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"Fakt ist!" aus Dresden Die Ostdeutschen: "Die Unsicherheit hat sich eingebrannt"

"Vom Sorgenkind zum Trendsetter? Wie der Osten Deutschland verändert" fragte Moderator Andreas F. Rook in der "Fakt ist!"-Sendung am Montagabend. Als Antwort gab es mehr Vergangenheit als Zukunft. Ein Indiz dafür, dass die Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs noch immer gegenwärtig sind. Doch der Blick nach vorn kann sich trotzdem lohnen - gerade und trotz der besonderen Erfahrungen vieler Ostdeutscher.

von Katrin Tominski

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Wie ticken sie denn nun die Ossis? Warum haben so viele AfD gewählt? An diesen Fragen scheint kein Gespräch über Ostdeutschland vorbeizukommen.

"Wir haben im Osten eine andere Fallhöhe, wenn es darum geht,  die neuen Realitäten in dieser Welt einzupreisen in das tägliche Leben", erklärte Antje Hermenau, Politikberaterin und ehemalige Chefin der Grünen im Sächsischen Landtag. "Die Leute haben noch in Erinnerung, wie es früher war, als es schwieriger gewesen ist. Da gibt es eine größere Nähe zu Turbulenzen und Schwierigkeiten im Leben. Das geht übrigens nicht nur den Ostdeutschen so, sondern auch den Osteuropäern."

Jacobs: Erfahrungen mit der Treuhand sind tief verwurzelt

Tiefgreifende Erfahrungen attestiert auch der Filmproduzent Olaf Jacobs den Ostdeutschen. "Bestimmte Effekte sind hier früher stärker und wuchtiger ausgebrochen. Das hat natürlich auch mit ökonomischen Rahmendaten zu tun. Der Umbruch war stärker als die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise", erklärte der Produzent der MDR-Dokumentation "Wer braucht den Osten?" "Die Erfahrungen mit der Treuhandpolitik sind bis heute ganz tief verwurzelt."

Unternehmer aus Pirna kritisiert Großparteien

Der Pirnaer Unternehmer Ralf Böhmer sieht im Osten ein Ventil, das sich geöffnet hat. "Im Osten ist eine bestimmte Benachteiligungsthematik da. Wenn eine Friseurin nur 850 Euro verdient und ein Flüchtling vielleicht mehr bekommt, müssen Sie das erklären." Hinzu komme eine Politikverdrossenheit durch das sichere Auftreten der Großparteien, "die ihresgleichen sucht". Spätestens jetzt war die Diskussion in der Gegenwart gelandet.

Annekatrin Klepsch
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Ich glaube, die Ostdeutschen gibt es nicht mehr, das ist ein Mythos.

Annekatrin Klepsch Kulturbürgermeisterin Dresden

Der Osten als Experimentierfeld

Nach Ansicht von Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch ist der Osten seit vielen Jahren ein Experimentierfeld. "Jetzt stoßen dort Kräfte aus dem rechten politischen Spektrum hinein, die den Osten als politisch-kulturelles Experimentierfeld begreifen." Die großen Protagonisten der AfD wie Alexander Gauland seien im Westen sozialisiert und wüssten genau, wie Medien und Politik funktionieren. Sie  hätten im Osten ein neues Experimentierfeld gefunden, um andere Strukturen aufzubauen, wie Götz Kubitschek mit seinem privaten Institut für Staatspolitik. "Diese Agenda ist auf ein Vakuum gestoßen, auf Räume außerhalb der Großstädte, wo Strukturen zurückgebaut waren, wo sich die öffentliche Hand zurückgezogen hat, wo der Staat nicht mehr präsent war", sagte Klepsch.

Journalist Michael Kraske
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Die Geschichten der Ostdeutschen, die völlig neu beginnen mussten, sind nicht ausreichend erzählt worden. Die Unsicherheit hat sich eingebrannt, das ist etwas, was jetzt zurückkommt.

Michael Kraske Journalist

Trendsetter Ostdeutschland?

Doch was kann man jetzt von den Ostdeutschen lernen? Wo können sie Trendsetter sein? "Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen im Osten mutiger sind", sagte Unternehmer Böhmer. Sie hätten viel riskiert und seien in völlig neue Positionen gewachsen. Der Journalist Michael Kraske führt bei den Pluspunkten das Angebot an Kita-Plätze an. "Davon können die Hamburger nur träumen", so Kraske. Er wünscht sich für den Osten nicht nur Dialog und Austausch, sondern eigene kreative Angebote und Zukunftsvisionen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN "Fakt ist!" aus Dresden | 29.05.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2018, 15:46 Uhr

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9 Kommentare

31.05.2018 15:57 catarina 9

@Ullrich@Axel
den herren der angeblichen schöpfung sei gesagt: "Zur Ehrlichkeit gehört für mich halt dazu, " das ökonmie nicht alles ist. der dramatische einbruch der eheschließungen und geburtenzahlen war das Ergebnis dieses verhunzten anschlusses. davon haben wir uns heute noch nicht erholt. geburtenraten von fast 2 waren vor der wende üblich, hätten nach der wende mit dem gewinn 'neuer freiheiten' und möglichkeiten erst recht erzielt werden können und müssen. dem war aber nicht so, da dieser staat und die wirtschaft bis heute eben eine reine männerdomäne ist.
wo im osten früher frauen vollzeit arbeiten gehen konnten, standen sie nach der wende wieder meistens am herd

danke dafür - für nichts!
backt euch eure nachkommen selbst

31.05.2018 13:24 Ullrich 8

@Axel
Ich habe nichts anderes behauptet. Die Erkenntnis, das die Währungsunion (besonders die 1:1 Bewertung der Löhne) der Tod der ostdeutschen Wirtschaft war, haben viele aber nicht und gehen von einer Produktivität aus, die es schlicht nicht gab. Die Wirtschaft wäre mit einem Umtausch von ca 4:1 erhalten geblieben und hätte sich erneuern können. Problem an dieser Lösung wäre wahrscheinlich eine Massenflucht größer der ohne hin schon stattfindenden Anfang der 90er gewesen.
Das Thema Anteilsscheine sehe ich kritisch - in Russland hat das zu einer noch größeren Ungleichverteilung geführt!
Was sie in meinen Augen vergessen, wenn sie auf andere Ostblock Staaten verweisen, ist das diese durch eine große wirtschaftliche Krise in den 90ern gegangen sind. Mit niedrigen Löhnen, hoher Arbeitslosigkeit und geringen sozialen Standards.
Zur Ehrlichkeit gehört für mich halt dazu, zu erkennen, dass es ökonomisch heute in den nbl im Vergleich zu 89 sehr gut aussieht.

31.05.2018 11:30 Axel an Ullrich (6) 7

Na, sehen Sie: Sie sind ja ganz von selbst darauf gekommen, das die 'schnelle' Währungsunion ökonomisch genauso ein Bullshit war. :-)))
Den absoluten Blödsinn hat aber die letzte 'Volkskammer' selbst verzapft: Die hätten Anteilsscheine, Optionen etc auf das sogenannte 'Volksvermögen' an die Ostdeutschen begeben müssen. Dann wären die ostdeutschen AluMarks aus dem Verkehr gekommen und die Ostdeutschen hätten einen zukünftigen Gegenwert für ihre 'Investitionen' gehabt. DANN wäre es vielen gleich nach der Wende besser gegangen .... da das sogenannte 'Volksvermögen' (in Summe) aufgewertet worden wäre und nicht für 'ein Appel und n Ei' übern Ladentisch gegangen wäre

31.05.2018 08:13 Ullrich 6

@Axel
Mit Verlauf, da haben sie viel Unfug geschrieben!
Die Wachstumsraten in den neuen Bundesländern nach der Wende waren fast durchweg höher als der Bundesschnitt. Das wissen sie auch. Wirtschaftlich geht es dieser Region heute deutlich besser als vor 89 und es gibt viele Beispiele für den Aufschwung. Wenn sie aber anfangen Vergleiche mit anderen osteuropäischen Ländern zu ziehen, dann müssen sie zwingend auf den negativen Effekt der Währungsunion in Deutschland eingehen. Diese hat, wie sie wissen, Arbeit in den nbl deutlich verteuert und somit die wahre Produktivität und Leistungsfähigkeit der Betriebe aufgezeigt! Diese Effekt gab es anderen Ländern nicht, so dass eine Transformation der Wirtschaft einfacher möglich war.

30.05.2018 18:22 Axel an Ullrich (4) 5

Die signifikante Unwissenheit über die reale wirtschaftliche Lage scheint eher auf Ihrer Seite zu liegen.

Schauen Sie sich die Esten, die Polen, die Tschechien an ... die haben HÖHERE Wachstumsraten als D, das scheinbar Einzige was 'der Westen' dem Osten gebracht hat ist die Tatsache das JEGLICHE Initiative, JEGLICHES Kreative, JEGLICHE Dynamik des Transformationsprozesses durch 'Verwaltung' im Keim ERSTICKT wurde! Sie und ihresgleichen haben bis heute nicht erkannt, das sie den ganzen 'Aufbruchprozess' durch die Implementierung der sogenannten 'Treuhandanstalt' im Vorfeld schon zum Scheitern verurteilt hatten. DAS war das ABSOLUT ÖKONOMISCH DÄMLICHSTE was man überhaupt machen konnte. Da hätten Sie und ihresgleichen auch gleich die BOLSCHEWISTISCHE Revolution und den nächsten 'Zehnjahresplan' ausrufen können. Sie haben bis heute nicht erkannt, das die Menschen im Osten BEREIT für den AUFBRUCH WAREN!

Ökonomische Belehrung Ihrerseits ist zwecklos. Ich hab ausgiebig studiert.

30.05.2018 08:45 Ullrich 4

Leider geht jetzt das übliche Gejammer - wir Armen ostdeutschen - wieder los.
Um die Entwicklung in den nbl zu verstehen, muss die Zeit zwischen 45 und 89, insbesondere im wirtschaftlichen Bereich, dringend besser aufgearbeitet werden. Bei zu vielen ist nach wie vor eine signifikante Unwissenheit über die reale wirtschaftliche Lage der DDR vorhanden. Sicher hat sie Treuhand bei ihrer historisch einmaligen Aufgabe Fehler gemacht, für den wirtschaftlichen Niedergang der nbl ist sie aber nicht verantwortlich! Die Wirtschaft war in den meisten Bereichen nicht konkurrenzfähig. Hier sind deutliche Parallelen mit der Aufarbeitung des 3. Reiches und der heutigen latenten Rechtslässigkeit einer (nicht) kleinen Bevölkerungsschicht in den neuen Bundesländern zu sehen.

29.05.2018 19:49 Wieland der Schmied 3

Gut 25 Jahre nach der Wende ist der Zorn über Deinstrualisierung und Veramschung weitestgehend verraucht und man hat sich dank der DDR-Erfahrung, mit wenig ausreichend gut zu leben, durchgeschlagen. Genau diese Erfahrung hat sie aber auch darüber nachdenken lassen, wie es zum Umsturz kam und wie man heute wieder seine Rechte aktiv geltend machen kann. Der Zünder waren AfD und Pegida. Fanden sie in Mitteldeutschland den ersten großen Anklang und weite Verbreitung, spätestens seit dem zweiten Schub nach Kandel und Cottbus sind sie Allgemeingut und werden nicht mehr differenziert. Patzelts Hinweis, der Westen könne dem Osten nachfolgen, wenn es dort gelänge mit kleinen Parteien zu Ergebnissen zu kommen, kann man so verstehen, daß die jetzigen Großparteien CDU und SPD nicht mehr lange lebensfähig sein werden.

29.05.2018 16:43 Klartext 2

Der Osten wurde verkauft und verramscht ! Schuld daran ist auch Helmut Kohl,anstelle hohler Phrasen, wie blühende Landschaften,hätte er als hochrangiger Politiker darauf achten müssen,das durch die Treuhand keine Verbrecher und Betrüger die Industrie der DDR fast komplett zerstören konnten ! Im weiteren Zeitgeschehen habe ich mit vielen Wessis zu tun gehabt,wenn sie sich über die Arbeit definiert haben,dh. sie konnten was ,war diese Zusammenarbeit hervorragend und freundschaftlich !

29.05.2018 15:01 Fragender Rentner 1

Zitat von Oben: Die Ostdeutschen: "Die Unsicherheit hat sich eingebrannt"

Das ist der größte Quatsch den man uns auftischt !!! :-(((

Wenn man den Osten nur ausnimmt, denke da nur mal an die Löhne, und die sind real, wo ist da die "Vergangenheit"? :-(

Wie der MP Hr. Haseloff vor ein paar Tagen gesagt es dauert noch 100 Jahre für ein etwa gleiches Deutschland und da sind die 100 Jahre wohl Vergangenheit?

Die Politiker spielen eben gern die Menschen gegen einander aus. :-(