Eine Sprechstundenhilfe spricht mit Patienten im Wartezimmer einer Arztpraxis.
Bildrechte: IMAGO

Medizinische Versorgung "Der Ärztemangel in Sachsen ist nicht wegzureden"

In vielen Regionen Sachsens droht eine Unterversorgung mit Hausärzten. Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, Klaus Heckemann, schlägt Alarm. In der MDR-Fernsehsendung "Fakt ist!" diskutierte Moderator Andreas F. Rook mit ihm sowie Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch, dem Gesundheitswissenschaftler Joachim Kugler und den Hausärztinnen Ingrid Dänschel und Wenke Wichmann.

von Katrin Tominski

Eine Sprechstundenhilfe spricht mit Patienten im Wartezimmer einer Arztpraxis.
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Ewige Wartezeiten, keine Termine oder schlichtweg keine Arztpraxen mehr: Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, Klaus Heckemann, mahnt, den Ärztemangel ernst zu nehmen. In der MDR-Sendung "Fakt ist!" in Dresden sagte er, das Problem sei nicht mehr wegzureden. Allein in Sachsen fehlten derzeit 253 Hausärzte. In vielen Regionen drohe eine Unterversorgung. "Es gibt Kliniken vor allem in Ostsachsen, die ohne Ärzte aus dem Ausland überhaupt nicht mehr funktionieren würden. Es ist einfach an der Zeit, dies einmal zu realisieren."

Selbst in den größeren Städten gibt es im hausärztlichen Bereich an keiner Stelle eine Überversorgung.

Klaus Heckemann Arzt und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsens
Klaus Heckemann
Klaus Heckemann Bildrechte: Kassenärztliche Vereinigung Sachsen

Eine Ursache sieht Klaus Heckemann in den Regularien des Medizinstudiums. Der Zugang zu den ohnehin raren Studienplätzen sei durch strenge Zugangsvoraussetzungen reglementiert. Der hohe Numerus Clausus verhindere ein Medizinstudium für alle, die kein Abitur mit bestem Notendurchschnitt um die 1,0 ablieferten. Zudem sei der Anteil von Teilzeitkräften in der Medizin immer weiter gestiegen.

Defizite im Medizin-Studium

Ingrid Dänschel; Hausärztin in Lunzenau
Ingrid Dänschel Bildrechte: axentis.de/Lopata

Auf Defizite in der Ausbildung machte Hausärztin Ingrid Dänschel aufmerksam. "Im Studium muss das Fach Allgemeinmedizin gestärkt werden", sagte sie. Während in Dresden noch nicht einmal zehn Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeinmedizin beschäftigt seien, arbeiteten an der Uni Heidelberg mehr als 70 Mitarbeiter für die Ausbildung der Hausärzte. Nicht allen jungen Medizinern gefalle es zudem automatisch in den Krankenhäusern. "Ich sehe sehr viele kluge junge Menschen heranwachsen", sagte die Ärztin, die in Dresden eine akademische Lehrpraxis betreibt. "Viele kommen jedoch aus der Klinik und sagen, 'eigentlich wollte ich doch Arzt werden und keine Maschinen bedienen'."

Junge Ärzte wollen in die Stadt

Wenke Wichmann ist angehende Frauenärztin.
Wenke Wichmann Bildrechte: Wenke Wichmann

Das kann die junge Ärztin Wenke Wichmann nicht verstehen. Ihr gefällt die Arbeit im Krankenhaus. "Ich möchte meine Ausbildung auf breite Beine stellen und mag es, in einer Stadt zu leben, abends auch einmal in eine Kneipe zu gehen - und dabei nicht meinen Patienten begegnen zu müssen", sagte Wichmann. "Meine Generation zieht es eher in Städte, wenn dort Stellen angeboten werden." Die Kritik einer stiefmütterlichen Ausbildung für Allgemeinärzte wies sie in Teilen zurück. "Von vier Monaten Pflichtpraktikum müssen zwei in einer Niederlassung gemacht werden."

Weltweiter Trend Urbanisierung

Den Grund für die Abwanderung junger Ärzte in die Städte sieht Gesundheitswissenschaftler Joachim Kugler jedoch nicht nur in persönlichen Vorlieben, sondern auch in einer weltweiten Entwicklung. "Wir haben einen Megatrend auf der Welt hin zur Urbanität", sagte Kugler. "Die Diskussion könnten wir in allen Ländern der Welt führen." Die Tendenz, dass sich junge Menschen lieber in Städten niederlassen, sei in allen akademischen Bereichen international verbreitet.

Dem Trend zur Urbanisierung kann laut Kugler nicht nur mit einer Maßnahme begegnet werden. Der Gesundheitswissenschaftler verwies auf eine private medizinische Fakultät in Neuruppin. Dort bezahlen Krankenhäuser Studienplätze und verpflichten die Studierenden im Gegenzug, fünf Jahre in regionalen Kliniken zu arbeiten. Die Nachfrage ist groß. "Das ist ein innovativer Modellversuch", sagte Kugler.

Die Medizinstudenten werden in Neuruppin nicht nur nach Numerus Clausus ausgewählt, sondern auch nach praktischer Erfahrung und persönlicher Eignung.

Joachim Kugler Gesundheitswissenschaftler

Sozialministerin will mehr tun

Barbara Klepsch Sächsische Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz
Bildrechte: MEDIEN360G/Mitteldeutscher Rundfunk

Sozialministerin Barbara Klepsch bestätigt die Defizite bei der Ausbildung der Hausärzte. "Ja, das Fach Allgemeinmedizin muss gestärkt werden. Trotzdem sind die Maßnahmen, die bislang ergriffen worden, nicht falsch", sagte Klepsch. Bislang hätten sich im Rahmen der Förderprogramme rund 250 junge Mediziner für eine Tätigkeit im ländlichen Raum entschieden." Die Förderung sei eine Maßnahme. "Wir müssen jedoch mehr tun", erklärte die Sozialministerin.

Lange Weg in Kauf nehmen

Für Hausärztin Dänschel liegt eine von vielen Lösungen auf der Hand. "Wir müssen uns trauen, neue Weg zu gehen", sagte die Medizinerin. "Viele junge Ärzte sind durchaus bereit, im Erzgebirge zu arbeiten und längere Wege in Kauf zu nehmen. Jedoch nur, wenn dieser zur Arbeitszeit gehört."

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FAKT IST! | 12.03.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 10:59 Uhr

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7 Kommentare

14.03.2018 11:53 Logik 7

@1
Wie wäre es, zuerst an der eigenen Nase zu fassen. Warum sollte irgendein Wissenschaftler nach Sachsen (außer vllt Dresden und Leipzig), um Nörgler ertragen zu müssen. Geben Sie mir bitte ein vernünftiges Argument. Selbst Flüchtlinge meiden Sachsen, wieso sollte ein hochgebildeter Arzt nach Sachsen.

13.03.2018 21:09 steffen4 6

wen wundert`s ?
so gewollt von den politischen akteuren, sie hätten die weichen anders stellen KÖNNEN.
zwangsversichert gegen privat - da bleibt wieder der alte spruch - wer arm ist muß früher sterben. -war "früher " auch so . 2103

13.03.2018 13:48 Jens 5

Rot-grün hatte sich seinerzeit entschlossen, Marktstrukturen in ein Sozialsystem einzuführen. Nun führen Krankenkassen eine Bürokratieschlacht gegen die Leistungserbringer. Das bindet Arbeit und natürlich Fachpersonal. Bei den Krankenhäusern müssen sich Ärzte mit der Bürokratie rumschlagen, anstatt am Patienten zu arbeiten und der MDK rekrutiert ihnen noch die Kollegen weg. Diese dürfen sie dann mit Massenprüfungen beschäftigen, damit die Kassen stolz "Kostenersparnisse" präsentieren können. Am Ende sparen sie aber an den Leistungen der Versicherten. Markt gehört nicht in Sozialsysteme!

13.03.2018 13:30 Chris 4

der sollte sich mal nunmehr an den feinen neuen hoch Qualifizierten Gesundheitsminister wenden und den zu einer ordentlichen, sauberen Arbeit gegenüber dem Bürger verpflichten , wir als Arschlöcher in diesem Staat haben nichts zu sagen.

13.03.2018 12:34 Mal ne Anmerkung 3

Das Problem ist doch nicht erst eit gestern bekannt.Und nichts wurde unternommen.Und die Sozialministerin Frau CDU Klepsch will mehr tun?Warum nicht eher ,die Frau ist schon länger im Amt und es muss erst "öffentlichen Aufruhr" geben ,damit sie sich bewegt.

13.03.2018 11:39 Ichich 2

Das ist kein "innovativer Modellversuch", sondern die blanke Not. Siehe auch Kassel und Nürnberg. Dazu kommt dann die lustige Petitesse, daß man in Sachsen-Anhalt vor wenigen Jahren die medizinische Fakultät der MLU schließen wollte.

13.03.2018 10:55 Wachtmeister Dimpfelmoser 1

Und was ist mit den uns angepriesenen Fachärzten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan? Notfalls müssen dann eben noch fix 253 Moscheen gebaut werden.