Straftaten verhindern Enkeltrick-Betrüger in Sachsen aktiv - Tipps zum richtigen Verhalten

Aktuelle Enkeltrick-Betrugsfälle in Sachsen: In Bischofswerda ruft ein angeblicher Enkel seine Oma (78) an, bittet weinend um Hilfe nach einem Unfall. Die Seniorin übergibt einem Unbekannten 20.000 Euro in bar. In Hilbersdorf gibt sich eine Frau am Telefon als gute Freundin einer Seniorin aus. Die Frau drängt auf schnelle Hilfe in einer Notlage. Ein Bote kommt und nimmt der Rentnerin all ihre Ersparnisse und Wertsachen in fünfstelliger Höhe ab. Die Polizeidirektion Görlitz meldet am Mittwoch allen für ihren Bereich 29 versuchte Betrugsfälle. Wie lassen sich solche Abzocken verhindern?

Eine Seniorin telefoniert mit ihrem Smartphone
Na, rate mal, wer ich bin? Mit diesem Satz beginnen oft Enkeltrick-Anrufe bei Senioren. So wollen die Betrüger Namen aus der Familie herausbekommen. Reden die Unbekannten schlechter Deutsch, geben sie vor, erkältet zu sein. Bildrechte: dpa

Enkeltricks - wie häufig zocken Täter ab?

In Sachsen hat das Landeskriminalamt 2019 insgesamt 807 Betrugsstraftaten mit Enkeltrickbezug angezeigt bekommen. In 44 Fällen waren die Täter erfolgreich. "Das Dunkelfeld ist jedoch hoch, denn es kann auch sein, dass Jüngere auf den Trick hereingefallen sind und sich schämen. Scham ist ein Grund, dass Anrufe nicht angezeigt werden", sagt der Leiter des Sachgebiets polizeiliche Beratung und Opferschutz des LKA, Dirk Möller.

Allein in Leipzig meldeten Senioren am 20. Oktober 13 betrügerische Anrufe der Polizei. Keiner war erfolgreich. Elf Mal gaben sich die Anrufer als vermeintliche Polizisten aus.

Eine bundesweite Statistik mit genauen Zahlen zum Enkeltrick-Betrug gibt es nicht, betätigt die Opfervereinigung Weißer Ring. Die Referentin für Kriminalprävention, Celine Sturm, sagt, dass der Enkeltrick und die Falsche-Polizisten-Masche zuletzt wieder zugenommen haben. 2019 habe es vor allem in Süddeutschland Enkeltrick-Betrügerein gegeben. "In München wurden im vorigen Jahr innerhalb von drei Tagen 400 Anrufe gemeldet, bei denen insgesamt 400.000 Euro erbeutet wurden."

Das LKA Sachsen und der Weiße Ring warnen jedoch vor übergroßer Angst oder Panik. Ältere Menschen seien eher selten Opfer von Straftaten. Sie sollten sich nicht überängstigt zurückziehen. Allerdings sollten sie über die Betrugsmaschen am Telefon Bescheid wissen und richtig handeln. "Das gilt auch für Jüngere. Auch sie können leicht Betrugsopfer werden, denn die Täter passen ihre Strategien an die Altersgruppen an", meint Celine Sturm vom Weißen Ring.

Was sind das für Betrüger?

Laut Weißem Ring sitzen meist Männer, aber auch Frauen in Callcentern in Deutschland, oft auch in der Türkei. Die Polizei Leipzig hatte unlängst vor Enkeltrickbetrügern gewarnt, die sich als reisende Täter im deutschsprachigen Raum bewegten. In Callcentern üben die Betrüger ihre Manipulationen, werden auf die Zielgruppenansprache geschult, können oft sehr gut Deutsch und sprechen täglich mit vielen Menschen. Bei älteren Menschen zielen sie auf deren Hilfsbereitschaft, ihrem Wunsch, dem Enkel oder Familienangehörigen zu helfen und darauf, dass sich manche Ältere auch einfach über einen Anruf freuen.

"Senioren hören manchmal nicht mehr gut oder haben das Gefühl, nicht alles mitzubekommen. Am Telefon wollen sie sich nicht die Blöße geben oder gar dumm dastehen. Wenn der Anrufer dann fragt: 'Rate mal, wer dran ist?' nennen sie Namen des Enkels oder der Kinder. Damit haben die Täter schon Details, mit denen sie ihre Szenarien bestücken und suggerieren, zur Verwandtschaft zu gehören", sagt die Präventionsexpertin Celine Sturm.

Die meisten Senioren sind taff und wissen, wie sie sich am Telefon richtig verhalten.

Dirk Möller LKA Sachsen

Meistens laufen die Betrugs-Anrufe ins Leere, hat die sächsische Polizei festgestellt. Aber wenn ein Angerufener anspringt, versuchen die Täter ihn möglichst lange in der Leitung zu halten und den Druck zu erhöhen, um das Maximum an Geld und Wertgegenstände zu erbeuten. Entweder begleiten sie das Opfer per Handy-Gespräch mit zur Bank oder zum Schließfach oder sie schicken ein Taxi vorbei, das mit dem Opfer direkt zur Bank fährt. Oder ein Bote holt das Geld vor der Haustür, aus der Mülltonne oder von einem anderen Ablageort ab. "Die Boten sind teilweise Menschen, die denken, sie arbeiten für einen Paketdienst und wissen nicht, was sie tun", hat die Opfervereinigung Weißer Ring nach Auswertung von Gerichtsverhandlungen festgestellt. Die betrügerischen Netzwerke arbeiteten in Hierarchien, in denen die untersten Beteiligten nur die nächste Stufe kennen. Die Drahtzieher wechseln schnell ihre Einsatzorte und Abholer aus, sollte ein Bote geschnappt werden.

Hilfe! Was tun, wenn so ein ominöser Anruf kommt?

Lassen Sie sich auf keine Diskussion ein, denn die Betrüger verfügen in der Regel über einen reichen Erfahrungsschatz, dem der überraschte Bürger meist nicht gewachsen ist.

Tipp des Weißen Rings Bundesweite Opfervereinigung

  • Wenn einem der Anruf seltsam vorkommt, aufs Bauchgefühl hören, sofort auflegen und umgehend den nächsten Verwandten oder Freund anrufen, nachfragen, was ist mit dem Enkel, Kind wirklich?
  • Nichts Persönliches an Fremde am Telefon verraten, keine Namen nennen. Finanzielle Verhältnisse, Geld, Rentenhöhe oder Erspartes geht niemanden etwas an. Schon gar nicht am Telefon.
  • Immer misstrauisch sein. Wenn sich jemand als Verwandter ausgibt, nach einem Detail fragen, was nur der Verwandte kennen kann.
  • Wenn man die Ansprache nicht verstanden hat, den Anrufer deutlich zurückfragen, dass er seinen Namen selbst nennt. Nicht mitraten wer anruft. Enkel und Verwandte nennen ihren Namen und fragen nicht: "Rate, wer dran ist?"
  • Im Idealfall die Telefonnummer notieren, die man auf dem Display sieht. Danach Anzeige bei der Polizei erstatten.
  • Wenn Unbekannte ein Szenario erzählen, dass Verwandte Geld brauchen nach Unfällen, in Krankenhäusern, wegen Corona-Erkrankung oder angeblich das Geld auf der Bank nicht mehr sicher sei und die Polizei das Ersparte sicher zu Hause abholen werde, überlegen: Kann das wirklich stimmen? Ist das nicht seltsam? Dann sofort auflegen und beim nächsten Familienangehörigen oder Freunden nachfragen.

Die Polizei wird niemals Geld oder Wertgegenstände bei Bürgern zu Hause abholen. Das wird nie passieren.

Dirk Möller Präventionsexperte des LKA Sachsen

Wie können Familien ihre Angehörigen schulen/unterstützen?

"Das Wichtigste ist, dass man sich über die Abzocken informiert und in einer ruhigen Minute mit seinen älteren Angehörigen hinsetzt und bespricht", rät Präventionsexpertin Celine Sturm. Dabei solle den Eltern oder Großeltern nicht das Gefühl vermittelt werden, sie seien senil und müssten sich verstecken. Das verstärke nur soziale Einsamkeit, die Täter ausnutzen könnten. Dazu rät Celine Sturm vom Weißen Ring konkret allen Familien:

  • Das Vertrauensverhältnis zum Angehörigen stärken und ihm vermitteln, dass er nicht stört, wenn er anruft, Motto: Du kannst mich jederzeit anrufen. Halte Rücksprache, wenn dir Sachen komisch vorkommen.
  • Die Tricks und Maschen beschreibend erklären, wie manipulativ und erpresserisch die Täter vorgehen, dabei aber den Angehörigen nicht zu sehr verängstigen.
  • Die Älteren darin bestärken, auf ihr Bauchgefühl und ihre Lebenserfahrung zu setzen, dass sie misstrauisch bleiben, sobald Zweifel bei Anrufen kommen.
  • Lieber einmal zu viel auflegen als einem Betrüger auf den Leim gehen.
  • Das Thema Bargeld und Wertsachen im Haus ansprechen und mit dafür Sorge tragen, dass nicht zu viel Bargeld in der Wohnung ist. Wertgegenstände und Geld gehören in Schließfächer oder auf die Bank.
  • Nach ominösen Anrufen dem Verwandten helfen, den Vorfall bei der Polizei anzuzeigen.

Eine junge Frau hält die Hände einer alten Frau
Die Generationen einer Familie sollten sich kennen und einander vertrauen. Anrufe mit Nachfragen sollten erwünscht sein, damit vor allem Ältere bei Unsicherheiten oder ominösen fremden Anrufern gleich nachfragen können. Bildrechte: dpa

Man staunt, wie viele Wertsachen und Bargeld zu Hause aufbewahrt werden. Höhere Geldbeträge von mehr als 1.000 Euro sollte man auf gar keinen Fall zu Hause haben.

Dirk Möller Leiter Sachgebiet polizeiliche Beratung und Opferschutz LKA Sachsen

Warum sollte man Betrugsanrufe anzeigen - auch wenn man nicht reingefallen ist?

Verdächtige Anrufe sollten immer der Polizei gemeldet werden. "Jede Anzeige hilft, Ermittlungen weiterzubringen", erklärt Dirk Möller vom LKA Sachsen. Der Weiße Ring rät dazu, Betrugsanrufe auch der Verbraucherzentrale zu melden, damit von dieser Stelle aus Warnungen weitergegeben werden können.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.10.2020 | 10:40 Uhr im Programm
MDR SACHSENSPIEGEL | 22.10.2020 | 19:00 Uhr

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