-Sisi zuvor noch nie etwas gehört hat. Die Verleihung des Ordens kann somit entweder nur als absolut naiv oder aber als Missachtung gegenüber grundlegenden Menschen- und Bürgerrechten interpretiert werden. Beides wäre in hohem Maße bedenklich.

Wassily Nemitz Amnesty International

Das bietet der Semperopernball

Quelle: MDR/lam/dk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 05.02.2020 | 05:00 Uhr in den Nachrichten

68 Kommentare

Anita L. vor 42 Wochen

Na dann fasse ich Ihnen die Lösungsansätze aus meinen Beiträgen zusammen, sehr geehrter *Ernst678*: Nicht Terror hinter Terrorbekämpfung verstecken; Aufbau demokratischer Strukturen; keine Verletzung der Menschenrechte, um die eigene Machtposition zu stärken. Amnesty International fasst es folgendermaßen zusammen: “During his time in power President Abdel Fattah al-Sisi has demonstrated a shocking contempt for human rights. Under his leadership the country has undergone a catastrophic decline in rights and freedoms,” (Najia Bounaim, Amnesty North Africa Campaigns director). Es ist keine akzeptable Strategie, sich acht Jahre lang hinter falschen Gründen zu verstecken. Diese zeigen nur, dass es Herrn al-Asisi nicht um den Kampf gegen Fundamentalismus geht, weshalb man ihm diesen auch nicht zugute halten kann. Und ganz bestimmt sollte man solchen "an die Macht gespühlten(!)" Despoten nicht auch noch Orden verleihen. Es reicht, dass man auf politischer Ebene mit ihnen agieren muss.

Anita L. vor 42 Wochen

"es ging darum ob noch ein bischen Demokratie gerettet wird"
Und genau das ist eben nicht passiert, es wurde eine Terrorherrschaft von der nächsten abgelöst. Von Demokratie ist Ägypten selbst im Empfinden der Ägypter weit entfernt. Statt für stabile demokratische Strukturen zu sorgen, hat Herr al-Asisi in den letzten acht Jahren nur darauf hingearbeitet, seine Machtstellung zu festigen und jede Opposition (die nicht per se islamistische oder fundamentalistische Züge hat) zu unterdrücken. Das muss man nicht noch durch einen Orden belobigen, es reicht, dass auf politischer Ebene der diplomatische Spagat zwischen berechtigter Kritik (Herr Lammert sagte einen Besuch ab, Frau Merkel und Herr Steinmeier thematisieren in Gesprächen die Menschenrechtsverletzungen) und notwendiger Zusammenarbeit geleistet werden muss.
Warum der Verein die Absage von Herrn Maffay nicht wie den Rücktritt der anderen Gäste und Moderaten zur Kenntnis nimmt, kann Ihnen wahrscheinlich nur der Verein beantworten.

Dynamo vor 42 Wochen

Nur mal so nachgefragt, sind nach den vielen Absagen von Künstlerinnen und Künstlern, eigentlich noch ein paar wenige übrig geblieben ? Wie ich schon einmal geschrieben habe, ist es nicht besser, diesen Sempernoperball, der morgen über die Bühne geben soll, ganz kurzfristig abzusagen ? Eine kurze Begründung dazu, erledigt ist das Ganze. So werden aber unter Garantie Fragen aufkommen wie, die Künstlerin oder der Künstler wollte und sollte doch auftreten, und wo sind sie jetzt geblieben. Gut, jeder blamiert sich, wie es ihm gefällt. Aber das mit dem Blamieren ist mit über 100 % längst erfüllt. Mein Wunsch an alle Dresdener und Gäste, macht am 07.02.2020 in den Abendstunden einen großen Bogen um den Theaterplatz. Sonst melden die Medien am 08.02.2020, trotz vieler Quellereinen kamen Tausende auf den Theaterplatz und feierten trotz Kälte mit. 06.02.2020, 11:59

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