"Fakt ist!" aus Dresden Verkehrsforscher: "Auf dem flachen Land ist das Auto alternativlos"

Der Nahverkehr in Sachsen steht in der Kritik. Fünf Zweckverbände planen Bus- und Bahnverbindungen. Das soll sich ändern. Verkehrsminister Martin Dulig will eine Landesverkehrsgesellschaft, die alles einfacher und besser machen soll. Zum Thema "Abenteuer Nahverkehr" diskutierte Moderator Andreas F. Rook mit Minister Dulig, Verkehrswissenschaftler Udo Becker, Nordsachsens Landrat Kai Emanuel, dem Schweizer ARD-Korrespondenten Karl Dietrich Mäurer und der Rennfahrerin Grit Hennersdorf.

von Katrin Tominski

Sachsen ist im Nahverkehr nicht nur ein Dschungel aus Tarifen sondern auch eine Wüste im ländlichen Raum. Überfüllte Züge, wenig Busse, schlechte Anbindungen oder schlichtweg gar kein Verkehr - die Liste der Kritikpunkte ist lang, die Geduld vieler Bürger wird seit Jahren auf die Probe gestellt. "In Mittelsachsen haben wir die Extremsituation, dass drei Verkehrsverbünde aufeinanderstoßen", sagt Dulig. Schwierig werde es dort besonders für die Menschen, die sich zwischen den jeweiligen Verbundräumen bewegten, "die in einer Region arbeiten, in der anderen wohnen und vielleicht in der dritten ihre Kinder zur Kita bringen."

Vor diesem theoretisch-logistischem Horrorszenario aus Mittelsachsen erscheinen die Schilderungen des ARD-Korrespondenten Karl Dietrich Mäurer aus der Schweiz wie eine entspannte Fahrt ins Blaue. "In der Schweiz bin ich ein begeisterter Bahnfahrer geworden", erzählt Mäurer. "Die Züge fahren pünktlich, die Anbindungen funktionieren." Auf jeden Zug warte ein Bus und umgekehrt. "Ich fahre seit 2016 etwa dreimal pro Woche zu Terminen. Außer an einen sehr abgelegenen Ort bin ich immer ohne Probleme angekommen."

Öffentlicher Nahverkehr als Daseinsfürsorge

Verkehrswissenschaftler Udo Becker kennt die Rahmenbedingungen des öffentlichen Nahverkehrs im Nachbarland. "Die Schweiz versteht den öffentlichen Nahverkehr auch als Daseinsfürsorge", erklärt er. Korrespondent Mäurer kann hier nur nickend zustimmen. "In jedem Ort ab 200 Einwohnern muss jeweils sechsmal am Tag ein Bus an-  und auch wieder abfahren." Zudem seien die Anschlüsse zwischen Bahn und Bus gut aufeinander abgestimmt und würden garantiert. Das klingt nach paradiesischen Zuständen für alle Bahnfahrer und Dorfbewohner, ist aber von der Realität in Sachsen entfernt.

Die schwierige Fahrt über die Grenze

Dort gestaltet sich nach den Recherchen der "Fakt ist!"-Redaktion schon allein der Kauf eines Tickets schwierig. Bei einer Fahrt von Borna nach Döbeln über die Tarifgrenze hinweg, gebe es im Preis sehr verschiedene Möglichkeiten. Sachsenticket, Regio-Ticket oder doch lieber ein Ticket der Deutschen Bahn. Oder einzelne Fahrscheine der Verkehrsverbünde? Übrigens: Die Fahrt dauert mit dem Auto bei guter Verkehrslage 53 Minuten. Mit dem Zug brauchen Fahrgäste mindestens eine Stunde und 45 Minuten, auch wenn die Anschlüsse klappen.

Landrat: 95 Prozent der Fahrten innerhalb der Verkehrsräume

Nordsachsens Landrat Kai Emanuel sieht in den Grenzen der Verkehrsverbünde kein Problem. "Etwa 95 Prozent der täglichen Fahrten finden innerhalb der Verkehrsräume statt", erklärte Emanuel. "Wir entwickeln gerade eine digitale Plattform, damit man dann auch von Borna nach Döbeln ein Ticket lösen kann." Das ändert allerdings immer noch nicht die Anreisezeit. Eine Reise von Döbeln in die Landeshauptstadt Dresden gestaltet sich ähnlich schwierig. Mit der Bahn dauert die Fahrt knapp zwei Stunden. Per Auto sind die Döbelner in 40 Minuten auf dem Weihnachtsmarkt in Dresden. "Draußen auf dem flachen Land ist das Auto alternativlos", erklärt Verkehrsforscher Udo Becker.

Rund 70 Prozent der Sachsen soll von modernem Nahverkehr profitieren

"Derzeit ist nur die Hälfte aller Sachsen an den modernen ÖPNV angebunden", sagt Landrat Emanuel. "Das muss sich mindestens auf 70 Prozent erhöhen", fordert der Kommunalpolitiker. Schon jetzt gebe es moderne Konzepte wie das Plus-Bus-System, große Hoffnungen setze er zudem in autonom fahrende Busse. "Wir haben über unsere Lösungen und Konzepte vielleicht zu wenig geredet. Doch wir arbeiten daran."

Landesverkehrsgesellschaft für Mitsprache

Verkehrsminister Dulig glaubt indes nicht mehr an die Wirkkraft der Verkehrsverbünde. "Ich will eine Landesverkehrsgesellschaft, um eine Mobilität der Zukunft beim ÖPNV mitgestalten zu können", sagt er. Bislang überweise die Regierung nur Geld an die Verkehrsverbünde, habe jedoch keinen Einfluss auf die Gestaltung des Nahverkehrs. Das solle sich durch eine Landesverkehrsgesellschaft ändern. Das "Kirchturmdenken" müsse überwunden und der Nahverkehr endlich "attraktiver werden". Die Strategiekommission habe bereits wertvolle Vorschläge geliefert. Weitere Inspirationen für die Ausgestaltung der neuen Gesellschaft könnten zudem die Schweiz und auch andere Länder liefern. Im nächsten Jahr will sich Dulig Städte und Regionen ansehen, die in Sachen Nahverkehr mit innovativen Konzepten arbeiten.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FERNSEHEN | 17.12.2018 | 22:05 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2018, 14:07 Uhr

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