Landgericht Dresden Lange Haftstrafen für Mord an Anneli

Es war eine dilettantisch geplante Tat und am Ende musste eine junge Frau sterben. Ein Jahr nach der Entführung und Ermordung der 17 Jahre alten Unternehmertochter Anneli aus der Nähe von Meißen ergeht das Urteil gegen die beiden Täter. Die Suche nach der Wahrheit gestaltete sich schwierig.

Richter Birger Magnussen (l-r), die Vorsitzende Richterin am Landgericht Dresden, Birgit Wiegand, und Richterin Susanne Limpricht stehen am 05.09.2016 in einem Verhandlungssaal im Landgericht in Dresden (Sachsen). Das Dresdner Landgericht verurteilte die beiden Entführer der Unternehmertochter Anneli-Marie wegen Mordes in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub mit Todesfolge
Richter Birger Magnussen, die Vorsitzende Richterin am Landgericht Dresden, Birgit Wiegand, und Richterin Susanne Limpricht (v.l.n.r.) bei der Urteilsverkündung. Bildrechte: dpa

Die Entführer der 17 Jahre alten Anneli aus Klipphausen bei Meißen sollen lebenslang beziehungsweise für achteinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Dresdner Landgericht verurteilte Markus B. und Norbert K. am Montag wegen Mord in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub mit Todesfolge. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die beiden Männer das Mädchen in ein Auto gezogen und entführt haben.

Bei Markus B. wurde zudem eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Er hatte die Gymnasiastin nach Ansicht der Richter brutal mit einer Plastiktüte, Kabelbindern und Spanngurt erstickt. Sein Komplize Norbert K. wurde des Mordes durch Unterlassen schuldig befunden, weil er die Tat nicht verhindert hat. Gegen das Urteil ist Revision möglich. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung hielten sich diesen Weg zunächst offen.

Regungslos bei Urteilsverkündung

Markus B. und Norbert K. nahmen das Urteil regungslos entgegen. Auch die Familie ihres Opfers - Annelis Mutter, Vater, Schwester und Bruder - blieben bei der Verkündung äußerlich gefasst. Nach dem Richterspruch wollten sie sich nicht öffentlich äußern.

Anneli war am Abend des 13. August 2015 in der Nähe ihres Elternhauses bei Meißen entführt worden. Die Täter verlangten von ihrem Vater - einem Bauunternehmer - 1,2 Millionen Euro Lösegeld. Die Geldübergabe kam nicht zustande. Schon einen Tag nach ihrer Entführung war Anneli tot. Was genau in den Stunden von Annelis Tod passierte, bleibt auch weiterhin eine offene Frage. Später haben beide das tote Mädchen über eine Mauer geworfen und mit Sand bedeckt.

Die beiden Angeklaten im Mordfall Anneli sitzen mit ihren Anwälten im Landgericht Dresden.
Seit Mai standen die beiden Täter vor Gericht. Bildrechte: MDR/xcitePRESS

Staatsanwaltschaft hatte höhere Strafen gefordert

Das Gericht folgte mit dem Urteil nur teilweise den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Diese hatten für beide Angeklagte eine Verurteilung wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge - im Fall des Hauptangeklagten Markus B. in Tateinheit mit Mord zur Verdeckung einer Straftat gefordert. Sein Komplize sollte 15 Jahre hinter Gitter. Stundenlang war er allein mit ihr. Da der 62-Jährige aber bei der Aufklärung half, Reue zeigte und im Gegensatz zu Markus B. nicht vorbestraft ist, hatte die Staatsanwaltschaft auf 15 Jahre plädiert.

Chronologie Der Fall Anneli

Am 13. August 2015 verschwindet die 17-jährige Anneli beim Spaziergang mit ihrem Hund nahe der Ortschaft Luga bei Meißen spurlos. Tagelang sucht die Polizei nach dem Mädchen. Dann wird Anneli tot gefunden.

Bäume stehen an einem Feldweg
Donnerstag, 13. August 2015 Die 17-jährige Anneli verlässt am 13. August 2015 gegen 19:20 Uhr ihr Elternhaus in einem Dorf bei Meißen, um mit ihrem Hund Gassi zu gehen. Gegen 20 Uhr erhält der Vater des Mädchens einen Anruf von den Entführern seiner Tochter. Sie fordern 1,2 Millionen Euro Lösegeld und drohen mit dem Tod des Mädchens. Der Unternehmer macht sich daraufhin selbst auf die Suche nach seinem Kind, findet aber etwa zwei Kilometer vom Wohnhaus entfernt auf einem Feldweg zwischen Luga bei Meißen und der Bundesstraße 101 nur das Fahrrad und den angebundenen Hund. Die Mutter des Mädchens benachrichtigt die Polizei. Bildrechte: dpa
Bäume stehen an einem Feldweg
Donnerstag, 13. August 2015 Die 17-jährige Anneli verlässt am 13. August 2015 gegen 19:20 Uhr ihr Elternhaus in einem Dorf bei Meißen, um mit ihrem Hund Gassi zu gehen. Gegen 20 Uhr erhält der Vater des Mädchens einen Anruf von den Entführern seiner Tochter. Sie fordern 1,2 Millionen Euro Lösegeld und drohen mit dem Tod des Mädchens. Der Unternehmer macht sich daraufhin selbst auf die Suche nach seinem Kind, findet aber etwa zwei Kilometer vom Wohnhaus entfernt auf einem Feldweg zwischen Luga bei Meißen und der Bundesstraße 101 nur das Fahrrad und den angebundenen Hund. Die Mutter des Mädchens benachrichtigt die Polizei. Bildrechte: dpa
Ein Hinweisschild "Luga" (Sachsen) steht an einer abzweigenden Straße bei Luga.
Freitag, 14. August 2015 Am frühen Freitagmorgen stürmt ein Sondereinsatzkommando mit 60 Beamten einen Bauernhof in Luga. Zu diesem Zeitpunkt ist der Öffentlichkeit der Grund des Einsatzes noch unklar. Er sei Teil größerer Ermittlungen, zu denen zunächst keine Angaben gemacht werden könnten, heißt es von der Polizei. Erst am Sonntag bestätigt die Polizei, dass ein Spürhund die Einsatzkräfte zu dem Hof geführt hat. Das Mädchen wird nicht gefunden. Gegen 12 Uhr nehmen die Entführer noch einmal Kontakt mit den Eltern des Mädchens auf und wiederholen ihre finanziellen Forderungen. Das Geld soll per Online-Banking überwiesen werden, was allerdings nicht möglich ist. Ein Lebenszeichen von dem entführten Mädchen lehnen die Entführer ab. Nach dem Telefonat bricht der Kontakt ab. Bildrechte: dpa
Erklärung der Eltern der vermissten Anneli-Marie aus Meißen
Sonntag, 16. August 2015 Staatsanwaltschaft Dresden und Polizei gehen mit einem Fahndungsaufruf an die Öffentlichkeit. Mit Foto und Personenbeschreibung sucht die Polizei nach Zeugen. Zugleich wenden sich die Eltern in einem offenen Brief an die Entführer ihres Kindes. Bildrechte: Polizei Sachsen
Ein Polizist führt einen mit Handschellen gefesselten Mann ab
Montag, 17. August 2015 Durch DNA-Spuren an Annelis Fahrrad ist ein Tatverdächtiger ins Visier der Ermittler geraten. Gegen 4:30 Uhr nimmt die Polizei in Dresden einen 61 Jahre alten Verdächtigen fest. Drei Stunden später klicken in einem Ort bei Bamberg die Handschellen bei einem 39-Jährigen. Dort finden die Beamten ein silbernes Auto, auf das Zeugen die Polizei aufmerksam gemacht haben. (Symbolfoto) Bildrechte: dpa
Ein Polizeiauto steht am Straßenrand.
Montag, 17. August 2015 Die Aussage des 61-jährigen Dresdners führt die Polizei auf ein Gehöft in Lampersdorf - wenige Kilometer entfernt von dem Ort, an dem die 17-Jährige verschwunden war. Bildrechte: MDR/Dan Hirschfeld
Die Spurensicherung der Polizei arbeitet 2015 in Lampersdorf auf einem Bauernhof.
Montag, 17. August 2015 Auf dem Hof in Lampersdorf durchsucht die Polizei im Laufe des Tages unter anderem Container mit Bauschutt. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera ist im Einsatz. Beamte durchkämmen die Umgebung des Hofes. Bildrechte: dpa
Polizeifahrzeug steht 2015 vor einem abgesperrten Gelände an einem Bauernhof in Lampersdorf.
Montag, 17. August 2015 Am Montagabend finden die Ermittler auf dem Hof die Leiche einer jungen Frau. Um 22:30 Uhr steht für die Beamten fest: Dem Augenschein nach handelt es sich um die vermisste 17-jährige Anneli. Bildrechte: dpa
Teilnehmer der Pressekonferenz sitzen an einem Tisch.
Dienstag, 18. August 2015 Auf einer Pressekonferenz in Dresden geben Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt, dass die 17-jährige Anneli getötet wurde. Tatverdächtig sind die beiden festgenommenen 39 und 61 Jahre alten Männer. Wie Anneli zu Tode kam, ist noch nicht geklärt. Ihre Leiche wird seit Dienstagmorgen in der Gerichtsmedizin untersucht. Bildrechte: MDR/Christian Essler
Evangelisch-Lutherische Kirche Sora
Freitag, 21. August 2015 In der Dorfkirche von Sora bei Meißen kommen 200 Menschen zu einer Trauerandacht für die ermordete Gymnasiastin zusammen. Am 29. August wird Anneli in Sora beerdigt. Bildrechte: dpa
Blumen und Kerzen liegen 2015 an der Einfahrt eines Bauernhofes.
Donnerstag, 28. Januar 2016 Die Staatsanwaltschaft Dresden erhebt Anklage wegen erpresserischen Menschenraubes gegen die Tatverdächtigen. Bei dem inzwischen 40-Jährigen geht sie von Mord aus. Bildrechte: dpa
Angeklagter im Mordprozess Anneli wird ins Gericht geführt
Montag, 30. Mai 2016 Am Landgericht Dresden beginnt der Prozess gegen die beiden Tatverdächtigen. Bildrechte: MDR/xcitePRESS
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Verteidigung fehlen Beweise

Die Verteidigung hatte im Prozess erklärt, keinem der beiden Angeklagten könne der Mord an Anneli nachgewiesen werden. Dem Anwalt von Markus B. fehlten die Beweise für gemeinschaftliches Handeln. Deshalb hatte er für den juristischen Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten" plädiert. Die Verteidigung forderte zwölf Jahre Freiheitsstrafe wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge für B. sowie auf vier Jahre und fünf Monate wegen Beihilfe für K..

Komplize will von Mord nichts gewusst haben

Über die aus Sicht der Ermittler "dilettantisch geplante" Entführung von Anneli hatte nur der ältere Angeklagte Norbert K. geredet. In einer Vernehmung räumte er ein, das Tatfahrzeug gefahren zu haben. Die Entführung geplant habe aber Markus B. allein. Auch soll B. es gewesen sein, der das Mädchen tötete – aus Angst, nach dem unmaskierten Übergriff auf die 17-Jährige von ihr als Täter identifiziert zu werden.

B. drücken Lügen und Schulden

Der Hauptangeklagte Markus B. schwieg während des Prozesses. Zeugen zeichneten das Bild eines Mannes, der sein Leben auf Lügen aufgebaut hatte. Aus den Schilderungen seiner Ehefrau vor Gericht ging hervor, dass der 40-Jährige sein Umfeld offenbar über Jahre getäuscht, sein Studium ebenso erfunden hatte wie die Aussicht auf eine Erbschaft in Millionenhöhe. Ein früheres Gutachten bescheinigte dem Angeklagten "durch besondere Kaltblütigkeit kaschierte niedrige Verletzbarkeitsschwelle, durch Großspurigkeit überdecktes Versagen, ein gestörtes Selbstwertgefühl und massive Unempfindlichkeit gegenüber von ihm geschädigten Personen".

Nach Auffassung der Ermittler drückten den Vater zweier Söhne die Schulden – das Problem wollte er offenbar zunächst mit der Erpressung von Supermärkten lösen. Nachdem das Vorhaben scheiterte, versuchte er mit der Entführung Annelis an 1,2 Millionen Euro zu kommen.

Annelis Vater fordert Wahrheit und Gerechtigkeit

Dass die Angeklagten sich im Gericht nicht zu den Vorwürfen äußerten, empfand Annelis Familie als große Belastung. "Reden Sie!" und "Stehen Sie zu Ihrer Tat!", rief Annelis Vater im Prozessverlauf den Beschuldigten auf der Anklagebank zu. Den Verlust seines jüngsten Kindes beschrieb er als "nicht zu beschreibende Belastung" für die ganze Familie. "Wir haben Anspruch auf Rache und Sühne, Genugtuung und Gerechtigkeit."

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2016, 09:58 Uhr