Zungensensor
Bildrechte: Frank Grätz/Linguwerk

Innovation in Sachsen Die "Zungenmaus" aus Dresden: Wenn die Zunge zur Hand wird

Etwa 900.000 Menschen in Deutschland können ihre Hände nicht mehr richtig bewegen - ob wegen schwerer Erkrankungen oder "normaler" Alterserscheinungen. Forscher der TU Dresden haben für sie die "Zungenmaus" entwickelt - einen Bediensensor.

von Katrin Tominski

Zungensensor
Bildrechte: Frank Grätz/Linguwerk

Was, wenn die Kräfte schwinden? Wenn die Hände stärker zittern? Eine Seite des Körpers gelähmt ist? Etwa 900.000 Menschen in Deutschland können ihre Arme und Hände nicht mehr richtig bewegen. Parkinson, Rheuma, Schlaganfälle, Alterserscheinungen - die Gründe sind vielfältig. Was für andere selbstverständlich ist, gerät für sie zum täglichen Kampf im Alltag. Für Betroffene entwickeln Forscher der TU Dresden jetzt ein Steuerungssystem, das mit der Zunge bedient werden kann. Ein Sensor soll dabei die Bewegung der Zunge erfassen und einen Klick oder Doppelklick auslösen – ähnlich wie bei einer Computermaus. Nur dass der Klick-Befehl nicht über den Zeigefinger, sondern über die Zunge erfolgt.

Zungenmaus soll Geräte steuern

"Im fortgeschrittenen Alter haben viele Menschen mit eingeschränkter Mobilität erhebliche Probleme, Haushaltsgeräte mit den eigenen Händen zu bedienen", erklärte Peter Birkholz, Juniorprofessor für Kognitive System am TU-Institut für Akustik und Sprachkommunikation. Seine Vision ist es, mit der sogenannten Zungenmaus nicht nur Lichtschalter und elektrische Geräte zu bedienen, sondern auch  Computer anzuweisen oder den Rollstuhl zu steuern.

"Die Zunge ist praktisch ein ermüdungsfreies Organ", erklärt Andreas Richter, Prodekan der TU-Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik. "Das mag für überschäumenden Redefluss nicht immer von Vorteil sein, doch in unserem Fall ist das fantastisch". Richter sieht in der Navigation durch die Zunge enormes Potenzial.

Lichtsensor soll Zungen-Bewegung einfangen

Doch wie kann die Zungen-Navigation gelingen? Wie lässt sich die Bewegung der Zunge trotz des kleinen Mundraums genau vermessen und in Befehle umwandeln? Mit Licht soll ein kleines Sensorplättchen hinter den Schneidezähnen die Bewegung der Zunge genau erfassen und in Steuerbefehle umwandeln. "Die Herausforderung ist, den Sensor robust zu gestalten", erklärt Juniorprofessor Richter. Ein Klick und Doppelklick müsste klar erkennbar sein. Niemand könne sich leisten, dass der Rollstuhl am Abhang in die falsche Richtung fahre. Zweite große Herausforderung sei es, den Sensor "minimal-invasiv" zu gestalten. Er müsse schlichtweg klein und angenehm zu tragen sein.

Bei der Entwicklung der "Zungenmaus" können die Forscher auf verschiedene Technologien und Erfahrungen zurückgreifen. Im Projekt "Stimme 2.0" entwickelten die Wissenschaftler einen Assistenten für Menschen ohne Stimme. Auch dabei kam eine Sensor-Zahnspange zum Einsatz.

Kooperation mit der Linguwerk GmbH

Entwickelt werden soll die "Zungenmaus" zusammen mit dem Dresdner Unternehmen Linguwerk GmbH, das sich bereits mit dem Spracherkennungssystem "Stimme 2.0" beschäftigt. Während die TU-Forscher an der Sensorik tüfteln, kümmern sich die Linguwerk-Experten um die Hardware und die Algorithmen, mit denen die Zungenbewegungen in Befehle umgesetzt werden sollen. Schon in etwa einem Jahr soll es einen ersten "Demonstrator" geben, danach soll die "Zungenmaus" serienreif werden. Wichtig ist den Entwicklern aber: "Wir wollen keine hochpreisige Technologie anbieten", erklärte Linguwerk-Chef Rico Petrick. Die Zungenmaus solle erschwinglich sein und nicht mehr als hundert Euro kosten.

EU fördert Projekt mit über einer halben Million Euro

Die Idee mit der "Zungenmaus" hat auch das Sozialministerium überzeugt. Deswegen hat Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch am Freitag den Forschern der TU Dresden und ihrem Kooperationspartner, der Linguwerk GmbH, einen Fördermittelbescheid von knapp einer halben Million Euro überreicht. Die Mittel stammen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). "Ich freue mich, dass wir ein weiteres wichtiges Projekt im Freistaat unterstützen können", sagte Klepsch. Hier werde deutlich, wie innovativ und zukunftsorientiert die Gesundheitsversorgung und auch die Zusammenarbeit zwischen TU Dresden und sächsischen Unternehmen sein kann.

Zungensensor
TU-Prof. Peter Birkholz (li.) und Linguwerk-Geschäftsführer Rico Petrick erhalten den Fördermittelbescheid aus den Händen von Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch. Bildrechte: Frank Grätz/Linguwerk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 04.03.2019 | 07:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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Zuletzt aktualisiert: 02. März 2019, 17:20 Uhr

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