Psychische Erkrankungen Sechste Stunde Seelenkunde

Das Projekt "Verrückt? Na und!" will jungen Menschen Berührungsängste gegenüber psychisch erkrankten Menschen nehmen und über seelische Krisen aufklären. Betroffene wie der Dresdner Maik Eßlinger fungieren dabei als "Eisbrecher".

von Jane Jannke

Schüler in der Projektarbeit.
Keine Angst vor seelischen Erkrankungen: Schüler lernen den Umgang mit seelischen Erkrankungen. Bildrechte: Irrsinnig Menschlich

Zum ersten Mal an diesem Tag ist es in der Klasse 8b der Oberschule Kötzschenbroda absolut still. Die Schüler sitzen rings um einen kleinen Schrein am Boden: Hagebuttenranken, ein SOS-Köfferchen, gefüllt mit Utensilien, die helfen sollen, wenn es einem so richtig mies geht. Mittendrin –  Maik Eßlinger. Der Grund für die Stille im Raum ist seine Geschichte. Eßlinger leidet an Dysthymie mit dependenter Persönlichkeitsstörung – eine Form der Depression mit Tendenz zur Abhängigkeit von einer bestimmten Person. Dass er krank ist und die Krankheit sogar einen Namen hat, weiß er seit einem gescheiterten Selbstmordversuch und einem anschließenden sechswöchigen Aufenthalt in der Psychiatrie. Kurz darauf beginnt sein Dasein als sogenannter "persönlicher Experte" für das Aufklärungsprojekt "Verrückt? Na und!". Die Zielgruppe: Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene. Das Ziel: ein Bewusstsein schaffen für seelische Krisen und psychische Erkrankungen, Berührungsängste abbauen, Toleranz fördern.

Tabu psychische Erkrankung

Schüler in der Projektarbeit.
Mit einfachen Rollenspielen führt das Projekt in die Thematik ein. Bildrechte: Irrsinnig Menschlich

"Psychische Erkrankungen sind noch immer allzu oft tabu- und mit dem Stigma des 'Verrückten' behaftet", weiß Projektleiterin Nicole Trenkmann, die 2014 die Dresdner Regionalgruppe des inzwischen bundesweit aktiven Projekts ins Leben rief. "Wir wollen junge Menschen ermutigen, sich frühzeitig bei Problemen zu öffnen und um Hilfe zu bitten, statt sich zurückzuziehen." Trenkmanns Vision: Irgendwann sollen junge Menschen mit mentalen Problemen völlig unbefangen umgehen und auf Hilfsbereitschaft treffen statt auf Ablehnung. Mittlerweile arbeitet die 45-Jährige mit sechs persönlichen Experten wie Maik Eßlinger, die die unterschiedlichsten mentalen Krankheitsbilder aufweisen - von der Depession bis zum Borderline Syndrom. Gemeinsam gestalten sie sechsstündige Workshops an Oberschulen und Gymnasien.

Die Kötzschenbrodaer Schüler bilden Gruppen, die sich mit den Themen "Klassenklima", "Mobbing" und "Depression" beschäftigen - Dinge, die häufig eng miteinander verknüpft sind. Am Ende stehen die Präsentationen. Wie fühlt sich eine Depression an? Und was mache ich, wenn alles nur noch sinn- und ausweglos scheint? Für fast alle der Mädchen und Jungen ist es der erste Kontakt mit dem Thema seelische Gesundheit. Dennoch ist Nicole Trenkmann immer wieder erstaunt, wie viel die Jugendlichen über psychische Erkrankungen doch bereits wissen. "'Verrückt? Na und!' zeigt Lösungswege direkt aus der Lebenswelt der Schüler, will aber auch den Weg zu professionellen Hilfsangeboten für den Ernstfall weisen", so die Pädagogin.

'Verrückt? Na und!' ist für mich eine Art Therapie.

Maik Eßlinger Betroffener
Persönlicher Experte Maik Eßlinger im Gespräch mit den Schülern.
Wenn Maik Eßlinger erzählt, herrscht gespannte Ruhe im Klassenzimmer. Bildrechte: MDR/Jane Jannke

Als Letztes ist Maik an der Reihe. Sichtlich aufgewühlt erzählt der 31-Jährige von dem Grauschleier, der seit jeher über seinen Gedanken lag, von der bedingungslosen Liebe zur Freundin und dem schwarzen Nichts, das sich auftat, als sie sich von ihm trennte. Den totalen Absturz überlebt er nur mit viel Glück. Bis heute nimmt er Medikamente - um neue Tiefs zu vermeiden. "In der Klinik beschloss ich, nur noch ehrlich mit meiner Krankheit umzugehen", erzählt Maik. Einmal pro Monat steht er vor Schulklassen in Dresden und Umgebung. In Radebeul-Kötzschenbroda erntet er offenen Respekt und anerkennende Worte von den Schülern.

"Am spannendsten ist immer das Erstaunen der Schüler darüber, dass sie den Betroffenen aufs bloße Ansehen hin ihre Erkrankung gar nicht zugetraut hätten", verrät Nicole Trenkmann. Ein erwünschter Lerneffekt. Fast alle persönlichen Experten haben studiert, eine Familie gegründet, stehen mitten im Leben. Auch Maik geht ganz normal arbeiten, lebt wieder in einer glücklichen Beziehung, plant Kinder. Nur manchmal, an schlechten Tagen muss er einen Workshop absagen. Depression bleibt eine ernstzunehmende Krankheit, mit der viele Betroffene ihr Leben lang leben müssen. Dennoch soll der Ansatz von "Verrückt? Na und!" keineswegs verstören. "Im Gegenteil", betont Nicole Trenkmann: "Die Schüler sollen mit dem Gefühl aus dem Workshop kommen, dass es nie aussichtslos ist, egal, wie düster sich alles anfühlt, dass es immer einen Ausweg gibt."

Schüler der Oberschule Kötzschenbroda in der Projektarbeit.
Mobbing ist zentrales Thema der Projektarbeit, denn häufig sind Schikane in der Schule Ursache für seelische Krisen und psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen. Bildrechte: MDR/Jane Jannke

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2017, 15:26 Uhr