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Fakt ist! - Diskussion "Menschen dürfen sich durch Mobilität nicht gegenseitig umbringen"

Immer mehr Radfahrer sterben im Straßenverkehr. Wie kann das verhindert werden? Muss der Straßenverkehr radfreundlicher werden? Über die "Kampfzone Straße. Wenn Autos und Radfahrer aneinander geraten" diskutierte Moderator Andreas F. Rook bei Fakt ist! mit der Mobilitätspsychologin Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt, dem Planer Tim Tröger vom StadtLabor Leipzig, Fahrschullehrerin Dagmar Kanter, der Sprecherin des Nextbike-Fahrradverleihsystems Mareike Rauchhaus und FDP-Landeschef Holger Zastrow.

von Katrin Tominski

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Es könnte alles so einfach sein. Das zumindest könnte man glauben, wenn man die Bilder aus Kopenhagen und Amsterdam sieht: Breite Radwege, klare Verhältnisse auf der Straße und mancherorts Vorfahrt für Radfahrer haben aus der dänischen und der niederländischen Hauptstadt Fahrradstädte werden lassen. Warum das an vielen Orten in Deutschland nicht so einfach ist, wird spätestens bei der Diskussion Fakt ist! klar. FDP-Landeschef Volker Zastrow ist bekennender Autofahrer und klärt gleich zu Beginn der Talkrunde: "Das Auto ist das meist genutzte Verkehrsmittel." Wenn die Umwelt geschont werden solle, gelte es Platz zu schaffen und keine Staus zu provozieren. Den Autofahrern für die Radfahrer einfach eine Spur wegzunehmen, sei "keine intelligente Lösung". Stattdessen sollte man lieber Nebenstraßen für Radfahrer privilegieren.

Konflikte liegen im Mischverkehr

Autofahrer schneidet Radfahrerin
Was nützt der Radfahrerin der abgetrennte Fahrbereich, wenn Autofahrer die Vorfahrt nehmen und drängeln? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diesen Ansatz konnte der Ingenieur und Planer des StadtLabor Leipzig, Tim Tröger, nicht teilen. "Eine Autospur weniger, heißt ja nicht, dass es keine Autospur mehr gibt", hielt Tröger dagegen und plädiert gleichzeitig für eine Gleichberechtigung von Radfahrern im Straßenverkehr. Auch die sollten das Recht bekommen, auf Hauptverkehrsstraßen zu fahren und sich frei zu bewegen. "Von Diskriminierung von Autos kann man nicht sprechen", meinte Tröger. "In Deutschland kann man sehr gut Autofahren." Der Verkehrsplaner warnte jedoch: " Die größten Konflikte liegen im sogenannten Mischverkehr" - also dort wo sich Autofahrer und Radfahrer die Straße teilen. Die Lösung für ein gutes Miteinander liege für Tröger auf der Hand. Es brauche eine attraktive Infrastruktur mit guten Radwegen und Ampelschaltungen. "Die Angebote regeln das Verkehrsverhalten ", erklärte Tröger. Jung und Alt, auch Kinder, die zur Schule müssen, sollten angstfrei fahren können.

Paris, Barcelona und Madrid als Vorbilder

Tim Tröger
Planer und Dipl.-Ing. Architekt Tim Tröger erstellt für Kommunen und Landkreise in Sachsen Radkonzepte. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Dass dieser Wunsch an der Realität scheitert, bedauerte der Verkehrsplaner. "Den Willen zur fahrradfreundlichen Stadt sehe ich häufig auf dem Papier. Wenn ich mich draußen umschaue, sieht es traurig aus." Bei Verkehrstoten gebe es leider keinen Aufschrei mehr. "Wir haben uns daran gewöhnt. Doch Menschen dürfen sich nicht durch Mobilität gegenseitig umbringen.

Laut Tröger gebe es oft leider keine Strategie, wie Fahrradwege aussehen und geführt werden sollen. In Sachsen und Deutschland würden Radwege viel zu unsystematisch gebaut. Dass es besser gehe, zeigten nicht nur Kopenhagen, sondern auch Paris, Barcelona und Madrid. Dort sei es mit Systematik in kurzer Zeit gelungen, ein flächendeckendes Radnetz zu entwickeln.

Dziekan: Infrastruktur für Radfahrer ausbauen

Katrin Dziekan
Die Verkehrspsychologien Katrin Dziekan. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Rückendeckung bekam der Verkehrsplaner von Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt. "Die Infrastruktur, die wir jetzt haben, ist nicht besonders radfahrtauglich. Wir müssen sie umbauen", erklärte die Mobilitätspsychologin. "Wenn man den ruhenden Verkehr wegräumen würde, wäre genug Platz für alle Verkehrsteilnehmer." Es stünden genug Tiefgaragen mit Parkplätzen zur Verfügung. Die würden nur unzureichend genutzt.

"Unsere Vision ist, dass man in der Stadt nicht mehr so viele Autos braucht." Dies könne gelingen, wenn alternative routen für Radwege existierten und sich Car-Sharing weiter etabliere. Die Dänen und Niederländer seien hier systematisch vorgegangen. Bereits vor 25 Jahren hätten sie das Ziel gehabt, eine Fahrradstadt zu entwickeln – mit Erfolg.

Kanter: Geschwindigkeiten kann man nicht schätzen

"Man kann keine Geschwindigkeiten schätzen. Man verschätzt sich immer", erklärte Dagmar Kanter, Fahrlehrerin und Inhaberin einer Dresdner Fahrschule im Hinblick auf E-Bikes und E-Roller. Auch die Dresdnerin verlangte in der Runde: "Infrastrukturen müssen besser ausgebaut werden." Geschehe dies nicht, werde es für jeden gefährlich.

Rauchhaus: Frische Luft zum Atmen

Mareike Rauchhaus
Mareike Rauchhaus vom Fahrradverleiher Nextbike. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Einen wichtigen Aspekt brachte Mareike Rauchhaus vom Fahrradverleiher "Nextbike" ein: "Wenn wir in den Städten saubere Luft atmen wollen, müssen wir Rad fahren", mahnte sie. Alle wollten Luft und Platz in ihren Städten. Vom Radverkehr könne die gesamte städtische Bevölkerung profitieren.

Saubere Luft weiß auch FDP-Chef Zastrow zu schätzen. "Wenn ich mit dem Rad durch die Innenstadt fahre, meide ich die Hauptverkehrsstraßen", erklärt er und wähle die ruhigere Fußgängerzone. "Dort sind weniger Abgase und weniger Verkehr."

Zastrow: Jede Mobilität sollte gewährleistet sein

Volker Zastrow
Bekannte sich zum Auto und Motorradfahren: FDP-Landesvorsitzender Sachsen, Holger Zastrow. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Trotzdem rückte Zastrow nicht von seinem Auto-Plädoyer ab: Der Straßenverkehr werde in Zukunft weiter zunehmen - auch durch autonom fahrende Autos, erklärte er. Die Straßen müssten dieses Verkehrsaufkommen fassen können. Jede Mobilität solle in der Stadt möglich sein.

"Wahlmöglichkeiten von Mobilitäten gibt es auch in Kopenhagen", konterte Tröger. "Die Menschen dort werden nicht gezwungen, die machen das einfach, weil die Bedingungen so toll sind."

Kanter: Ich wünsche mir wieder Toleranz auf die Straße

Dagmar Kanter
Dagmar Kanter ist Inhaberin einer Fahrschule und Fahrlehrerin. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Auf Hauptstraßen sollten Radwege mit gestrichelten Linien gekennzeichnet werden, schlug Zastrow als Lösung für Radwege vor. In der Debatte um die gerechte Aufteilung der Straßen sollten Ideologien und Scheuklappen weggelassen werden. Der Streit zwischen Autofahrern und Radfahrer sollte Zastrows Meinung nach sachlicher geführt werden.

Auch die Fahrschullehrerin Dagmar Kanter meinte zum Abschluss der Runde: "Ich wünsche mir wieder Toleranz auf die Straße."

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FAKT ist! | 08.04.2019 | 22:05 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 09. April 2019, 13:34 Uhr

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6 Kommentare

11.04.2019 13:42 Eulenspiegel 6

Also eigentlich ist die Sache ganz einfach. Die Radfahrer werden immer mehr also muss der Raum für die Radfahrer auch immer größer werden. Und wenn es kein freien Raum gibt den man den Radfahren geben kann so muss man den Autofahren Raum wegnehmen und diesen Raum dann den Radfahrern geben. Denn die Autofahrer beanspruchen doch sowieso viel zu viel Raum.

10.04.2019 22:18 Jürgen Zimmermann 5

Ich glaube ich habe noch nie im Fernsehen so dämliche Aussagen gehört. Insbesondere die Dame vom Fahrradverleih scheint nicht mehr alle Speichen an der Felge zu haben.
Ich bin an dem Thema wirklich interessiert. Aber nicht untermalt mit solch einem Blödsinn. Unfassbar!

09.04.2019 23:08 DerWollo 4

So, so der Herr Zastrow will ganz ohne Scheuklappen und Ideolgie den Radfahrer in seiner freien Verkehrswahl auf die Nebenstraßen verbannen. Das ist wahre Freiheit. Oder wofür stand nochmal liberal?

09.04.2019 16:28 Morchelchen 3

Wer sich als Fahrradfahrer in den heutzutage dichten Straßenverkehr begibt, der wird sich der Gefahr bewusst sein. Man sitzt nun mal ziemlich angreifbar im Freien auf dem Sattel, dazu meist mit weniger schützender Bekleidung als Motorradfahrer. Sicher, die kriegen auch mehr Tempo drauf, doch sind bergab bei Fahrradfahrern durchaus ordentliche Geschwindigkeiten zu verzeichnen. Wenn es ausreichend Radwege gäbe, wäre es nicht nur ein entspanntes Fahren, sondern ein ungefährlicheres. Doch viele Städter werfen sich trotzdem per Fahrrad jeden Tag erneut mit einem solchen Eifer in die Rush Hour, als würden sie akzeptieren, den nächsten Morgen eventuell nicht mehr zu erleben.
Ich empfinde echte Hochachtung für alle unermüdlichen Pedalritter, die sich tagtäglich trotzig der stärkeren Konkurrenz stellen, egal, wie dicht das Verkehrsaufkommen auch ist.

09.04.2019 16:24 jackblack 2

Vorsicht und GEGENSEITIGE Rücksichtnahme sind die GRUNDREGELN im Straßenverkehr, das kann man leider in einer immer EGOISTISCHEREN Gesellschaft nicht erwarten, durch DEFENSIVES Handeln kommt niemand zu Schaden.

09.04.2019 14:56 jackblack 1

Vorsicht und GEGENSEITIGE Rücksichtnahme sind die GRUNDREGELN im Straßenverkehr, das kann man leider in einer immer EGOISTISCHEREN Gesellschaft nicht erwarten, durch DEFENSIVES Handeln kommt niemand zu Schaden.

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