Steigende Kosten Viele Pflegebedürftige auf Sozialhilfe angewiesen

Über steigende Pflegekosten diskutierte Moderator Andreas F. Rook am Montagabend bei Fakt ist! mit seinen Gästen Susanne Schaper (Die Linke), Patrick Schreiber (CDU), dem Altersforscher Thomas Kalwitzki, der AWO-Geschäftsführerin in Auerbach/Vogtland, Katrin Schmidt, und dem Sohn eines Pflegebedürftigen, Dietmar Groschischka.

von Katrin Tominski

Mama, Papa, wie lange bleibt ihr fit? Wie lange geht es euch gut? Wie lange könnt ihr euch zu Hause selbst versorgen? Lässt sich der Umzug in ein Altenheim vermeiden? Diese bangen Fragen stellen sich in Sachsen viele Menschen, wenn sie nicht schon betroffen sind. Wer es nicht weiß, ahnt es: Schon die Organisation der Pflege eines Angehörigen ist eine Wissenschaft für sich und sie kostet.

Dietmar Groschischka, Gesprächsgast in der Sendung Fakt ist
Dietmar Groschischkas Vater lebt in einem Altenheim. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Wenn ein Platz im Altenheim über 1.000 Euro kostet, die Rente jedoch oft nur knapp die Grundsicherung deckelt, klafft eine fette Differenz. Hinzu kommt: Um die Pflegekräfte tarifgerecht zu entlohnen, ist der Eigenanteil der Bewohner in Altenheimen gestiegen. Seit Jahresanfang müssen die meisten der mehr als 50.000 Heimbewohner in Sachsen mehrere Hundert Euro im Monat mehr für ihren Platz bezahlen.

"Die Erhöhung des Eigenanteils in der Pflege ist eine Katastrophe", erklärte Dietmar Groschischka, dessen Vater im Altenheim lebt. Sie treffe die Generation, die nach dem Krieg Deutschland wieder aufgebaut habe. "Ich habe Angst davor, auf das Pflegegeld angewiesen zu sein." In Zuschriften zur Sendung heißt es: "Ich sage nur noch Horror! Hier wird gespart zu Lasten der Angehörigen." Oder: "Ich arbeite im ambulanten Dienst und sehe jeden Tag Rentner, denen ich Essen machen soll, aber der Kühlschrank ist leer.

Linken-Abgeordnete Schaper: "Krankes System"

Dass das alles so nicht weitergehen kann, da waren sich alle Gäste bei Fakt ist! einig. Die Pflegekosten dürfen für Bewohner nicht weiter steigen, das System muss reformiert werden - vor allem in Hinblick auf geringe Renten durch Jahre der Arbeitslosigkeit im Osten, einer alternden Bevölkerung und tendenziell weiter steigenden Kosten. Nur wie das gelingen soll, darüber gingen die Meinungen auseinander. "Das System ist krank", kritisierte die Krankenschwester und Linken-Landtagsabgeordnete Susanne Schaper. Ein Eigenanteil von 1.100 Euro für einen Platz im Altenheim sei keine Seltenheit. "Die Versicherung erfüllt nicht den Anspruch, den sie haben sollte - nämlich Sicherheit zu geben."

AWO Auerbach-Vogtland: 70 Prozent der Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen

Katrin Schmidt, Gesprächsgast in der Sendung Fakt ist
Geschäftsführerin der AWO Auerbach im Vogtland, Katrin Schmidt Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

"Niemand will anderen auf der Tasche liegen. Bewohner kommen, selbst wenn sie Erspartes haben, an ihre Grenzen", erklärte die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Auerbach im Vogtland, Katrin Schmidt. Wenn Rente und Ersparnisse nicht reichen, bliebe oft nur der Antrag beim Sozialamt. Insgesamt 70 Prozent der Heimbewohner haben laut Schmidt im Bereich der AWO Auerbach-Vogtland schon jetzt Sozialhilfe beantragt. Der Grund: Ihre Renten reichen für die Zuzahlungen nicht mehr aus. "Von 510 Plätzen insgesamt sind 70 Prozent auf Sozialhilfe angewiesen. Das ist immens und hat uns selbst erschrocken", sagte Schmidt.

Chemnitz: 700.000 Euro Mehrausgaben

Susanne Schaper, Gesprächsgast in der Sendung Fakt ist
Linken-Abgeordnete Susanne Schaper Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Für Sozialhilfe in der stationären Pflege rechnet die Stadt Chemnitz laut Schaper schon in diesem Jahr mit Mehrausgaben von 700.000 Euro. Die hohen Pflegekosten belasten durch die Sozialhilfe-Zuschüsse zudem die ohnehin schon oft klammen Kommunen. "Wir brauchen eine Pflegevollversicherung", forderte Schaper. Zudem müsse die Beitragsbemessungsgrenze endlich wegfallen. Bislang zahlen Menschen mit einem Einkommen von 10.000 Euro das Gleiche wie Arbeitnehmer mit einem Lohn von 4.500 Euro. "Wir sind für einen solidarischen Umbau, wenn etwas gesamtgesellschaftlich getragen werden soll, dann doch in Würde zu altern." Die Linken-Politikerin schlug zudem vor, den Solidaritätszuschlag nicht abzuschaffen. Vielmehr solle der Soli in die Pflegefinanzierung fließen.

Pflegekasse zahlt nur Sockelbetrag

Thomas Kalwitzki, Gesprächsgast in der Sendung Fakt ist
Altersforscher Thomas Kalwitzki Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Doch wo liegt eigentlich das Problem? Warum müssen Heimbewohner einen Zuschuss zahlen, wenn es doch eine Pflegeversicherung gibt? Die Pflegeversicherung zahlt nur einen Sockelbetrag. Den übrigen Betrag zahlen die Bewohner der Altenheime. Das Problem: Dieser Beitrag ist nach oben offen und muss die Mehrkosten der Heime deckeln - darunter die Kosten für Sanierung, Renovierung und für gestiegene Löhne. Das führt dazu - wie jetzt geschehen - dass die jetzt eingeführten Tariflöhne für die Pfleger von den Bewohnern und nicht von der Kasse getragen werden müssen.

Altersforscher: "System einfach umdrehen"

Der Altersforscher Thomas Kalwitzki schlug deswegen vor, das System einfach umzudrehen. "Unsere Idee ist: Der Pflegebedürftige zahlt den Sockelbetrag, den Rest die Pflegeversicherung", sagte Kalwitzki. Schon 600 Euro könnten sich heute viele nicht mehr leisten.

Wir würden dafür sorgen, dass die Pflegeversicherung endlich das tut, was sie tun sollte: Die Menschen in ihrer Lebenszeit kalkulierbar absichern.

Thomas Kalwitzki Altersforscher an der Universität Bremen

Was ist Pflege wert?

"Es muss eine Diskussion darüber geführt werden, was ist uns Pflege wert ist", erklärte der CDU-Landtagsabgeordnete Patrick Schreiber. Eine Pflegevollversicherung lehnt er allerdings ab. Schreiber sieht neben der Erhöhung der Beiträge für die Pflegeversicherung den Umbau des Systems als Lösung. "Das System muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden", sagte er und folgte dem Vorschlag Kalwitzkis.

Schaper: "Wir können die Menschen nicht einfach zum Sozialamt schicken"

Patrick Schreiber, Gesprächsgast in der Sendung Fakt ist
CDU-Landtagsabgeordneter Patrick Schreiber Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

"Das Grundproblem ist, dass es als Schmach angesehen wird, zum Sozialamt zu gehen", erklärte Schreiber. Dafür erntet er harten Gegenwind von Linken-Politikerin Schaper. "Die Menschen haben den Wohlstand, in dem wir jetzt leben, erarbeitet. Seit knapp 30 Jahren wird Sachsen als Niedriglohnstandort beworben. Jetzt steuern wir auf eine Altersarmut zu. Wir können diese Menschen jetzt nicht einfach zum Sozialamt schicken", sagte Schaper. Hinter ihren Leben stünden ostdeutsche Biographien mit grundsätzlich wenig Vermögen. Oft sei nicht viel Zeit geblieben, zu sparen. "Die, die gepflegt werden müssen, tragen die Kosten. Das kann nicht sein. Die Pflegeversicherung wird ihrem Anspruch nicht gerecht", sagte Schaper.

Investoren machen Geschäfte mit Altenheimen

Hinzu kommt: Finanzinvestoren kaufen sich mit Milliarden in die deutsche Pflegebranche ein. Die  Europäische Aktionsgesellschaft "Alloheim Senioren-Residenzen SE", die nach eigenen Angaben auch vier Standorte in Sachsen hält, gehört nach Recherchen der ARD beispielsweise dem schwedischen Finanzinvestor Nordic Capital. Ebenso die Vitanas GmbH & Co. KGaA: Sie betreibt in Sachsen vier Altenheime in Dresden, Riesa und Bautzen und soll laut Medienberichten dem Finanzinvestor Oaktree gehören. Diese Entwicklungen thematisierten die Gäste leider nicht in der Sendung. Lediglich Linken-Angeordnete Schaper erklärt in einem Satz: "Renditen sollen bei der Daseinsfürsorge kein Thema sein."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Fakt ist! aus Dresden | 18.02.2019 | 22:05 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 16:02 Uhr

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1 Kommentar

19.02.2019 16:47 Willy 1

ein Pflegeheim kostet bei uns mit Pflegestufe 3 , 3 1 00.- Euro + Rente + 1. 900.-Euro von der Pflegekasse dazu und wenn es noch nicht langt dann von den Angehörigen der rest noch. Elende verdammte sauwirtschaft für Menschen die ihr leben lang gearbeitet haben , deutschl. wieder mit aufgebaut haben u s w .
der spahn sollte mir lieber nicht unter die Augen treten ich würde mir aus so einen He.........i nichts machen, da kann er feiner Minister sein wie er will sollte ins bergwerk arbeiten gehen damit der weiß was arbeit noch beteudet.

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