Fahrradverkehr Mit Rad, Pedelec oder E-Bike sicherer durch Sachsen

Seit der Coronakrise boomt der Fahrradverkauf. Pedelecs werden beliebter. Der Zuwachs zeigt sich auch in der Unfallstatistik. Verkehrsforscher und Ärzte sorgen sich vor allem um ältere Unfallopfer. Viele Faktoren spielen eine Rolle, die Fahrradfahrer gefährden: von Verkehrsplanung, über schlechte Straßen und Radwege bis hin zu Fehlern der Verkehrsteilnehmer. Aber: Fahrradfahrer können einen Teil zu mehr Sicherheit für sich beitragen, sagen Unfallforscher und geben Tipps.

Stuntman zeigt einen Radunfall mit einem Auto
Ein Stuntman zeigt einen typischen Fahrradunfall, der jeden Tag dutzendfach auf Deutschlands Straßen passiert. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Schicksale hinter der Statistik

Wegen des Corona-Lockdowns wurden in Sachsen in den ersten sechs Monaten des Jahres 6.540 Menschen bei Verkehrsunfällen verletzt oder getötet - fast ein Fünftel weniger als im ersten Halbjahr 2019. Die Zahl der Todesopfer ging um 15 auf 69 zurück. Das teilte das Statistische Bundesamt mit.

Auch in den Jahren 2018 und 2019 waren die Unfälle mit Verkehrstoten insgesamt leicht zurückgegangen. Nur im Bereich Fahrradfahreropfer stiegen die Zahlen teils alarmierend an. Erst am Montag war eine Radfahrerin in Dresden bei einem Unfall mit einem Sattelschlepper schwer verletzt worden. Am vergangenen Sonnabend wurde eine Postbotin auf dem Fahrrad in Plauen umgefahren und lebensbedrohlich verletzt.

Ein Fahrrad liegt umgestürzt auf einer Asphaltstraße, dahinter steht ein Polizeiauto.
Bildrechte: Roland Halkasch

Das passiert Tag für Tag Fahrradfahrern auf Deutschlands Straßen:

  • Pro Tag sterben durchschnittlich 1,2 Fahrrad- und Pedelecfahrer.
  • Jeden Tag verletzen sich 43 Fahrrad- und Pedelecfahrer schwer.
  • 200 Fahrrad- und Pedelecfahrer werden leicht verletzt.
  • Die tatsächliche Unfallzahl liegt bei Leichtverletzten deutlich höher.


Quelle: GIDAS: German In-Depth Accident Study, in der jährlich rund 2.000 Unfälle mit Personenschaden ausgewertet werden

Hohe Dunkelziffer leichterer Unfälle

"Im Großraum Dresden ist in 60 Prozent aller Unfälle mit Verletzten ein Fahrradfahrer beteiligt", sagt Henrik Liers. Er wertet mit einem rund 60-köpfigen Team der Firma Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden Gmbh (VUFO) für die Studie GIDAS Unfälle in Sachsen aus - rund 1.000 im Jahr. Die Unfälle mit Personenschäden fanden im Großraum Dresden in einem Umkreis von 40 Kilometern von Nossen bis Bautzen statt.

Bein mit Schürfwunde
Bildrechte: imago/Manfred Segerer

Die Unfallforscher in Dresden vermuten eine sehr hohe Zahl von Fahrradunfällen, die in keiner Statistik auftauchen und auch nicht bei der Polizei gemeldet werden. "Wer ruft bei leichten Schürfwunden oder kleinen Verletzungen schon die Polizei", fragt Liers. Er schätzt eine Quote von 80 Prozent aller Fahrradunfälle, die nirgendwo erfasst werden. "Vor allem bei Trunkenheitsunfällen ruft ja kein Fahrradfahrer die Polizei."

Auch der Chirurg und kommissarische Bereichsleiter der Unfallchirurgie der Universitätsklinik Leipzig, Johannes Fakler, geht davon aus, dass viele Radfahrer bei leichteren Blessuren erst einmal einige Tage lang abwarten, bis sie doch zum Arzt gingen.

Hauptunfallursachen - verursacht durch Radfahrer

  • Unaufmerksamkeit des Radfahrers (Ablenkung, Handynutzung, Kopfhörer auf)
  • Radfahrer benutzt falsche Straßenseite
  • Vorfahrtsmissachtung und Missachtung der Ampel
  • Zu schnelles Fahren
  • Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr


Quelle: GIDAS: German In-Depth Accident Study, in der jährlich rund 2.000 Unfälle mit Personenschaden ausgewertet werden

Häufigste Unfallursachen durch Unfallgegner

  • Mehr als jeder 3. Fahrradunfall passiert wegen einer Vorfahrtsmissachtung anderer Verkehrsteilnehmer.
  • Abbiegefehler, vor allem beim Linksabbiegen
  • Fehler bei Einfahrten in den fließenden Verkehr
  • Fehler beim Wenden, Rückwärtsfahren
  • Aussteigefehler von Fahrer/Beifahrer beim Ein- und Aussteigen

Ein Fahrradfahrer weicht einer eben geöffneten Autotür aus.
Ein Fahrradfahrer weicht einer eben geöffneten Autotür aus. Bildrechte: imago/imagebroker

Quelle: VUFO GmbH, Analyse zu Fahrradunfällen und Präventionsmöglichkeiten

Verletzungen und Stürze bei Radfahrern

Etwa 20 bis 25 Fahrradstürze behandeln die Ärzte in der Universitätsklinik Leipzig jede Woche. "Ein Viertel der Verletzten ist schwer verletzt. Einer von fünf Verletzten davon ist ein Pedelec-Fahrer", sagt Chirurg Fakler. Tendenz? "Merklich steigend!"

Diese Verletzungen treten am häufigsten bei schwer verletzten Fahrradfahren auf:

  • Schädelverletzungen
  • Gesichtsverletzungen
  • Schäden an Armen und Beinen, bei Pedelec-Fahrern besonders komplexe Verstauchungen an Sprunggelenken und Füßen nach Brems- oder Absteigefehlern
  • innere Verletzungen (eher selten)

Quelle: Unfallchirurgie Universitätsklinik Leipzig

Warum verursachen Pedelec-Nutzer Probleme?

E-Bikes gelten aus technischer Sicht nicht als gefährlicher oder unsicherer als andere Fahrräder. Aber: "Viele Nutzer sind Senioren. Sie sind auf Pedelecs vergleichsweise stark gefährdet und verletzen sich auch häufiger schwer, weil sie sich schlechter schützen. In Problemsituationen sind sie nicht mehr so agil", hat Unfallforscher Henrik Liers festgestellt. Ihm bereitet der starke Zuwachs von älteren getöteten Pedelecfahrer große Sorgen. "Zuletzt waren 71 Prozent aller getöteten Pedelecfahrer 65-Jährige und Ältere." Die meisten von ihnen (91 Prozent) trugen auch keinen Fahrradhelm."

"Alles ging so schnell"

"Ältere reagieren langsamer als jüngere Leute. Beim Fallen können sie sich nicht so abstützen, zudem haben sie weniger stabile Knochen", sagt Unfallchirurg Dr. Johannes Fakler. Oft höre er von älteren Fahrradverletzten in der Notaufnahme: "Dass mir ein Sturz passieren musste... Alles ging so schnell."

"Fahrradfahren verlernt man doch nicht"

Es sei eben etwas anderes, mit einem Pedelec bei Tempo 20 oder 24 zu stürzen "als mit dem Diamant-Fahrrad von früher, dass man mit eigener Muskelkraft um die zehn Stundenkilometer bewegt hat", urteilt Verkehrsforscher Liers. Viele ältere Pedelec-Käufer seien Wiedereinsteiger, die jahrelang nicht mehr oder zuletzt zu DDR-Zeiten Fahrrad gefahren seien oder höchstens als Beifahrer am Verkehr teilnahmen. "Ihnen fehlt die Perspektive der potenziellen Unfallgegner und die Fahrsicherheit." Zudem sei der Verkehr auf Sachsens Straßen deutlich schneller und komplexer geworden.

E-Bike - Pedelec: Ist das nicht dasselbe? - Nein. Die meisten der in Deutschland angebotenen Elektrofahrräder sind Pedelecs. Der Name steht für Pedal Electric Cycle.

- Pedelecs unterstützen den Fahrer nur dann, wenn er in die Pedale tritt. Die Geschwindigkeit liegt bei maximal 25 Kilometern pro Stunde. Nur dann gelten Elektrofahrräder juristisch noch als Fahrräder und müssen nicht zugelassen werden.

- E-Bikes fahren auf Knopfdruck, ohne dass der Fahrer in die Pedale tritt. Ab sechs Stundenkilometern sind diese Systeme zulassungspflichtig (Leichtmofas). Sie werden eher selten verkauft. Man braucht zumindest einen Mofa-Führerschein dafür. Es gibt auch schnellere E-Bikes, die 45 km/h fahren können

- Viele sagen umgangssprachlich E-Bikes, meinen aber Pedelecs.

Quelle: ADAC/Juristische Zentrale

Pedelec zum Ausleihen.
Bildrechte: imago images / Lichtgut

Tipps für Neulinge auf E-Bikes

Der Leipziger Unfallchirurg Johannes Fakler rät allen, die sich ein Pedelec kaufen wollen, zu umfassender Beratung. "Man sollte nicht gleich das preiswerteste Modell nehmen. Es lohnt sich auszuprobieren, wie man mit elektrischem Vorderradantrieb zurechtkommt im Vergleich zum Hinterradantrieb." Zudem sollte jeder mit seinem neuen E-Bike auf einem Platz erst einmal das Gefährt kennenlernen und sich ausprobieren. "Man muss ein Gefühl für das Bremsverhalten, das Anfahren und die Geschwindigkeit bekommen", sagt Fakler.

Extra-Tipps für Senioren

Seiner Meinung nach sollten alle Fahrradfahrer Helme tragen. Aber besonders diejenigen, die Blutverdünner als Medikamente einnehmen. Sie sind bei Kopfverletzungen und Wunden besonders gefährdet." Allen Senioren, die Probleme mit Knien oder Hüfte haben, empfiehlt der Mediziner Pedelecs mit niedriger Einstiegshöhe.

Seniorin steigt auf ein Pedelec
Anhand eines Pedelec-Simulators können interessierte Senioren üben, ob so ein Fahrradtyp etwas für sie ist und sie beim Fahren damit zurechtkommen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Das empfiehlt der Unfallforscher allen, die das elektrische Fahrradgefühl erleben wollen:

Das Allerallerwichtigste ist, einen Fahrradhelm zu tragen. Viele tödliche Unfälle wären vermeidbar gewesen, wenn der Fahrradfahrer einen Helm getragen hätte.

Henrik Liers Verkehrsforscher- und analytiker

  • StVO genau lesen: "Viele wissen nicht, was für Fahrradfahrer erlaubt ist und was nicht. Das gilt im Übrigen für alle Verkehrsteilnehmer."
  • Wer jahre- oder jahrezehntelang nur Beifahrer war oder keinen Führerschein besitzt, sollte die Verkehrsregeln einüben.
  • Paragraf 1 der StVO ernst nehmen und nicht auf seinem Recht beharren, "denn Radfahrer haben keine Knautschzone. Sie können durch regelkonforme und defensive Fahrweise Unfälle vermeiden und sich aktiv schützen", betont Unfallforscher Henrik Liers. "Auto- und LKW- Fahrer sollten dagegen noch deutlich stärker für die verletzlichen Verkehrsteilnehmer auf zwei Rädern sensibilisiert sein."

Das besagt Paragraf 1 der StVO 1. Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

2. Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Seniorinnen auf Pedelecs die größten Helmmuffel

Unfallchirurgen und Unfallforscher sind sich einig: "Fahrradhelme retten leben" und "können vieles abmildern". Wenn Unfallchirurg Dr. Fakler im Leipziger Stadtverkehr Radler ohne Helm fahren sieht, dann "ist das für mich unverständlich". Die Helmtragequote steigt bundesweit nur leicht an und liegt derzeit bei 18 Prozent.

"Während mehr als Dreiviertel aller Kinder bis zehn Jahren einen Fahrradhelm tragen, sind es bei den 20-Jährigen nur noch zehn bis 17 Prozent", hat Verkehrsexperte Liers festgestellt. Und: Die Helmtragemuffel überhaupt sind ältere Frauen ab 60 Jahren. Sie lehnen fast alle Helme ab nach dem Motto: "Was soll mir schon passieren?"

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.08.2020 | 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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