07.07.2020 | 14:57 Uhr Sachsens schöne neue E-Strom-Welt - was passiert bei Bränden?

Der E-Bike-Markt boomt, E-Autos sollen die Zukunft des Autolandes Sachsen werden. Aber was passiert, wenn ein Elektro-Auto in einen Unfall verwickelt ist? Sind Besitzer, Feuerwehren und Entsorger dafür überhaupt gewappnet? MDR SACHSEN hat mit Feuerwehrleuten und Sicherheitsexperten die wichtigsten Tipps zusammengefasst.

Feuerwehrmänner zerschneiden bei einer ܜbung mit einer hydraulischen Rettungsschere die Karosserie eines BMW i3.
Bei einer Übung auf dem Hof des ADAC-Technikzentrums in Landsberg (Bayern) üben Feuerwehrleute, die Karosserie eines Elektroautos zu zerschneiden. Die wachsende Vielfalt auf den Straßen stellt die Retter der Feuerwehren in Notfällen vor neue Aufgaben (Archivbild). Bildrechte: dpa

Unfälle mit E-Autos in Sachsen

MDR SACHSEN berichtete zuletzt auch über schwere Unfälle mit Elektroautos. Die beschädigten Fahrzeuge stellen Feuerwehrleute und Entsorgungsfirmen vor neue Herausforderungen: "Gott sei Dank gab es noch nicht viele dieser Unfälle, aber wir lernen bei jedem Einsatz dazu", sagt der Leiter der Landesfeuerwehrschule Sachsen, Markus Morgenstern, im Gespräch mit MDR SACHSEN. Beispielsweise würden konkrete Erfahrungen mit brennenden E-Akkus noch fehlen. Die Fachwelt diskutiere noch darüber, ob beschädigte Akkus mit Wasser oder durch mechanische Zerstörung am Durchbrennen gehindert werden könnten.

Feuerwehr sieht sich gerüstet

Kommen Feuerwehrleute zu Unfällen mit Elektroautos, dann habe das Retten von Menschenleben immer Vorrang. Normalerweise schaltet sich der Strom beim E-Auto bei einem Unfall automatisch ab, doch Kurzschlüsse könnten im Akku zu Bränden zu führen, erklärt Morgenstern. Dadurch könnten giftige Gase austreten und elektrische Gefahren im und rings um das Auto entstehen. "In der Ausbildung lernen die Feuerwehrleute die Gefahren einzuschätzen und zu bewerten. Das Löschmittel der Wahl bleibt auch hier Wasser", so der Landesfeuerwehrschulleiter.

Verunfallte E-Autos müssen Entsorgungsunternehmen übernehmen oder die Autos werden der Polizei übergeben, die für Transport und Entsorgung zuständig ist. Die Autohersteller haben dafür Abläufe vorgegeben. Aber wie transportiert man ein E-Auto, bei dem man nicht weiß, was im Inneren des Akkus noch alles passieren kann? "Tja, das wird aktuell diskutiert. Es gibt Transportcontainer. Da wird das Unfallauto hineingestellt und mit Wasser geflutet. Die Meinungen darüber gehen auseinander, ob das Wasserlöschen nicht mehr Schaden verursacht als der schwelende Akku", sagt Markus Morgenstern.

Ein Kranwagen der Feuerwehr hebt ein ausgebranntes E-Auto in einen Container.
Ein Kranwagen hievt ein ausgebranntes E-Auto in einen Transportcontainer (Archivbild). Bildrechte: dpa

Das müssen Ersthelfer beim Unfall mit einem Elektroauto beachten

"Als erstes ist, wie bei jedem Unfall, der Eigenschutz an der Unfallstelle zu beachten. Wenn möglich, sollte das Zündschloss oder der On/Off-Taster auf AUS gestellt werden. Wenn Airbags und Rückhaltesysteme ausgelöst haben, ist das Hochvoltsystem der E-Fahrzeuge automatisch ausgeschaltet", erklärt Andreas Rümpel vom Landesfeuerwehrverband dem MDR.

Falls es brennen sollte, sei zum Unfallauto ein Sicherheitsabstand einzuhalten - egal, ob es sich dabei um einen Benziner, Diesel- oder E-Auto handele. Falls Verletzte aus dem Fahrzeug gerettet werden, seien die in einem sicheren Bereich zu versorgen. Bei der Brandgefahr, beim Löschen und Bergen sieht Feuerwehrexperte Rümpel keine Unterschiede zwischen Hybridautos und E-Fahrzeugen.

Was müssen Eigentümer von E-Autos wissen?

"Für Eigentümer sind die Herstellervorschriften die Grundlage für das Handeln", sagt der Leiter der Landesfeuerwehrschule Sachsens, Markus Morgenstern. Informationen zu E-Autos bieten die Hersteller auf ihren Homepages, dazu gibt es laut Landesfeuerwehrverband Rettungsdatenblätter und Leitfäden, die jeder E-Auto-Besitzer kennen sollte. Zudem sollte man die Bedienungsanleitungen zum E-Fahrzeug lesen und kennen.

Ladestationen zu Hause

Bevor man sich ein E-Auto anschafft, sollte eine Elektriker prüfen, ob die Elektroinstallation zu Hause überhaupt ausreicht, um dauerhaft Elektroautos aufzuladen, rät der Automobilklub ADAC. Sollte die Installation nicht den neuen Normen entsprechen, muss aufgerüstet werden. Die nötige Norm trägt die Nummer VDE-AR-N 4100.

Ein Elektroauto von Mercedes wird mit einem gelben Stromkabel an einer Ladesäule geladen.
Bildrechte: dpa

Das Laden an einer haushaltsüblichen Steckdose sehen Hersteller und Feuerwehren nur als Not-Lademöglichkeit an. Das Aufladen würde zu lange dauern und stellt laut ADAC eine erhöhte Brandgefahr dar. Warum? "Beim mehrstündigen Laden von Elektrofahrzeugen kann durch Alterungsprozesse der Kontakte, an Klemmstellen in der Zuleitung oder durch unsachgemäße Installation ein erhöhter Widerstand im Stromkreis entstehen", so der ADAC. Das führe zu unzulässiger Erwärmung, zu sogenannten Hotspots. "Um diese erhöhte Brandgefahr zu vermeiden, werden die Ladeströme dabei meist auf sechs bzw. zehn Ampere begrenzt", erklärt der ADAC. Deshalb werde E-Auto-Interessierten immer die Installation einer speziellen Ladestation für Elektroautos empfohlen, eine sogenannte Wall-Box.

Der Automobilclub weist auch darauf hin, dass so eine Ladesäule nicht einfach aufgestellt werden dürfe. Mieter benötigen dafür vorab für einen privaten Stellplatz in einer Mietgarage die Zustimmung des Vermieters oder der Wohneigentümergemeinschaft.

Wichtig für Besitzer von E-Bikes und E-Roller

Normalerweise werden in Deutschland Elektrogeräte alle zwei Jahre überprüft, beispielsweise in Firmen und staatlichen Einrichtungen. Sachsens Feuerwehr empfiehlt das auch Besitzern von E-Rollern und Pedelecs. "Sie sollten die Fahrräder und Roller regelmäßig vom Fachhändler überprüfen lassen und darauf achten, dass alles am Gefährt isoliert ist und nichts beschädigt", rät Feuerwehrausbilder Markus Morgenstern. Er erwartet, dass es in den nächsten Jahren mehr Brände in Kellern oder auf Balkonen geben werde, weil dort unsachgemäß geführte E-Bikes lagern.

Der TÜV Süd sagte MDR SACHSEN, dass technische Mängel, falsche Handhabung oder Beschädigungen an E-Bikes dazu führen können, dass der Akku unkontrolliert in Flammen aufgeht.

Mythos: Brenndene Solaranlage auf dem Dach - Haus brennt kontrolliert ab?

Im Internet hält sich immer noch die Meinung, dass eine Solaranlage auf dem Dach gefährlich sei, weil die Feuerwehr im Brandfall nichts tun könne und das Haus herunterbrenne. "Das ist längst überholt und wirklich ein Mythos", meint Markus Morgenstern von der Landesfeuerwehrschule Sachsens.

Ein Feuerwehrmann auf einer Drehleiter löscht einen Dachbrand.
In Antonsthal im Erzgebirge haben Feuerwehrleute vor zwei Jahren eine Photovoltaikanlage auf einem Hausdach gelöscht (Archvbild). Bildrechte: André März

Mittlerweile gebe es für Solaranlagen auf Dächern Löschmöglichkeiten. Die Feuerwehrleute müssten wissen, welche Abstände sie beim Löschen wahren müssen und in welchen Stromspannungsbereichen sie sich bewegten. Das Austreten von giftigen Dämpfen sei auch bei Solaranlagen-Bränden eine große Gefahr. "Schon deshalb greift die Feuerwehr ein. Zuschauen ist nicht das Mittel der Wahl", betont Morgenstern.

Die Feuerwehren bundesweit ordnen Solaranlagen in die Gefahrenkategorie elektrischer Anlagen ein, wie viele andere Anlagen auch mit potenziellen Brandgefahren. Eine besondere Gefahr stellten Photovoltaikanlagen nicht dar.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm im MDR MDR Exakt | 24.06.2020 | 20:45 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.06.2020 | 06:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

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