ARD-Themenwoche #wieleben Fahrrad, Ebay, Wochenmarkt: Wie geht nachhaltiger Alltag in Sachsen?

Um ein nachhaltiges Leben zu führen, braucht es keine große Politik. Jeder kann sofort damit beginnen – in Sachsen hinter und vor der eigenen Haustür. Mit ein paar wenigen Stellschrauben lässt sich der Alltag nachhaltig verändern. Das Prinzip "weniger wegwerfen" lässt sich einfach für alle Lebensbereiche anwenden.

Wochenmarkt Stuttgart auf dem Marktplatz
Allein der Gang auf den Wochenmarkt kann nachhaltig sein. Wenn Obst und Gemüse aus der Region stammen und nicht von anderen Kontinenten über Ozeane transportiert werden, ist das bereits sehr hilfreich für die Umwelt. Bildrechte: imago images / Arnulf Hettrich

Weniger Lebensmittel wegwerfen

Allein in Deutschland werden pro Jahr zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, das entspricht etwa 75 Kilogramm pro Kopf. Dies zu vermeiden, wäre schon ein großer Beitrag. Übriggebliebene Zutaten lassen sich mit einfachen Rezepten zu Mahlzeiten verarbeiten, hartes Brot zu Semmelbrösel, Obst zu Marmelade oder Saft.
Unter Hygieneauflagen können überschüssige Lebensmittel an die derzeit 44 sächsischen Tafeln gegeben werden. Über die App "To good to go" bieten Gastronomen und Geschäfte zum Beispiel in Dresden, Leipzig und Meißen kurz vor Ladenschluss Speisen zu einem günstigen Preis. Initiativen wie "Zur Tonne" aus Dresden organisieren Kochevents gegen Lebensmittelverschwendung und für soziales Miteinander.

Regionale Lebensmittel

Biokiste - verschiedenes Gemüse
Per Biokiste lässt sich in jeder Woche Biogemüse aus der Region direkt nach Hause liefern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachhaltig kann auch schon der ganz einfache Gang auf den Wochenmarkt sein. Dort gibt es viele regionale Produkte von regionalen Anbietern, die weder den Atlantik noch den Suez-Kanal durchquert haben. Sie kommen ein paar Kilometer weiter vom Feld oder aus dem Teich oder auch wahlweise von ansässigen BäckerInnen, GärtnerInnen, ImkerInnen oder auch HandwerkerInnen. Ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig kann auch der Einkauf bei Genossenschaften wie dem Konsum oder der Verbrauchergemeinschaft sein. Bei Kaffee, Kakao und anderen exotischen Produkten hilft es, auf das Fair Trade Siegel zu achten.

Hofläden, Lieferdienste oder Abo-Kisten für Biogemüse und -obst werden von vielen sächsischen Produzenten angeboten, etwa vom Auenhof Ostrau, der Ökokiste Leipzig, dem Hof Gut Mahlitzsch bei Nossen oder dem Guidohof nahe Limbach-Oberfohna.

Anbau im eigenen Garten

Der eigene Garten bietet natürlich die beste Quelle für frische und gesunde Lebensmittel. Hier können regionales Obst und Gemüse angebaut werden. Durch die eigene Arbeit steigt das Bewusstsein dafür, wie viel Aufwand, Zeit und Fürsorge es braucht, um ernten zu können. In Gemeinschaftsgärten, die es mittlerweile in vielen Orten Sachsens von Annaberg-Buchholz bis Bad Düben und Görlitz gibt, kann man sich zusammen ausprobieren und gemeinsam gärtnern. Das stärkt auch die soziale Nachhaltigkeit.

Junge Frau bei der Gartenarbeit.
Bildrechte: IMAGO

Plastik und Müll vermeiden

Seit Jahren fällt in Europa immer mehr Plastikmüll an – Tendenz steigend. Deutschland liegt mit 39 Kilogramm Plastikmüll pro Kopf deutlich über dem Durchschnitt. Viel Plastik lässt sich vermeiden, wenn man Lebensmittel auf dem Wochenmarkt, beim Bäcker, Fleischer oder anderen Einzelhändlern oder auch per Biokiste  kauft und explizit auf Plastikverpackungen verzichtet, wie beispielsweise in Lose- oder Unverpackt-Läden. Wie wäre es mit einer einfachen Seife statt dem Duschbad in einer Plastikverpackung? Oder einer Brotbüchse statt Alufolie? Oder einem Stoffbeutel? Oft ist uns noch gar nicht aufgefallen, wie sich Plastik und Wegwerfprodukte und -verpackungen in alle Lebensbereiche eingeschlichen haben.

Second-Hand-Produkte

Viele Produkte des täglichen Lebens lassen sich auch aus zweiter Hand noch in guter Qualität kaufen. Die Vorteile: Es ist viel günstiger und die Wegwerfgesellschaft wird nicht weiter befeuert, indem Produkte mit kurzer Halbwertzeit gekauft und schnell wieder weggeschmissen werden. Second-Hand-Kreisläufe funktionieren prima bei Klamotten – auch für Kinder, die ja bekanntlich schnell aus ihren Pullovern und Schuhen herauswachsen. Auf Trödelmärkten, doch auch im Internet bei Ebay-Kleinanzeigen oder im "Kleiderkreisel" kann angeboten und auch wieder eingekauft werden.

Eine gute Möglichkeit bietet auch die Nachbarschafts-Plattform "Nebenan.de". Auf kurzem Weg, ohne Versand, lassen sich mit den Nachbarn aus dem Viertel unkompliziert Sachen tauschen oder auch Garten- und Baumaschinen ausleihen. Eine gute Adresse für Second-Hand-Waren aller Art oder auch zum Tauschen und Verschenken sind die Kleinanzeigen-Sparten der jeweiligen Stadtmagazine wie der Kreuzer in Leipzig oder Cybersax in Dresden. Auch Give-Boxen, wie es sie zum Beispiel in der Dresdner Neustadt gibt, eignen sich, um Dinge abzugeben, die man nicht mehr braucht.

Give Box
Bildrechte: imago/Lars Reimann

Kleidersammlung / Kleidercontainer

Auch in Kleidercontainern kann man gebrauchte Textilien sammeln und verwerten, etwa durch Kleiderkammern des DRK. Allerdings verursachen die Sammelstellen hohe Kosten für den Betreiber und werden deshalb teilweise geschlossen.

Waschmaschinen und Möbel aus zweiter Hand

Aus zweiter Hand kann man jedoch nicht nur Klamotten, sondern auch Elektronik-Artikel, Möbel, Geschirr und Haushaltswaren aller Art kaufen. Auch hier gilt: Die Produkte sind viel günstiger und vor allem bei den Möbeln teilweise hochwertiger, da sie noch aus Echtholz oder auch anderen langlebigen Materialien gefertigt sind. Der Clou: Für Designliebhaber gibt es oft tolle Schnäppchen aus vergangenen Jahrzehnten. Man kann sie auf Online-Plattformen finden oder auch im Second-Hand- oder Sozialkaufhaus.

Eine gute Adresse sind auch feste Trödelmärkte, in Dresden unter anderem die "Möbelscheune" und das "Alte Heizhaus", in Chemnitz der "Trödelmüller" oder "Antik und Kunst", in Bautzen der An- und Verkauf in der Steinstraße. Leipzig gilt gar als Mekka der Trödelszene: Hier gibt es viele, auch spezialisierte Märkte und feste Läden, vom Kiezflohmarkt über den Fahrradmarkt bis zum Antikhändler. Die Agra gilt als größter Flohmarkt Ostdeutschlands – hierhin kommen sogar Händler aus ganz Europa.

Auch Handys haben mehrere Leben

Mobiltelefone bestehen aus vielen seltenen Rohstoffen, die in Entwicklungsländern aus Minen gefördert und vor allem in Asien zusammengebaut werden. Sowohl Arbeitsbedingungen als auch die Bezahlung in vielen dieser Fabriken sind umstritten. Um Menschen und Umwelt einen Dienst zu erweisen, lohnt es sich also durchaus, ein Mobiltelefon auch einmal reparieren zu lassen. Dafür gibt es in vielen Städten Anbieter, die querbeet viele Modelle reparieren und Daten retten können. Geprüfte und generalüberholte Handys lassen sich auch im Internet auf diversen Plattformen erwerben.
Manchmal findet sich auch im Familien- oder Freundeskries ein dankbarer Abnehmer.

Alternativ gibt es auch "Fairphones" zu kaufen. Sie stammen von einem niederländischen Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, Smartphones nur unter fairen Bedingungen zu produzieren sowie mit Rohstoffen aus Minen, die nicht an der Finanzierung von Bürgerkriegen beteiligt sind.

Bibliotheken und Bücherspenden

Bibliotheken gehören vielleicht zu den traditionellsten nachhaltigen Einrichtungen, ohne dass dies vielen bewusst ist. "Grundsätzlich gilt, dass Bibliotheken allein aus ihrem Aufgabenbereich heraus nachhaltige Einrichtungen sind. Ein Medium wird je nach Nachfrage  weit über hundert Mal ausgeliehen", erklärt Sabine Kempel, Leiterin der Stadtbibliothek Bautzen MDR SACHSEN. Über die elektronische nichtkommerzielle Tauschbörse "Eltab" tauschen öffentliche Bibliotheken weltweit wertvolle Titel. Für kommerzielle Einrichtungen und Privatpersonen ist diese Tauschbörse nicht zugelassen. Privatpersonen können jedoch in ganz Sachsen ihre Bücher spenden.

Mit dem Fahrrad fahren

Nirgends lebt sich Nachhaltigkeit schöner und entspannter als auf dem Fahrrad. Die Luft ist frisch, das frische Laub duftet ebenso wie der herannahende Winter oder der aufziehende Frühling.  Fahrradfahren ist absolut klimaneutral, kostet null Treibstoff, dafür aber Bewegung – und die sendet Endorphine direkt durch den ganzen Körper. Radfahren in fremden Städten klappt europaweit spielend einfach mit dem Leipziger Fahrradverleihsystem "Nextbike". Für wenige Euro lässt sich per App ganz spontan ein Fahrrad ausborgen. In Selbsthilfewerkstätten können Fahrräder zudem mit dem passenden Werkzeug repariert werden.

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) hilft bei allen Fragestellen, von Ausrüstung über Verkehrssicherheit, Durchsicht bis hin zu Fahrradtouren. Wer etwas Schweres zu transportieren hat, kann sich dort auch Lastenräder ausborgen (Dresden, Leipzig, Chemnitz). Selbst durch den Urlaub kann das umweltfreundliche Zweirad den Liebhaber schaukeln - dank Fahrradtaschen und Radwanderwegen. Radfahren ist also nicht nur nachhaltig für die Umwelt, sondern auch für das eigene Glück. 

Car-Sharing

Zwei Fahrzeuge des Carsharing-Anbieters Teilauto
Bildrechte: dpa

Die Utopie eines Lebens ohne Auto ist schön, doch manchmal fordert die Praxis ihren Tribut. Spätestens wenn der Großvater im 200 Kilometer entfernten Dorf besucht werden möchte, die Freunde sich zum Sommerausflug auf dem Land treffen, es keinen Anschluss mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Skigebiet gibt oder der schwere Einkauf für die Geburtstagsfeier organisiert werden muss. Neben traditionellen Autovermietern kann auch bei regionalen Car-Sharing-Anbietern wie "Teilauto" aus Leipzig oder "MobiCar" aus Dresden unkompliziert ein Auto ausgeliehen werden - auch nur für wenige Stunden und für jeden Bedarf vom Familienauto über Bus, Transporter bis hin zum Cabrio und Elektroauto.

Wer sein Auto selbst an private Nutzer verleihen möchte, findet passende Plattformen im Internet. Und auch die Mitfahrzentralen sind eine gute Alternative zum eigenen Pkw.

Öffentliche Verkehrsmittel

Öffentliche Verkehrsmittel gelten schon allein deswegen als umweltfreundlicher, weil sie viel mehr Menschen zur gleichen Zeit transportieren können als Individualverkehr. In Corona-Zeiten ist dies zwar schwierig, doch mit Abstand und Maske lässt es sich auch derzeit sicher reisen. Auf vielen Verbindungen ist der Zug mittlerweile schneller und zuverlässiger als Autos, die nicht selten auf überfüllten Autobahnen im Stau stehen. Mit dem Zug lässt es sich auch gut europaweit reisen, in knapp neun Stunden gelangt man beispielsweise von Dresden nach Italien. Auch Nachtzüge bieten günstige Verbindungen über große Entfernungen. Leipzig und Dresden bieten mit ihrem großen verzweigten S-Bahn-Netz auch gute Anbindungen in die Region. Nur abseits der Großstädte mangelt es oft einem guten öffentlichen Nahverkehr.

Urlaub nah oder fern?

Auch für den Urlaub kann der Zug eine gute Alternative sein. Mit zahlreichen Fernreisen - meist per Flieger - sind die Ferienzeiten wahrscheinlich eine der größten Quellen für einen hohen CO2-Ausstoß im privaten Bereich. Urlaub geht durchaus auch nachhaltig. Europaweite Radtouren bieten hier eine gute ökologische Möglichkeit. Wer schneller große Strecken zurücklegen möchte oder kleine Kinder hat, kann auf Bus-und Wohnwagensharing zurückgreifen. Letztlich bleibt auch in Sachsen der traditionelle Urlaub im Zelt ein guter Tipp: Frische Luft und nah an der Natur. Spätestens, wenn man für jeden Abwasch extra Wasser holen muss, steigt die Sensibilität für Ressourcen.

Demonstration auf dem Fahrrad von Fridays for Future Dresden und Verkehrswende Dresden.
Bildrechte: imago images/Thomas Eisenhuth

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 17.11.2020 | 20:00 - 23:00 Uhr

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