04.07.2020 | 09:07 Uhr Nächster Halt Zukunft - das treibt Sachsens Nahverkehr an und um

Welche Antriebsarten nutzen Sachsens Nahverkehrsunternehmen? Das hat MDR SACHSEN verschiedene Verkehrsunternehmen gefragt. Fazit: Je städtischer, desto elektrischer und künftig soll alles ökologischer werden. Nur wann? Auf den ländlicher gelegenen Strecken könnte der Antriebswandel aus Kostengründen länger auf sich warten lassen. Ein Überblick über ausgwählte Verkehrsunternehmen und Regionen.

Die Sonne scheint in einen Bus, der auf einer Landstraße fährt
Bitte einsteigen: aber fahren Zukunftstechnologien auch schon mit? Busse in Sachsens ländlichem Raum werden überwiegend mit fossilen Brennstoffen betankt. Bildrechte: dpa

Der Antriebsmix in Sachsens Großstädten

Chemnitz plant mit Brückentechnologie Gas

Menschen steigen in einen Bus ein
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In Chemnitz rollt die Busflotte zu 93 Prozent mit Dieselkraftstoff über die Straßen, sieben Prozent der Busse werden mit Gas angetrieben, teilten die Verkehrsbetreibe (CVAG) mit. Seit mehr als 120 Jahren fahre das Städtische Nahverkehrsunternehmen der Stadt teilweise elektrisch. Die CVAG will künftig ausgesonderte Dieselbusse durch gasbetriebene Busse ersetzen und sieht das als eine Art Brückentechnologie.

Die 40 Straßenbahnen der CVAG werden komplett durch Strom aus erneuerbaren Energien angetrieben. "Beim Bremsvorgang wird die Bremsenergie in das Oberleitungsnetz zurückgespeist und kann durch andere Fahrzeuge im Netzabschnitt genutzt werden", erklärte Sprecherin Juliane Kirste.

Dresden verfolgt Elektrostrategie

In Dresden dagegen fahren alle 166 Stadtbahnwagen rein elektrisch. "Von den rund 140 Bussen haben 17 Hybridantriebe (teilelektrisch) und einer einen Elektroantrieb", sagte Sprecher Falk Lösch von der DVB. Die große Mehrzahl von 122 Bussen sind mit Dieselmotoren ausgestattet. "Durch die intensive Abgasbehandlung stößt ein EURO 6-Dieselbus ebenso viel Stickoxyde aus wie ein einziger EURO 6-Pkw. Nur fahren im Bus viel mehr Leute mit", sagte Lösch.

Die DVB kann mit Fördermitteln 20 neue Elektrobusse und die notwendige Ladeinfrastruktur anschaffen, laut Sprecher Lösch werde dafür die Ausschreibung vorbereitet. 2022 könnten die E-Busse fahren. "Der Anteil von Fahrzeugen mit Antrieben, die mit regenerativer Energie fahren, wird sich weiter erhöhen", sagte Lösch und verwies auch auf die Nutzung von Solarenergie im Unternehmen. Auf den Betriebshöfen speisten Solardächer auch ins öffentliche Netz Strom ein. "Zuletzt wurde der Bahnport in Trachenberge damit ausgerüstet. Die dort erzeugte Energie reicht aus, um das Verwaltungsgebäude komplett mit Energie zu versorgen", so Falk Lösch.

Leipzig tüftelt an Straßenbahn der Zukunft mit

In Leipzig sind nach Angaben der Verkehrsbetriebe LVB 81 Prozent der Fahrgäste elektromobil, das heißt mit den 290 Straßenbahnen unterwegs. Die Bahnen fahren laut Sprecher Marc Backhaus zu 100 Prozent mit Ökostrom. Zudem rollen durch Leipzig 164 Dieselbusse und ein Elektrobus. Damit liegt der Dieselanteil im LVB-Fuhrpark bei 36 Prozent.

Der öffentliche Personennahverkehr spielt für die Verkehrs- und Energiewende eine entscheidende Rolle, damit Leipzig lebens- und liebenswert bleibt.

Roland Juhrs LVB-Geschäftsführer für Technik und Betrieb

Die LVB will in den nächsten Jahren die Busflotte mit Ökostrom weiter elektrifizieren. Umgestellt werden sollen die Buslinien 89, 74/76 und 60. Im ersten Schritt sollen dafür 38 Elektrobusse gekauft werden. Das Vergabeverfahren laufe.

 Eine neue XL-Straßenbahn des Herstellers Solaris der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) fährt vor dem Kaufhaus Brühl über den Ring.
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Leipzig hat auch das autonome Fahren mit Omnibussen im Blick. Die LVB arbeitet mit den Verkehrsbetrieben aus Görlitz und Zwickau an einer "Straßenbahn der Zukunft". Die drei Unternehmen wollen Möglichkeiten des automatisierten Fahrens bei Straßenbahnen ausloten, auch mit Blick auf knapper werdendes Personal und gemeinsam neue Technik kaufen. "Das Beschaffungsprojekt beinhaltet verschiedene Innovationen u.a. auch den Wasserstoffantrieb. Hier stehen wir jedoch am Anfang des Projektes", erklärte LVB-Sprecher Backhaus.

Antriebsvielfalt in Region Westsachsen

Mit Ökostrom in Zwickau - über Land in Dieselbussen

Straßenbahn am Hauptmarkt Richtung Stadthalle in der Altstadt Zwickaus
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In Zwickau fahren die Straßenbahnen von Beginn an - also seit 1894 - elektrisch, "denn Zwickau hatte nie eine Pferdebahn", erklärte der Abteilungsleiter Technik der Städtische Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ), Steffen Schranil. Alle 31 Straßenbahnen, der Arbeitswagen und die historischen Bahnen werden elektrisch angetrieben. Laut SVZ passiert das "seit Juli 2020 zu 100 Prozent mit Grünstrom für die Straßenbahn aus dem Mittelspannungsnetz".

Nach heutigem Stand bildet Elektromobilität auch zukünftig das Rückgrat des ÖPNV.

Steffen Schranil Abteilungsleiter Technik SVZ

Seit Jahresanfang fahren 23 der 26 SVZ-Busse mit Biogas. Vor der Umstellung fuhren sie mit Erdgas. Drei Busse werden mit Diesel angetrieben. "Im regionalen Verkehr (RVW) dominiert heute der Dieselantrieb, auch wegen der hohen Energiedichte des Dieselkraftstoffs", sagte Schranil.

Erzgebirge setzt auf Hybridbusse

Beim Regionalverkehr Erzgebirge (RVE) sind von 264 Bussen derzeit 259 mit Diesel unterwegs. Die Quote beträgt 98,1 Prozent. Die restlichen zwei Prozent sind fünf Hybridbusse. 2021 sind fünf neue Hybridbusse für den Fuhrpark geplant, kündigte Geschäftsführer Roland Richter an. Hybridtechnik werde derzeit überwiegend im Stadtverkehr eingesetzt. Übers Land im Erzgebirge führen fast ausschließlich Dieselbusse.

Die Hybridtechnik ist die praktikabelste Lösung für die Erzgebirgsregion in puncto Effizienz. Es wird der CO2-Ausstoß reduziert und Kraftstoff eingespart.

Silvio Koch Stellvertretender Werkstattleiter

Verkehrsverbund Mittelsachsen setzt auf Bahn-Elektrifizierung

Unter dem Dach des Verkehrsverbunds Mittelsachsen (VMS) sind 17 Verkehrsunternehmen als selbständige Firmen organisiert. "Grob gilt: Von den insgesamt 1.000 Bussen, die von den Verkehrsunternehmen im VMS-Gebiet eingesetzt werden, ist die überwiegende Anzahl mit Diesel ausgestattet", sagte VMS-Sprecher Falk Ester.

Citylink des Chemnitzer Modells
Ein Citylink des Chemnitzer Modells. Bildrechte: MDR/Dan Hirschfeld

Der VMS selbst verantwortet den Bau des Chemnitzer Modells sowie die Bestellung von Schienenpersonennahverkehr. In dieser Funktion hat der VMS einen eigenen Fahrzeugbestand von 29 Regionalbahnen Coradia Continental, die an die Mitteldeutsche Regiobahn vermietet sind. "Die fahren zu 100 Prozent elektrisch", sagte Ester. Dem VMS gehören zwölf Citylinks, sogenannte TramTrains, die an die City-Bahn Chemnitz vermietet werden. "Die Citylinks sind Hybridfahrzeuge, die im Straßenbahnnetz von Chemnitz elektrisch fahren, außerhalb mit Diesel", erklärte VMS-Sprecher.

Perspektivisch werden durch Streckenelektrifizierungen im Chemnitzer Modell elektrische Zweisystemfahrzeuge zum Einsatz kommen, die sowohl mit Straßenbahn- als auch mit Eisenbahnstrom fahren können.

Falk Ester Sprecher des Verkehrsverbunds Mittelsachsen

Ab 2023 sollen batterieelektrische Züge Coradia Continental auf der Bahnstrecke Chemnitz-Leipzig fahren, die voraussichtlich erst 2029 elektrifiziert sein wird. "Ob vollständig, wird sich noch zeigen. Die neuen Züge laden in Chemnitz und Leipzig, können die Distanz von 81 Kilometern mit Batteriestrom bewältigen", beschrieb Ester die Pläne.

Nordsachsens Heidelandverkehr ohne Elektroantrieb

Die Busflotte des Omnibusverkehrs Heideland (OHV) rollt auf 42 Linien zu 100 Prozent dieselbetrieben durch Nordsachsen. Ein Fahrzeug wird nach Unternehmensangeban als Hybridfahrzeig mit Erdgas/Benzin betrieben.

"Diese Anteile werden sich in den nächsten Jahren vorerst nicht verändern. Das hat im Wesentlichen mit den derzeit hohen Kosten für alternative Antriebe (Elektro bzw. Hybrid) zu tun", sagte der Leiter für Verkehr und Technik Dirk Hoßbach auf MDR SACHSEN-Anfrage.

Der Nahverkehrs-Antrieb in der Oberlausitz

Bautzen: Viele herkömmliche Brennstoffe und Wasserstoff-Träume

Auf den Straßen und Schienen des Verkehrsverbundes Oberlausitz-Niederschlesien (ZVON), mit der Eisenbahngesellschaft ODEG und der Länderbahn "sind zu 100 Prozent diesel- und benzinangetriebene Fahrzeuge im Einsatz", teilte Sprecherin Sandra Trebesius mit. Daran werde sich auch in den nächsten zehn Jahren wenig ändern, "denn die Verkehrsverträge, die der ZVON mit der ODEG und der Länderbahn hat, laufen noch gut zehn Jahre", so Trebesius.

Der ZVON erwartet die Elektrifizierung der Bahnstrecken Dresden-Görlitz, Dresden-Zittau, Niesky-Görlitz, Cottbus-Görlitz. Jedoch fehlten verbindliche Aussagen der Politik dazu, lediglich für die Strecke Dresden-Görlitz gebe es Vorplanungen.

"Als Wasserstoff-Technologie-Forschungsstrecke schweben uns die Strecken Görlitz-Zittau-Liberec, Zittau-Seifhennersdorf und Seifhennersdorf-Rumburk vor. Im Rahmen des Projektes WALEMO und künftiger Wasserstoffnutzung in der Lausitz sehen wir Potenziale für die Umsetzung dieser Projekte", sagte Sandra Trebesius. Aus Sicht des ZVON könnten die Projekte den Stadtverkehren in Görlitz und Zittau nutzen nach dem Motto: "Wenn die Wasserstoff-Technologie und die Technik für die Erzeugung des Wasserstoffes einmal da sind, könnten Symbiosen mit dem straßengebundenen öffentlichen Nahverkehr wirken."

Bei Antriebstechnik halbe-halbe in Görlitz

Die Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB) haben derzeit 14 Bahnen, die rein elektrisch fahren. Elf Busse werden mit konventionellen Verbrennungsantrieben gefahren (Diesel/Benzin). Die Quote liegt nach Auskunft des GVB-Marketingverantwortlichen Andreas Kolley bei 56 Prozent für den Elektroantrieb und 44 Prozent Diesel- bzw. Benzinantrieb.

Mit dem Ziel, die Stadt Görlitz in den kommenden Jahren zur klimaneutralen Stadt auszubauen, werden sich auch die entsprechend notwendigen Neubeschaffungen im ÖPNV an diesen Zielen ausrichten.

Andreas Kolley Marketingleiter Görlitzer Verkehrsbetriebe

So sind Busse und Bahnen rings um Dresden unterwegs

VVO will weg vom Diesel

Eine S-Bahn vom VVO (Verkehrsverbund Oberelbe)
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Der Verkehrsverbund Oberelbe VVO ist für den Eisenbahnverkehr zuständig, unter seinem Dach bündeln zwölf Verkehrsunternehmen ihre Angebote im Bahn- und Busverkehr. "Im VVO sind 53 Züge im Einsatz, die elektrisch betrieben werden. Ein Großteil sind davon E-Triebwagen, auf der S-Bahn Dresden sind zudem E-Lokomotiven im Einsatz", sagte VVO-Sprecher Christian Schlemper. Auf den Strecken ab Dresden Richtung Zittau, Görlitz, Kamenz und Königsbrück, zwischen Pirna, Sebnitz und Bad Schandau und im Müglitztal nach Altenberg fahren laut Schlemper durchschnittlich 30 Dieseltriebwagen.

Der VVO sucht nach eigenen Angaben nach alternativen Antrieben für die Zeit ab 2031. "Dazu haben wir in den vergangenen Monaten die Untersuchungsleistungen ausgeschrieben und werden uns intensiv mit der Frage der zukünftigen Technologie (Batterie, Wasserstoff) beschäftigen", sagte Schlemper.

100 Prozent herkömmliche Busse Regionalverkehr Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

Im Gebiet des RVSOE in Sachsen und auf böhmischen Straßen gehören 254 Busse zum Linienverkehr, vier Busse im Gelegenheitsverkehr und zwei Oldtimer. 100 Busse erfüllen die Abgasnorm Euro 6. "Die Busse in den unteren Bereichen der Abgasnormen werden kontinuierlich durch den Zukauf moderner Busse aus dem Fuhrpark ausgegliedert", kündigte der RVSOE an.

Welche Antriebsart würden die Sachsen wählen?

Für welche Antriebsart würden Sie sich aktuell bei einer Neuanschaffung entscheiden?
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Quelle: MDR/kk

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