Eine Jacke und ein Hemd auf einer Modepuppe, im Hintergrund hängen Design-Skizzen an der Wand.
Rotkäppchen und der Wolf auf einem Hemd, entworfen von Nadja Herklotz. Im Hintergrund sind ihre Skizzen zu sehen. Bildrechte: MDR SACHSEN

Nachhaltigkeit Mode aus Sachsen: Slow statt Fast Fashion

Ein T-Shirt, das weniger kostet als ein großer Kaffee. Ein Kleid zum Preis von einem Eisbecher. Was erzählt dieser Preis über das Leben derer, die diese Kleidung herstellen? Die Modeindustrie lebt von denen, die am wenigsten haben, um den größtmöglichen Profit zu erzielen. Doch es geht auch anders: Einige sächsische Designer und Labels setzen inzwischen auf Slow statt auf Fast Fashion.

von Susann Schädlich

Eine Jacke und ein Hemd auf einer Modepuppe, im Hintergrund hängen Design-Skizzen an der Wand.
Rotkäppchen und der Wolf auf einem Hemd, entworfen von Nadja Herklotz. Im Hintergrund sind ihre Skizzen zu sehen. Bildrechte: MDR SACHSEN

52 Mal im Jahr bringen Global Player wie Zara, H&M oder Primark eine neue Kollektion auf den Modemarkt. Der Verbraucher soll kaufen, was er eigentlich gar nicht benötigt. Ist das neue Shirt nach wenigen Wochen kaputt, kann es günstig und schnell ersetzt werden. Den Preis für diese "Fast Fashion", die schnell und nicht nachhaltig hergestellte Mode, zahlt nicht etwa der Kunde, wenn er drei Euro für ein T-Shirt über die Theke reicht, sondern die Näherinnen und Näher in Produktionsländern wie China, Bangladesch und der Türkei.

Neun von zehn Kleidungsstücken aus dem Niedriglohnsektor

Slow Fashion - Modestudentin Nadja Herklotz
Nadja Herklotz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Mode hat ihren Wert verloren", meint auch die Dresdner Modedesign-Studentin Nadja Herklotz. "Das ist ein Alltagsgegenstand geworden, den sich jeder schnell leisten kann. Und viele wissen gar nicht, wie viel Arbeit steckt denn in so einem T-Shirt? Wie viele Leute sind daran beteiligt? Wo kommt das Material her? Wo wurde es gefertigt?", sagt sie. Eigentlich liebt die angehende Designerin Kleidung. Den Regeln des Massenkonsums will sie sich aber nicht unterwerfen. Dass noch immer neun von zehn Kleidungsstücken in Deutschland aus Ländern mit niedrigen Lohn- und Produktionskosten kommen, ärgert die junge Frau. Als im bangladeschischen Sabhar 2013 eine Textilfabrik einstürzte und hunderte Menschen unter den Trümmern begrub, zeigten sich weltweit die Schattenseiten dieses Massenkonsums. 1.127 Menschen starben, 2.438 wurden zum Teil schwer verletzt. Erst diese Katastrophe war es, die den Blick der Öffentlichkeit für die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen schärfte, unter denen ein Großteil der Mode entsteht.

Slow statt Fast Fashion

Deswegen entwirft und fertigt die Modestudentin Nadja Herklotz ihre Abschlusskollektion im Fach Modedesign an der Fachhochschule Dresden nach dem Slow-Fashion-Prinzip. Ihre Mode soll - soweit es irgendwie geht - nachhaltig sein. Statt günstigem Polyester und Elastan kommen bei ihr Biobaumwolle, recyceltes PET und Alpaka-Wolle zum Einsatz. Dabei weiß sie ganz genau, woher ihre Materialien stammen und, dass sie unter fairen Bedingungen produziert wurden. Dennoch stößt die Jungdesignerin bei ihrer Arbeit auch an Grenzen. "Bei Reißverschlüssen, Gummis und Bändern ist der Markt noch nicht so erschlossen, dass es alles nachhaltig produziert gibt, was man haben möchte als Designer", erklärt sie. "Da muss man sich halt Gedanken machen, wie kann ich es trotzdem umsetzen, dass es noch meiner Idee entspricht." Für Nadja heißt das unter anderem, nach kreativen Lösungen zu suchen. Stoffe ihrer Kollektion hat sie deshalb selbst gefärbt. In die Innenseite einer Jacke näht sie beispielsweise Alpakawolle als Futter statt üblicher Materialen.

80 Prozent aller Leder sind chromgegerbt

Anne-Christin Bansleben und ihre Kollegen haben die Idee von der sauberen, nachhaltigen Mode bereits erfolgreich umgesetzt. Seit 2010 vertreiben sie unter dem Label "deepmello" nachhaltig und ohne Chromsalze gegerbtes Leder. "80 Prozent aller Leder sind chromgegerbt. Chrom ist ein Schwermetall, eine Umweltchemikalie und viele Leute sind mittlerweile auch Allergiker dagegen", erläutert Bansleben. "Das heißt, sie können Produkte aus Leder gar nicht mehr tragen, ähnlich wie das bei Nickelallergikern der Fall ist."

Lederwaren kommen per Schiff aus Asien und Afrika

Slow Fashion - Anne-Christin Bansleben
Anne-Christin Bansleben Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die meisten Lederwaren werden aus Asien und Afrika fertig nach Deutschland verschifft. Die Gerbung erfolge dort unter menschenunwürdigen Bedingungen. Dabei fallen umweltschädliche Substanzen an, Abwässer würden mit Schwermetallen verseucht, sagen die Modemacher. "Für die Arbeiter dort gibt es natürlich keinerlei Arbeitsschutz. Das heißt, die Leute stehen direkt in den Gerblösungen drin. Beim Einatmen ist das krebserregend. Das heißt, da wird auch kaum jemand älter als 40. Und auch Kinderarbeit ist ein großes Problem", weiß Anne-Christin Bansleben.

Eigentlich stammt Bansleben aus der Wissenschaft, forschte an der Hochschule Anhalt gemeinsam mit Professor Ingo Schellenberg zum Thema Pflanzenanalyse. Die Forscher entdeckten, dass sich die Inhaltsstoffe der Rhabarberwurzel genauso gut zum Gerben eignen wie Chromsalze - nur ohne dabei die Umwelt zu schädigen. Inzwischen gibt es nicht nur eigene Mode- und Accessoire-Linien aus dem Rhabarberleder von "deepmello" und einen Shop in Leipzig. Das Leder ist bei Händlern in ganz Europa gefragt. Auch große Modeketten wollen gemeinsam mit "deepmello" Teile ihrer Kollektion nachhaltig produzieren.

Das Leder wird dabei zu 100 Prozent in Deutschland hergestellt. Der Rhabarber wächst auf Feldern in Sachsen-Anhalt, die Häute stammen von deutschen Milch-und Fleischkühen aus artgerechter Haltung. "Wir kennen all unsere Produktionspartner und -stätten persönlich", versichert Bansleben. Das gute Gewissen hat seinen Preis. Nachhaltig produzierte Mode kostet schon allein der fairen Löhne wegen mehr als konventionelle.

In einer Schale liegen Rhabarberwurzeln, die sich zum Gerben eignen.
Rhabarberwurzeln sind zum Gerben geeignet. Ein Label aus Bernburg nutzt den Naturstoff. Bildrechte: MDR/Susann Schädlich

Herkunftskennzeichnung für Kleidung gefordert

Slow Fashion - Second Hand
Second Hand - das ist nachhaltig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Joachim Baumgartner, Professor für Modedesign an der Fachhochschule Dresden, warnt aber davor, die Nachhaltigkeit eines Produkts am Preis ablesen zu wollen. "Als Endverbraucher oder selbst als Spezialist ist es extrem schwierig das herauszufinden", sagt er. Auch hochpreisigere Labels produzierten größtenteils nicht nachhaltig. "Eigentlich müssten die Kleidungsstücke mit einem QR-Code versehen sein, damit man erkennt, woher sie stammen und woraus sie bestehen", meint er. "Slow Fashion" für den schmalen Geldbeutel gibt es in vielen Second Hand-Shops. So auch bei "Hilde tanzt" von Anna Hopperdietz in Leipzig. Jedes Teil in ihrem kleinen Laden ist ein Einzelstück, das die Chefin selbst auf Flohmärkten, bei Wohnungsauflösungen oder einfach nur durch Zufall aufgestöbert hat. "Second Hand ist natürlich nachhaltig, weil es schon mal da war", erklärt Hopperdietz." Weil es etwas sei, was andere wegschmeißen wollten. "Für wieder andere ist das aber ein Schatz, der so wertvoll ist, dass er weitergetragen werden kann", schwärmt sie.

Verbraucher hat Einfluss

Slow Fashion - Anna Hopperdietz
Anna Hopperdietz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit viel Liebe sortiert und drapiert die zierliche Blondine die ausgesuchten Stücke im Laden, bügelt jedes Teil, lädt die Kunden zum Kaffee und einem persönlichen Gespräch ein. Auch für sie selbst ist das Persönliche sehr wichtig. "Natürlich kommt es auch vor, dass ich mal in einer großen Kette bin. Aber dann fühle ich mich danach eigentlich immer schlecht", gibt sie zu. "Für mich zählen da andere Dinge. Wo ich zum Beispiel mein Geld lasse. Ich brauche eben das Kleine, den direkten Bezug. Dass ich spüren kann, wo ich mein Geld direkt lasse", meint Hopperdietz. Denn egal ob Second Hand oder neuproduzierte, nachhaltige Kleidung: Damit sich in den Abläufen der Textilindustrie etwas ändert, müssen nicht nur Produzenten und Verkäufer den Wert von Mode neu definieren. Auch der Verbraucher solle dabei seinen Einfluss nicht unterschätzen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 22.02.2019 | 19 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.02.2019 | ab 10:30 Uhr in den Nachrichten

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Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 20:55 Uhr

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2 Kommentare

22.02.2019 14:10 Sonja 2

also ich weiß ja nicht , aber mansche Mode sieht unmöglich aus, paßt Farbenmäßig garnicht zusammen und einige junge Leute sehen aus wie die begrabene 'Großmutter statt sich jung und fech sich anzuziehen, wir hatten eine wunderbare Mode zu DDR- Zeiten, wo die jungen Mädels und Frauen klasse ausgesehen haben ,
alles leider für immer vorbei.......

22.02.2019 11:12 Sächsin 1

Es gibt auch in Südwestsachsen sächsische Modelabel. Zwickau lohnt sich meiner Meinung nach sehr gut zum Einkauf modischer Stücke und Textilien. Auch in Stolberg sind sächsische Modelabel angesiedelt. Schade, dass das in Vergessenheit gerät.

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